Obdachlosigkeit

Berliner Kältehilfe startet in die Wintersaison

| Lesedauer: 4 Minuten
Ein Obdachloser liegt am bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in einem Schlafsack unter einer Brücke (Symbolbild).

Ein Obdachloser liegt am bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in einem Schlafsack unter einer Brücke (Symbolbild).

Foto: Bodo Marks / dpa

Seit 30 Jahren gibt es die Berliner Kältehilfe. In diesem Jahr gibt es mehr als 1150 Plätze für Obdachlose.

Berlin. Gerade ist der erste schwere Herbststurm über Berlin hinweggefegt, da startet die Kältehilfe die Wintersaison, um Obdachlose vor sinkenden Temperaturen zu schützen. Seit dem 1. Oktober stehen in der Stadt wieder Notübernachtungsplätze für Menschen ohne Wohnung bereit.

Noch im Oktober werden 678 Plätze geöffnet, teilte die Liga der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Berlin am Dienstag mit. Zu der Liga gehören AWO, Caritas, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie und die Jüdische Gemeinde. Die Zahl wird dann schrittweise angehoben. Im November sollen dann insgesamt bis zu 1157 Notschlafplätze für obdachlose Menschen zur Verfügung stehen.

Vereine fordern mehr präventive Maßnahmen

Seit 30 Jahren gibt es nun die Kältehilfe Berlin. Für die Verantwortlichen ist dieses Jubiläum jedoch kein Grund zur Freude. „30 Jahre Kältehilfe sind kein Grund zu feiern, sondern eher ein Armutszeugnis“, sagte Oliver Bürgel, Vorsitzender der Liga Berlin, zum Start der diesjährigen Saison. Die Kältehilfe sei ein „letztes Notsystem“, nachhaltige Lösungen würden jedoch am Anfang der Kette benötigt. Bürgel forderte den Ausbau präventiver Maßnahmen, wie beispielsweise mehr aufsuchende Sozialarbeit sowie mehr Wohnungslosenhilfe, um präventiv gegen Wohnungsnot vorzugehen. Er mahnte außerdem an, dass es in Berlin mehr bezahlbaren Wohnraum geben müsse.

Denn, und darin waren sich die Verantwortlichen der Verbände, Vereine und Institutionen einig, die steigenden Miet- und Wohnungspreise in der Stadt seien zum Teil verantwortlich für Obdachlosigkeit. Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin- Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, sagte: „Kältehilfe ist eine Arbeit, die es eigentlich nicht geben dürfte.“ Seit Beginn im Jahr 1989 seien die Platzzahlen stetig gestiegen. „Es leben so viele Menschen auf der Straße wie noch nie“, so Eschen. 2009/10 habe es täglich durchschnittlich 369 Plätze in 17 Notübernachtungen und 17 Notcafés gegeben. 2014/15 waren es 534, im Winter 2017/18 bereits 1033 Plätze in 28 Notübernachtungen und 15 Nachtcafés.

Wie viele Menschen obdachlos in Berlin leben, ist bislang nicht bekannt. Schätzungen gehen von 6000 bis 10.000 Betroffenen aus. Die Zahl der Menschen in Berlin ohne eigene Wohnung, die bei Verwandten, Freunden, in Übergangsunterkünften oder Wohnheimen leben, wird auf etwa 50.000 geschätzt. Der Senat will Ende Januar 2020 mit Hilfe zahlreicher Organisationen und Verbände erstmals die Zahl der auf der Straße lebenden Menschen systematisch erfassen. Laut Schätzungen kommen rund zwei Drittel der Obdachlosen aus Osteuropa. Zudem haben ehrenamtliche Helfer zuletzt eine wachsende Zahl von obdachlosen Flüchtlingen registriert.

Dennoch forderte die Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin, Ulrike Kostka, die Zahl der Notschlafplätze für Obdachlose im Rahmen der Kältehilfe in der Stadt nicht weiter zu erhöhen. „Die rasante Ausweitung der Kältehilfe muss ein Ende haben“, sagte sie. Die Probleme dürften nicht verschoben werden. „Vorrangig muss die Schaffung von Wohnraum sein und nicht die von Notübernachtungen.“

Die Kältehilfe wurde 1989 von Kirchengemeinden, Wohlfahrtsverbänden und der damaligen Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales ins Leben gerufen. Das Netz beteiligter Akteure ist seitdem deutlich gewachsen. Wesentlich ist bis heute das Engagement zahlreicher ehrenamtlicher Helfer.

Schwerpunkt der Arbeit findet in Innenstadtbezirken statt

Die Kältehilfe der Liga Berlin wird bis zum 30. April 2020 geöffnet sein. Der Schwerpunkt der Arbeit findet in Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg statt. Über das Kältehilfetelefon (Wärmebus ab 18 Uhr 030 600 300 1010 und Kältebus ab 21 Uhr 0178–523 5838) können Berliner obdachlose Personen melden. Neben den Notschlafplätzen sind auch die Kältebusse der Berliner Stadtmission, der Wärmebus des Deutschen Roten Kreuzes oder die Kälteambulanz der Johanniter-Unfall-Hilfe im Einsatz. Ebenfalls neu in diesem Jahr ist die kostenfreie Kältehilfe-App, die Menschen ohne dauerhaften Internetzugang auch offline nutzen können.

Und auch andere Institutionen starten bereits im Oktober in die Kältehilfesaison. So etwa auch die gemeinnützige Gesellschaft Kubus in Neukölln. An der Teupitzer Straße stehen 25 obdachlosen Männern Notschlafplätze zur Verfügung.

Lesen Sie auch:

Senat kündigt 1100 Winter-Schlafplätze für Obdachlose an

125 Jahre Bahnhofsmission: Ein Ort für Menschen, die den Anschluss verloren haben

Nacht der Solidarität: Berliner Obdachlose werden gezählt