Prozess

Wenn aus Kinderstreit eine Schlägerei wird

Weil sie auf einem Spielplatz randalierten und die Notaufnahme einer Klinik belagerten, stehen acht Männer vor Gericht.

Streit unter Kindern auf Spielplatz in Berlin-Gesundbrunnen eskaliert: Den Beschuldigten wird unter anderem gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Streit unter Kindern auf Spielplatz in Berlin-Gesundbrunnen eskaliert: Den Beschuldigten wird unter anderem gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Foto: Olaf Wagner

Berlin. Es ist nicht ganz klar, worum sich der Streit zweier kleiner Jungen auf einem Spielplatz in Gesundbrunnen drehte, ob es darum ging, wer zuerst auf die Schaukel durfte oder darum, wer das Vorrecht im Buddelkasten hat. Die Schilderungen gehen da etwas auseinander.

Klar ist hingegen, dass einigen erwachsenen Angehörigen der beiden kleinen Spielplatzrecken das Ganze wichtig genug erschien, um tatkräftig in das Geschehen einzugreifen. Was folgte, war zuerst eine wüste Prügelei, dann ein größerer Polizeieinsatz und jetzt, am Donnerstag, ein Prozess vor dem Amtsgericht.

Streit auf Spielplatz in Gesundbrunnen eskaliert: Alles beginnt offenbar mit einer Ohrfeige

Auf der Anklagebank mussten acht Männer zwischen 23 und 47 Jahren Platz nehmen. Alle sind Serben oder Deutsche mit serbischen Wurzeln und alle sind irgendwie miteinander verwandt. Verwandtschaftliche Bande bestehen allerdings auch zwischen einigen Angeklagten und dem jungen Paar, das bei der Auseinandersetzung am Tattag auf der Gegenseite stand.

Der 21. Mai 2018 war ein Sonntag. Auf dem Kinderspielplatz an der Koloniestraße herrschte Hochbetrieb. Das machte es für die Ermittler schwierig, herauszufinden, was genau passierte und wer was getan hat. Zeugen zufolge soll der kleine Sohn des Paares weinend zu seinem Vater gerannt sein, weil die Oma des anderen Jungen ihm eine Ohrfeige gegeben habe. Der Vater lieferte sich ein heftiges Wortgefecht mit der Oma, die bekam ihrerseits schnell Unterstützung von diversen Verwandten, die sich allesamt in der Nähe aufhielten.

Erst flogen Flaschen, Pflastersteine und ein Skateboard

Mehrere Männer hätten auf ihn eingeschlagen und -getreten, zudem seien wie aus heiterem Himmel Flaschen und Pflastersteine und selbst ein Skateboard in seine Richtung geflogen, beschrieb der Vater als Zeuge am Donnerstag das Geschehen. „Ich hatte Angst um mein Leben“, erklärte der 29-Jährige der Richterin Birgit Balzer.

Sehr bald wurde dem Mann klar, dass er gegen die Übermacht keine Chance hat. So schnell es seine inzwischen erlittenen Verletzungen erlaubten, trat er den Rückzug an. Als es ihm zu Hause immer schlechter ging („Ich habe geblutet und ich habe gekotzt“), entschied seine Lebensgefährtin und Mutter seines Sohnes, mit ihrem Partner in das nahe gelegene Jüdische Krankenhaus zu fahren.

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte

Die Differenzen, um nicht zu sagen der Hass zwischen den Familienzweigen muss tief sitzen. Vieles deutete in der Verhandlung darauf hin, dass der banale Streit der Kinder nur der sprichwörtliche Tropfen war, der das Fass an diesem Tag zum Überlaufen brachte. Denn die Tatsache, dass sie den Vater schwer verletzt und in die Flucht geschlagen hatten, reichte den Tätern noch längst nicht aus: Kaum hatte der Verletzte das Krankenhaus erreicht, rückten auch die Widersacher in mehreren Fahrzeugen an, offenbar erpicht auf eine Fortsetzung der Auseinandersetzung.

„Die standen zunächst auf der anderen Straßenseite herum“, berichtete eine Pförtnerin des Krankenhauses als Zeugin. Der Verletzte, offenbar in banger Vorahnung, hatte die Frau bereits gefragt, ob er sich bei ihr verstecken könne. Seine Vorahnungen trogen nicht, denn plötzlich, wie auf ein geheimes Kommando hin, stürmten die Männer auf das Gelände. Offenbar zu allem entschlossen, hatten sich einige von ihnen mit Macheten, Baseballschläger und Eisenstangen bewaffnet.

Chaos und Panik auf dem Klinikgelände

„Ich weiß gar nicht, wo die plötzlich alle herkamen“, erklärte die Pförtnerin. Zwar ist die Krankenhauszufahrt mit einer Schranke versperrt, doch die hielt dem Ansturm nur sehr kurz stand und war anschließend reif für die Altmetallsammlung. Anschließend sammelte sich die Gruppe vor der Notaufnahme, dann rückte die Polizei erneut an und nahm mehrere der schreienden und wild gestikulierenden Männer fest. „Chaos“, „Geschrei“, „Panik“ und „ein völliges Durcheinander“: Mit diesen Begriffen beschrieben Zeugen die Situation auf dem Krankenhausgelände. Zahlreiche Passanten folgten völlig fassungslos dem Geschehen.

Die Pförtnerin wurde zur wichtigen Zeugin. Die Frau konnte mehrere Eindringlinge hervorragend beschreiben und identifizierte auch in der Verhandlung am Donnerstag drei Beteiligte ohne den leisesten Eindruck eines Zweifels. Dass die Angeklagten oder zumindest einige von ihnen bei den Vorfällen auf dem Spielplatz und auf dem Krankenhausgelände dabei waren, scheint festzustehen. Nur die Frage, wer was getan hat, blieb am ersten Verhandlungstag bis zuletzt schwierig. Der Prozess wird am 15. Oktober fortgesetzt.