Mord im Wettbüro

Acht Schüsse auf Tahir Ö. - Finale im Rockermord-Prozess

Nach 300 Verhandlungstagen in fünf Jahren geht der Prozess um einen Mord im Rockermilieu zu Ende. In dieser Woche wird das Urteil verkündet


Polizeibeamte untersuchen den Tatort, ein Wettbüro in Reinickendorf, nach dem Mord an Tahir Ö.

Polizeibeamte untersuchen den Tatort, ein Wettbüro in Reinickendorf, nach dem Mord an Tahir Ö.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

In dieser Woche, noch ist unklar ob am Dienstag oder am Mittwoch, wird Richter Thomas Groß in der „Strafsache gegen B. und andere“ zum genau 300. und zugleich letzten Mal die Sitzung seiner 15. Schwurgerichtskammer eröffnen. Es wird etwas dauern, bis die erwarteten zwei Dutzend Kameraleute und Fotografen ihre Bilder „im Kasten“ und die etwa 30 Journalisten (mehr passen nicht in den Saal) ihre Plätze eingenommen haben.

Anschließend wird Groß das Urteil verkünden und damit die Frage beantworten, die nicht nur die Berliner Justiz sondern auch Medien und Öffentlichkeit seit fünf Jahren interessiert wie kaum ein anderes Verbrechen aus der jüngeren Vergangenheit: Haben ein Dutzend „Hells Angels“ im Januar 2014 in in Reinickendorf einen Widersacher kaltblütig ermordet?

Rockermord - Acht Schüsse auf Tahir Ö.

An der Tat selbst besteht kein Zweifel. Es existiert ein Video, aufgenommen von einer Überwachungskamera des Lokals „Expekt“ und im Internet zigtausendfach aufgerufen. Es zeigt, wie am Abend des 10. Januar 2014 gegen 23 Uhr 13 Männer im Gänsemarsch an verblüfft dreinschauenden Gästen vorbei durch das Lokal in ein Hinterzimmer gehen.

Dort zieht der Erste in der Reihe blitzschnell eine Waffe und gibt acht Schüsse auf den an einem Tisch sitzenden Tahir Ö. ab. Sechsmal werden lebenswichtige Organe des 26-Jährigen getroffen, er stirbt nur Minuten später. Weiter ist zu sehen, wie erschrockene Gäste unter Tischen in Deckung gehen, der Schütze hastig durch eine Hintertür aus dem Lokal flüchtet und auch seine Begleiter nach draußen laufen oder rennen. Nach 25 Sekunden ist alles vorbei.

Neun mutmaßlich Beteiligte sitzen seit fünf Jahren auf der Anklagebank

Für die Staatsanwaltschaft ist schnell klar, es war ein geplanter Mord, Rache für eine zuvor erfolgte Messerattacke vor einer Diskothek, an der Ö. beteiligt war und zwei „Hells Angels“ verletzt hatte. Derartiges macht eine Reaktion, genauer einen Racheakt unvermeidlich, dass gebieten Ehre und Ansehen in der Rockerszene.

Die meisten Beteiligten an der Tat im „Expekt konnten schnell identifiziert und schon kurze Zeit später festgenommen werden. Neun mutmaßliche Beteiligte sitzen seither in Untersuchungshaft und seit nunmehr fünf Jahren auf der Anklagebank. Gegen einen Zehnten hat sich der Verdacht der Beteiligung nicht bestätigt, das Verfahren gegen einen weiteren Angeklagten musste wegen dessen Erkrankung abgetrennt werden und zwei mutmaßliche Mittäter haben sich abgesetzt.

Angeklagte sitzen in Kabinen aus Panzerglas

Der Hochsicherheitssaal 500 im Gerichtsgebäude an der Turmstraße in Moabit hat schon viele spektakuläre Prozesse erlebt. Terroristen haben hier ebenso auf der Anklagebank gesessen wie die Machthaber der untergegangenen DDR. In punkto Aufwand und Anzahl der Beteiligten steht die Hauptverhandlung gegen die „Hells Angels“ diesen Prozessen in nichts nach.

Die Angeklagten sitzen in den an beiden Längsseiten des Saales installierten Kabinen aus Panzerglas, davor haben ihre insgesamt 23 Verteidiger Platz genommen. Hinzu kommen vier Anwälte, die Mutter und Schwestern des Getöteten als Nebenkläger vertreten und acht Gutachter, die seit November 2014 nahezu in jedem Verhandlungstag das Geschehen verfolgen.

Vier Staatsanwälte, fünf Richter, vier Schöffen, zwei Dutzend Wachtmeister

Vier Staatsanwälte teilen sich die Anklagevertretung, auf der Richterbank sitzen nicht nur die üblichen drei Berufsrichter und zwei Schöffen, dahinter sitzen noch zwei Ersatzrichter und zwei Ergänzungsschöffen. So soll vermieden werden, dass die ohnehin zäh verlaufende Verhandlung durch Erkrankung eines Richters oder Schöffen womöglich ganz zum Erliegen kommt.

Für die Sicherheit sorgen zwei Dutzend Justizwachtmeister in Schutzwesten, im Falle eines Falles bekämen sie sofort Unterstützung von einem Großaufgebot bewaffneter Polizisten, die versteckt vor der Öffentlichkeit, aber ganz in der Nähe positioniert sind. Wer in den Saal will, muss gleich zwei Sicherheitsschleusen passieren, auch akkreditierte Journallisten werden kontrolliert, mehr als einen Kuli und einen Schreibblock dürfen sie nicht mitnehmen.

Kadir P. sitzt seit fünf Jahren in U-Haft

Auf der Anklagebank sitzt auch Kadir P., der uneingeschränkte Boss der Berliner Höllenengel. Es wäre falsch zu behaupten, die Tat und der mutmaßliche Täter habe die Ermittler der Polizei nur am Rande interessiert. Aber es ist eine Tatsache, dass ihr Hauptaugenmerk P. galt und gilt. Der Rockerboss ist so etwas wie der Stachel im Fleisch des Landeskriminalamtes (LKA).

Auch er sitzt seit fünf Jahren in U-Haft. Davor aber gab es kaum ein in der Rockerszene verübtes Verbrechen, mit dem P. nicht in irgendeiner Verbindung gebracht wurde. Allein, es gibt keinen Beweis gegen P., vielleicht nicht seine Weste, aber sein Strafregister ist blütenrein. In diesem Fall wurde P. angeklagt, weil die Staatsanwaltschaft nach langen intensiven Ermittlungen überzeugt ist, dass er den Auftrag für den Mord an Tahir Ö. gab.

Knapp 350 Zeugen und zwei Dutzend Sachverständige

Wenn Mordkommissionen an die Arbeit gehen, beginnen sie in der Regel bei Null. In diesem Fall stimmt das nicht, bereits lange vor der Tat liefen verdeckte Ermittlungen der LKA-Abteilung für organisierte Kriminalität gegen Kadir P. und andere Rockergrößen. Auch Hinweise auf eine geplante Aktion gegen Tahir Ö. gab es, unklar war lange nur, wie ernst die zu nehmen waren. In jedem Fall flossen die Ermittlungsergebnisse der Ok-Fahnder in die Arbeit der Mordkommission mit ein.

Für den Prozess bedeutete dies, es wurden in den vergangenen Jahren knapp 350 Zeugen und zwei Dutzend Sachverständige gehört sowie Protokolle aus mehr als 150 Stunden Telefonüberwachung und Berge von E-Mails und Textnachrichten verlesen. Die abgehörten Telefonate von Kadir P. sind ein wichtiger Baustein im Indiziengebäude der Staatsanwaltschaft, ein anderer ist der Kronzeuge Kassra Z., in der Szene als der „Perser“ bekannt. Z. saß zwei Monate nach der Tat bei den Beamten der Mordkommission an der Keithstraße und packte aus.

Der „Perser“ hat gegen den Ehrenkodex der Rocker verstoßen

Die Panzerglas-Kabinen im Saal 500, in denen die Angeklagten sitzen, lassen sich bei Bedarf unterteilen. In diesem Prozess besteht Bedarf. Kassra Z. sitzt in solch einem abgetrennten Bereich. Denn der “Perser“ hat gegen den Ehrenkodex der Rocker verstoßen und mit der Polizei geredet. Er gilt seither als Verräter seiner „Brüder“, was in der Szene durchaus einem Todesurteil gleichkommen kann.

Deshalb ist er jetzt an einem geheimen Ort untergebracht, beschützt von SEK-Beamten. An jedem Verhandlungstag setzt sich dort ein Konvoi gepanzerter von vermummten Elitepolizisten begleiteter Fahrzeuge in Bewegung. So wird der „Perser“ in den Gerichtssaal und nach der Verhandlung zurück in seine geheime Unterkunft gebracht.

Verteidiger bestreiten Mordvorwurf vehement

Die Verteidiger haben die These der Staatsanwaltschaft vom geplanten Mord stets vehement bestritten. Es sei lediglich vorgesehen gewesen, Tahir Ö. einen Denkzettel zu verpassen, eine „deutliche Ansage“ zu machen, das sei dann aus dem Ruder gelaufen, hieß es. Und der mutmaßliche Schütze habe erst geschossen, als er bei Tahir Ö. eine Bewegung bemerkte und fürchtete, dieser könne eine Waffe ziehen, lautet eine von der Verteidigung dargestellte Version, also quasi in Notwehr gehandelt.

Angeklagte haben in einem Prozess vor der Urteilsverkündung das letzte Wort. Die Höllenengel bekommen dazu am Montag Gelegenheit. Und dann heißt es warten. Geplanter Mord oder aus dem Ruder gelaufener Denkzettel mit tragischem aber ungewollten Ausgang, spätestens am Mittwoch wird die Öffentlichkeit es wissen.