Fernsehturm

Drehrestaurant Sphere: Kalter Hund trifft Grüne Wiese

Im Drehrestaurant „Sphere“ im Fernsehturm lässt sich deutsche Geschichte im Jubiläumsjahr von der kulinarischen Seite erleben.

Restaurantleiterin Sibylle Janke (43) arbeitet seit ihrer Ausbildung im Fernsehturm.

Restaurantleiterin Sibylle Janke (43) arbeitet seit ihrer Ausbildung im Fernsehturm.

Foto: Sergej Glanze

Berlin. Am stärksten ist der Geruch im Fahrstuhl. Dabei wurde der, so klärt Pressesprecher Dietmar Jeserich auf, erst vor einigen Jahren neu eingebaut. Muffig, metallisch, ein wenig säuerlich. Der Duft der DDR ist im Fernsehturm am Alexanderplatz allgegenwärtig. Ganz so, als hätte sich das Desinfektionsmittel Wofasept aus dem Chemiekombinat Bitterfeld tief ins Gemäuer gefressen.

Steigt man in der Panoramaetage aus und läuft die letzten 21 Stufen ins Restaurant „Sphere“ hinauf, kommen vertraute Essensgerüche hinzu: Senf, Soljanka, Mitropa. Vergangenheit in der Nase. Zum 50. Jubiläum des Berliner Wahrzeichens werden in 207,53 Metern Höhe kulinarische DDR-Klassiker serviert. Steak au four, Kartoffelsuppe, Berliner Bulette und Kalter Hund. Solide Hausmannskost nach Originalrezepten, die manchen Besucher in seine Kindheit zurückversetzen wird. „Erinnern Sie sich noch?“, lautet das Motto. Nachgeborene und internationale Touristen können die Feinheiten von Roastbeef mit Waldorfsalat, Pfirsich Melba und Eisbein mit Sauerkraut hingegen ganz neu für sich entdecken.

Gemeinsam mit dem noch immer höchsten Bauwerk Deutschlands wurde das Drehrestaurant 1969 unter dem Namen „Telecafé“ eröffnet. Der äußere Teil ist ein auf 120 Rollen gelagerter Ring, der dafür sorgt, dass die Besucher während des Essens einen 360-Grad-Blick über die ganze Stadt genießen können. Noch vor dem ersten Glas sorgt das beim Eintreten für ein leichtes Schwindelgefühl, das auch nach einer Akklimatisierungszeit nicht vollständig nachlässt. Restaurantleiterin Sibylle Janke berichtet zudem von herrenlosen Gepäckstücken, die von Gästen auf der Fensterbank abgestellt und davongedreht wurden. Um nach dem Gang zur Toilette den eigenen Tisch wiederzufinden, helfen rot leuchtende Nummernanzeigen. Originalgetreu im 70er-Jahre-Design, so wie das gesamte Interieur des Restaurants. Ein Teppich mit kreisförmigem Muster, futuristische Lampen und ein Glasmosaik des Künstlers Richard O. Wilhelm, das die Milchstraße symbolisiert. Stühle und Tische seien allerdings zu Gunsten der Zweckmäßigkeit durch neuere Modelle ersetzt worden, so Janke. In alter Multifunktionstisch-Tradition lassen sich letztere aber entsprechend der Belegung ein- und ausklappen.

200 Plätze, verteilt auf 40 Tische, stehen im „Sphere“ zur Verfügung. Bis zum Umbau Mitte der 90er-Jahre galt dort das Motto „Eine Runde, eine Stunde“, um die Aussicht und das Menü zu genießen. Heute dürfen die Gäste so lang bleiben, wie sie möchten, die Umdrehungsgeschwindigkeit lässt sich zwischen einer halben und ganzen Stunde variieren. Erwachsene verfielen angesichts des Blicks häufig in einen regelrechten Fotorausch, erzählt Janke, während sich Kinder schnell langweilten. Für diesen Fall gibt es ein paar Buntstifte und das Maskottchen Turmi zum Ausmalen an jedem Platz.

Mit nur 29 Metern Durchmesser bleibt für die Logistik im „Sphere“ nicht viel Raum. Die Küche ist gerade einmal elf Quadratmeter groß. Alles, was nicht à la minute zubereitet werden muss, wird in die Vorbereitungsküche im unteren Stockwerk ausgelagert. Verantwortlich für die kulinarische Gestaltung ist seit 2011 ein Niederländer. Bei der Ausarbeitung zur Zeitreise-Karte musste sich Andries Dijks also auf die Erfahrung langjähriger Mitarbeiter und historische Rezepte verlassen. Die Soljanka beispielsweise wurde genau so wie heute bereits zu DDR-Zeiten serviert. Daneben stehen ganzjährig internationale Klassiker wie Surf & Turf, gebratene Jakobsmuscheln und ein Burger auf der Karte. Seit Kurzem gibt es auch vegane Speisen und für die Kinder Milchreis, Spaghetti mit Tomatensoße und Hühnchennuggets.

Auch ein Stockwerk tiefer lässt sich im Jubiläumsjahr retrospektiv genießen. An der „Bar 203“ werden Grüne Wiese (Wodka, Curaçao-Likör, Orangensaft, Sekt) und Moulin Rouge (Pfirsichlikör, Orangensaft, Rotwein) gereicht. „Klingt nach Kopfschmerz und schmeckt wahrscheinlich erst beim dritten Glas“, sagt Sibylle Janke und lacht. „Ein bisschen Schmunzelei soll dabei sein“. Nicht Spitzenmixologie, sondern die Freude an der Erinnerung steht bei diesen Drinks im Mittelpunkt. Wer es klassischer mag, entscheidet sich für einen Manhattan, Whisky Sour, Espresso Martini oder einen Schaumwein. Kleiner Wermutstropfen für Ostalgiker: Der Sekt ist kein Rotkäppchen, sondern eine Cuvée Berliner Fernsehturm aus Chardonnay-Trauben. Für besondere Anlässe steht auch Champagner auf der Karte. Schließlich kann man sich 203 Meter über Berlin auch das Ja-Wort geben. „Im siebten Himmel quasi“, sagt Janke. Die Nachfrage sei hoch, letztendlich entscheiden sich angesichts des Preises von 2500 Euro dann aber dann doch wenige Paare für eine Vermählung im Fernsehturm. Heiratsanträge hingegen kämen etwa 20 Mal pro Woche vor.

Auch bei den Mitarbeitern liege häufig Liebe in der Luft. Viele hätten sich im Laufe der Jahre bei der Arbeit kennengelernt und Familien gegründet, so Sibylle Janke. Der Fernsehturm sei für sie nicht einfach nur ein Arbeitsplatz. „Deshalb bleiben sie oft jahrzehntelang.“ Auch die gebürtige Ost-Berlinerin hat am Alexanderplatz schon ihre Ausbildung zur Restaurantfachfrau absolviert und ist dem „Sphere“ seitdem treu geblieben. Der Fernsehturm habe für die Mitarbeiter ein hohes Identifikationspotenzial, sagt sie. Das gilt 30 Jahre nach dem Mauerfall aber wahrscheinlich für die meisten Berliner. Auch wenn der Weg nach oben häufig nur über Besuch von auswärts führt.