Stadtentwicklung

Hochhauspläne für Berlins Mitte haben eine lange Tradition

Ein Beitrag von Harald Bodenschatz, Deutscher Werkbund Berlin,und Ephraim Gothe (SPD), Stadtrat für Stadtentwicklung in Mitte.

Blick auf Berlin.

Blick auf Berlin.

Foto: Sophia Kembowski / dpa

Berlin. Mit der Gründung von (Groß-)Berlin 1920 verstärkte sich die Suche nach einem neuen Zentrum: Wo sollte die neue, riesige Weltstadt ihre Mitte finden, und wie sollte diese geformt sein? In der Zeit der Weimarer Republik war die verbale und zeichnerische Antwort relativ klar: Das Zentrum sollte noch weiter nach Westen rücken, es sollte zudem autogerechter und durch neue Hochhäuser an städtebaulich ausgewählten Standorten geprägt werden.

Im Jahr 1929 formulierte Gustav Böß, Oberbürgermeister von Berlin, für die Mitte der Stadt eine klare Vision: „In sogenannten Geschäftsvierteln, die genau begrenzt werden, sollen höhere Häuser mit sieben bis acht Geschossen zugelassen werden, jedoch keine Wolkenkratzer. Man hat den Nachteil solcher Gebäude für den Verkehr und die Gesundheit der Bevölkerung an dem Beispiel der amerikanischen Städte klar erkannt. Turmhäuser sollten nur ausnahmsweise und für besonders bedeutsame Stellen der Stadt als Sichtpunkte und Wahrzeichen zugelassen werden.“ Damit beschrieb Böß die vorherrschende Sichtweise dieser Jahre.

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Radikale Träume – gezeichnet auf geduldigem Papier

Zunächst aber blieb das Zentrum im Wesentlichen so, wie es bis vor dem Ersten Weltkrieg entstanden war. Denn die so oft beschworenen „Goldenen Zwanziger“ waren in Berlin eine wirtschaftlich sehr schwierige Zeit. Die Weimarer Republik war daher kein Nährboden für ein großes Neubauprogramm in der Berliner Mitte, erst recht nicht für Hochhäuser, wohl aber für radikale Träume – gezeichnet auf geduldigem Papier.

Berühmt ist der von der Turmhausaktiengesellschaft ausgelobte Wettbewerb zum Hochhaus am Bahnhof Friedrichstraße 1921/22, an dem 144 Architekten teilnahmen. Im Rahmen dieses Wettbewerbs entwarf Mies van der Rohe sein bekanntes gläsernes Hochhaus – ein harter Kontrast zur überkommenen Stadt. Der Wettbewerb blieb genauso ohne Folgen wie die berühmte, schonungslos zerstörerische Vision des Architekten und Stadtplaners Ludwig Hilberseimer, der 1928 eine Neubebauung der Berliner City südlich der Allee Unter den Linden und westlich des Gendarmenmarktes mit 18 einheitlich gestalteten Hochhausscheiben vorschlug.

Tatsächlich gebaut wurden nur bescheidene Hochhäuser, etwa das Europahaus (1926-31) am Askanischen Platz, die beiden Hochhäuser von Peter Behrens am Alexanderplatz (1931-32) und das Columbushaus am Potsdamer Platz (1930-32). Wenn man die Standorte der geplanten, nicht realisierten Hochhausprojekte betrachtet, so liegen diese zum Teil, aber keineswegs immer an städtebaulich hervorgehobenen Stellen: am wichtigsten City-Bahnhof (Friedrichstraße), an der wichtigsten Stadtkreuzung Unter den Linden/Friedrichstraße und am geplanten neuen Zentralbahnhof (damals noch Lehrter Stadtbahnhof). Dazu kamen die Standorte Alexanderplatz und am Potsdamer Platz mit ihren zwar bescheidenen, aber immerhin auch gebauten Hochhäusern. Beispiele für hinsichtlich des Standorts „ungeplante“ Hochhäuser waren der Borsigturm (1922), der Ullsteinturm (1927) und das Kathreiner-Hochhaus (1930).

Hintergrund: Wo der Turmbau an Grenzen stößt

Auch in der NS-Zeit nach 1933 wurde eine neue Stadtsilhouette geplant, aber nicht mehr mit Bauten des privaten Kapitals, sondern mit öffentlichen Bauten des Dritten Reiches, etwa durch die 290 Meter hohe „Große Halle“, den größten Bau überhaupt, aber auch durch andere Hochbauten an der geplanten Nord-Südachse. Hier plante das Reich, nicht die Stadt, um städtebaulich die Überlegenheit der Hauptstadt zu manifestieren.

Mit der Entscheidung für den Bau des Fernsehturms (1964) und zur Umgestaltung des Alexanderplatzes unter Einbezug eines Hochhauses (seit 1967) wurde in DDR-Zeiten ein neues Konzept für die Silhouette einer sozialistischen Mitte geplant und realisiert. Das 123 Meter hohe Hotel „Stadt Berlin“(1967-70) markierte den Knick der Ostachse in Höhe Alexanderplatz. Der Fernsehturm (1965-69) ist mit 368 Metern immer noch das höchste Bauwerk Deutschlands.

Nach dem unerwarteten Fall der Berliner Mauer 1989 war zunächst unklar, wie die neue Mitte eines neuen Gesamtberlins gestaltet werden sollte. Der siegreiche Beitrag von Heinz Hilmer und Christoph Sattler zum 1991 durchgeführten Wettbewerb der Neugestaltung des Potsdamer Platzes sah bescheidene Hochhäuser vor. Erst in der Folgezeit setzte sich der Wunsch nach zwei 100 Meter hohen Hochhäusern durch, dem markanten Backsteinbau von Hans Kollhoff und dem Glasturm von Helmut Jahn, flankiert von kleineren Hochhäusern.

Der 1993 durchgeführte Wettbewerb Alexanderplatz wurde von Kollhoff gewonnen, der eine Gruppe von 13 Hochhäusern mit einheitlicher Höhe von 150 Metern entwarf. Zu den beiden Hochhausensembles am Alexanderplatz und am Potsdamer Platz trat ein weiteres Hochhausquartier: der Breitscheidplatz mit dem „Zoofenster“, das unter der Senatsbaudirektorin Barbara Jakubeit zu einer Hochhausgruppe um die Gedächtniskirche erweitert wurde.

Das weit von Osten nach Westen gestreckte innerstädtische Gebiet des 1999 durch den Senat beschlossenen Planwerks Innenstadt erhielt daher drei städtebauliche Hochhausakzente am Alexanderplatz, am Potsdamer Platz und am Breitscheidplatz. Damit war ein plausibles, freilich nicht explizit verkündetes, Hochhauskonzept begründet, das jedoch aufgrund der wirtschaftlichen Lage zunächst nicht realisiert werden konnte. Erst um 2007 setzte langsam wieder eine Diskussion über Hochhäuser in der Berliner Mitte ein. Diese betraf vor allem den Alexanderplatz, aber mehr und mehr auch andere Standorte, etwa die Europacity am Hauptbahnhof.

Die Verführung ist groß, den Status Quo zu konservieren

Inzwischen war das inoffizielle Regelwerk mit zwei Hochhausgruppen an den beiden Eingängen zur Berliner Mitte, das sich an der Idee von Hans Kollhoff orientierte, verblasst. Nun stellte sich die Frage erneut: Wo sollen städtebaulich begründete Hochhäuser gebaut werden dürfen? Der Berliner Senat hat Senatsbaudirektorin Regula Lüscher beauftragt, diese Frage in einem Hochhausplan zu klären. In der Vorbereitungszeit haben hoch fliegende Ideen Konjunktur.

Die Verführung ist groß, den Status Quo zu konservieren und „Ende der Durchsage“ zu verkünden. Das kann es aber nicht sein. Es macht Sinn, den Blick über den S-Bahnring hinaus zu weiten und die Region bis weit nach Brandenburg zu erfassen. Gibt es dort womöglich auch begründbare Hochhausstandorte?

Die vier berühmten Kreuze – Westkreuz, Nordkreuz (Gesundbrunnen), Ostkreuz und Südkreuz – waren bereits Anfang der 1990er Jahre als Hochhausstandorte in der Diskussion. Heute sind sie meist vergessen, obwohl sie mittelfristig wieder sinnvolle Verdichtungsgebiete werden könnten. Weitere mögliche kleinere Hochhausstandorte könnten an ausgewählten Standorten der großen Ausfallstraßen Platz finden, möglicherweise auch am Flughafen in Schönefeld. Für das wachsende, künftige Berlin brauchen wir ein Hochhauskonzept, das für Teilflächen dieser Stadt unterschiedliche Regeln formuliert, das auch anpassungsfähig ist, reaktiv und proaktiv.

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung des Aufsatzes von Harald Bodenschatz und Ephraim Gothe: „Hoch hinaus! Das Ringen um eine neue Silhouette für die Berliner Mitte“, veröffentlicht im Band: „100 Jahre (Groß-)Berlin und seine Zentren“. Wasmuth & Zohlen Verlag, Berlin, 2019