Hauptrolle Berlin

Rudolf Thome: „In Berlin konnte man damals arm sein“

Hälfte des Lebens: Kurz vor seinem 80. erinnert sich der Regisseur im Zoo Palast an seinen Film „Berlin Chamissoplatz“ von 1980.

Regisseur Rudolf Thome mit Morgenpost-Redakteur Peter Zander im Zoo Palast.

Regisseur Rudolf Thome mit Morgenpost-Redakteur Peter Zander im Zoo Palast.

Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin. Rudolf Thome wird nächsten Monat 80 Jahre alt und wollte eigentlich erst sein Jubiläum mit Anstand hinter sich bringen. Aber dann hat er doch schon am gestrigen Dienstag in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, die die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast veranstaltet, seinen Film „Berlin Chamissoplatz“ aus dem Jahr 1980 präsentiert. Und ist dazu extra von seinem brandenburgischen Bauernhof angereist, in dem er heute lebt.

Sein Film handelt von der Berliner Baupolitik jener Jahre, die heute geradezu fantastisch anmutet: Zigtausende Altbauwohnungen standen leer – das genaue Gegenteil zur heutigen Wohnungsknappheit. Und doch hatte das dieselben Ängste zur Folge: Weil ganze Straßenzüge luxussaniert wurden, fürchteten die Anwohner, die höheren Mieten nicht mehr zahlen und sich die eigene Stadt nicht mehr leisten zu können.

Vor der Steuer geflohen - und vor seiner Frau

Thome hat mit „Rote Sonne“ den Kultfilm der 68er-Generation gedreht und war ein früher Vertreter des Neuen Deutschen Films. Die Filmhauptstadt damals war indes München, wo auch er gelebt hat. Wie hat es Thome da 1973 nach West-Berlin verschlagen? „Ich bin geflüchtet“, gibt er im Zoo Palast offen zu. Und zwar vor dem Steuerhinterzieher. Seine letzten Filme hatten Schulden gemacht. Aber, wie er freimütig bekennt, auch vor seiner damaligen Frau, die gern Geld ausgab. Und: „In Berlin konnte man damals arm sein“, bekennt Thome.

Weil er keine neue Beziehung hatte, wollte er eine Liebesgeschichte wenigstens drehen. Aber nicht im luftleeren Raum, sondern in einer präzisen Situation. Und die fand Thome buchstäblich vor der Haustür, in seinem Kiez am Chamissoplatz, für den es damals ein radikales Sanierungsprogramm gab.

Ein Anwohner störte den Dreh mit einer Trompete

Wie war das für die Anwohner, als in dieser unruhigen Zeit auch noch ein Filmstab hier zu drehen begann? Das habe keine Probleme bereitet, sagt Thome. Er hat sogar versucht, Aktivisten gegen die rigide Baupolitik mit einzubinden. Beim Dreh hat nur einmal ein Mieter mit lauter Musik gestört. Dem hat ein Filmtechniker dann den Strom abgedreht. Worauf der Mann Trompete blies. Eine hübsche Anekdote in einer doch aufgeheizten Situation. Fast parallel zum Dreh, erinnert sich der 79-Jährige, hat sich die Berliner Hausbesetzerszene radikalisiert. Auch deshalb ist sein Film ein einzigartiges Dokument. Und in heutigen Zeiten der Gentrifizierung überraschend aktuell.

Als nächstes läuft in der Filmreihe am 5. November, zum 30. Jahrestag des Mauerfalls, „Die Architekten“, einer der letzten Filme der DDR von 1989. Zu Gast ist dann Regisseur Peter Kahane.