Marathon mit 79 Jahren

Sigrid Eichner läuft auch mit 79 noch den Berlin-Marathon

Sigrid Eichner feiert beim Berlin-Marathon ihren 79. Geburtstag. Das Rennen ist ihr 2200. Lauf über diese Distanz.

Zum 22. Mal wird Sigrid Eichner am Sonntag das Brandenburger Tor durchlaufen.

Zum 22. Mal wird Sigrid Eichner am Sonntag das Brandenburger Tor durchlaufen.

Foto: imago stock&people

Berlin. Für 9 Uhr haben wir uns zum Telefonat verabredet. Der erste Gedanke war, eine fast 79 Jahre alte Dame brauche vermutlich etwas Zeit, um ohne Hast und Hektik in den Tag einzusteigen. Da ist man bei Sigrid Eichner jedoch falsch gewickelt. „Bin gerade schon eine Stunde gelaufen“, sagt sie freundlich zur Begrüßung, „das ist ein schöner Tagesbeginn.“ Völlig normal für sie. Mit diesem Frühsport unterscheidet sie sich sicher von den meisten Menschen ihres Alters. So viel vorweg: Es wird im Laufe des Gesprächs nicht bei diesem einen Alleinstellungsmerkmal bleiben.

Sigrid Eichner läuft nicht nur frühmorgens. Sie ist auch am Sonntag beim Berlin-Marathon dabei, zum 22. Mal bereits. Es ist insgesamt ihr 2200. Marathon, hat sie ausgerechnet. Vermutlich gibt es keine Frau auf der Welt, die mehr solcher Rennen absolviert hat. Eichner hat schon versucht, damit ins Guinness Buch der Rekorde zu kommen. Aber es ist mühsam. Sie muss alle Teilnahmen beweisen, mit Urkunden und Zeugen. Das ist schwierig, „manche Zeugen leben nicht mehr, manche Läufe gibt es auch nicht mehr“. Wenn sich jemand in ein Fast-Food-Restaurant setze und 50 Burger verschlinge, sei es mit dem Belegen und Bezeugen einfach. Bei Sigrid Eichner läuft das nicht so.

Der erste Wettkampf 1980 am Rennsteig in Thüringen

Vielleicht auch deshalb, weil es so unglaublich klingt, was sie getan hat und immer aufs Neue tut. „Jeder Lauf bringt einen vorwärts. Laufen macht Spaß, Laufen ist Bewegung, Bewegung ist Leben. So lange ich laufe, so lange lebe ich also.“ Sie hat relativ spät damit angefangen, erst mit 40, noch zu DDR-Zeiten. Ihr Mann war häufig auf Montage, die Ingenieur-Ökonomin mit den drei Kindern allein zu Haus. Da ist sie schon ein bisschen davongelaufen, weil sie sich in ihrer Rolle unglücklich fühlte.

Sie rannte einfach los, zuerst im Stadtpark Lichtenberg. Und absolvierte ihren ersten offiziellen Wettkampf am Rennsteig in Thüringen 1980. Die Distanz schaffte sie ohne große Mühe, denn sie war immer sportlich, als Turnerin, Schwimmerin, Skiläuferin. Doch jetzt hatte sie ihre wahre Passion gefunden. Von da an war für sie ihr weiterer Lebenslauf bestimmt.

An sieben aufeinanderfolgenden Tagen sieben Läufe

Von ihrem Mann ließ sie sich bald darauf scheiden. Und drückte aufs Tempo. Ihren persönlichen Rekord erzielte Sigrid Eichner in 3:22:05 Stunden 1986 beim Marathon von Wolgast nach Stettin. Diese Zeiten sind natürlich längst vorbei, 2018 in Berlin brauchte sie 5:20 Stunden. Sie zählt die Daten auf, als wäre es nichts für eine 78-Jährige. „Mein 1000. war der Hamburg-Marathon 2005, mein 2000. in Tschechien 2016.“ Auf 3500 Rennkilometer kommt sie im Jahr, auf mehr als 50 Marathons.

Wie diese unglaubliche Zahl möglich ist, erklärt sie so: „Beim Mährischen Ultra-Marathon werden an sieben Tagen nacheinander sieben Marathons gelaufen, immer auf einer anderen Strecke.“ Die 2200 Marathons sind auch nicht ganz richtig, stellt Eichner klar, „rund 800 der Läufe waren länger“, 24-Stunden-Rennen, 48-Stunden-Rennen, auch der Mauerlauf in Berlin führt über 67 Kilometer. Sie nimmt daran regelmäßig teil. Erst Anfang August in Italien ist sie zehn Marathons in zehn Tagen gelaufen, „das war nett, man traf morgens immer dieselben Leute, und los ging’s“.

Von Berlin über La Réunion bis zur Antarktis

Akribisch sammelt sie zu Hause in ihrer Wohnung in Friedrichshagen ihre Plaketten („893“) und Pokale („ungefähr 400“). Ein ganzer Kleiderschrank ist voll mit den T-Shirts, die es immer bei den Läufen gibt, „obwohl ich schon 500 weggegeben habe“. Aber Sigrid Eichner sieht zugleich die andere Seite der Medaille: „Wenn ich zu Hause bin, dann bin ich ziemlich allein.“ Kein Partner, der auf sie wartet, die Kinder leben ihr eigenes Leben. Sie weint dem nicht nach, jedenfalls nicht öffentlich. So sei es eben bei ihr gelaufen. Das passiere nicht nur Sportlern.

Dankbar ist sie. Für die Anerkennung, die sie in Läuferkreisen erfährt. Und dafür, dass sie durch den Sport die ganze Welt gesehen hat. Sigrid Eichner war fast überall, ist auf La Réunion gerannt, in Kalifornien, auf den Seychellen, mit Pausen von Lissabon nach Moskau, von Bari zum Nordpol, in der Antarktis zwischen Pinguinen.

Aufhören kommt nicht in Frage. Warum dieses Opfer? „Das ist kein Opfer, sondern eine Bereicherung“, sagt sie, „und der Körper gewöhnt sich dran. Man muss es wollen.“ Es stört sie nicht, dass sie immer zu den Letzten gehört, die das Ziel erreichen. „Schnell bin ich nicht mehr“, sagt sie, „aber langsam und gleichmäßig schaffe ich auch noch 100 Kilometer.“

Die „Top 6“ im nächsten Jahr: Das ist ein Traum von ihr

Sogar Zukunftspläne schmiedet Sigrid Eichner. Ihr Traum ist es, 2020 die sechs großen Marathons in Tokio, Boston, London, Berlin, Chicago und New York zu absolvieren, „in meiner Altersklasse hat das innerhalb eines Jahres bestimmt noch niemand geschafft“. Dafür allerdings sucht sie einen Sponsor, jemanden, der ihr hilft, Startgebühren und Reisekosten zu bezahlen. Anspruchsvoll, was das tägliche Leben angeht, ist die asketisch lebende Eichner nicht.

Und was wünscht sie sich zum Geburtstag? Eine Zeit unter fünf Stunden? Ach nein, nicht so wichtig, findet Sigrid Eichner. „Dann lieber, dass die 15.000, die als langsamste im letzten Block eine Stunde nach den Ersten starten, im Ziel den vollen Service bekommen.“ Oft sei da nicht mehr viel, was sie ja auch verstehen könne. Das Getränk interessiere sie nicht so, sie trinkt ohnehin nur Leitungswasser. Aber eine Massage wäre vermutlich eine tolle Belohnung für die dann 79-Jährige. Verdient wäre sie.