Prozess

Mehrfache Vergewaltigung: Bahn-Beamter vor Gericht

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Uta Keseling
Die Firmenzentrale der Deutschen Bahn am Potsdamer Platz: Von 200.000 Mitarbeitern sind drei Viertel Männer.

Die Firmenzentrale der Deutschen Bahn am Potsdamer Platz: Von 200.000 Mitarbeitern sind drei Viertel Männer.

Foto: Foto: Robert Guenther / dpa

Der heute 55-Jährige soll immer wieder Frauen am Arbeitsplatz vergewaltigt und sexuell genötigt haben.

Berlin. Der Tatort war der Arbeitsplatz, der mutmaßliche Täter der Chef, seine bevorzugten Opfer: Frauen, die Angst hatten, sich zu wehren. Der Vorwurf gegen einen ehemaligen Mitarbeiter der Deutschen Bahn wiegt schwer – Vergewaltigung und sexueller Nötigung in je zwei Fällen. Von kommenden Montag an muss sich deswegen ein 55-Jähriger ehemaliger Abteilungsleiter vor dem Amtsgericht Tiergarten verantworten. Der Beschuldigte war 30 Jahre Mitarbeiter bei der Bahn. Seine Opfer sollen ausschließlich Frauen gewesen sein, die ihm beruflich unterstellt waren. Zwei arbeiten noch bei der Bahn, zwei haben gekündigt.

Vier Opfer, die anonym bleiben möchten, treten nun als Nebenklägerinnen auf. Er habe seine berufliche Überlegenheit als Vorgesetzter ausgenutzt, um ihnen gegenüber übergriffig und sexuell gewalttätig zu werden. Nicht etwa auf Weihnachtsfeiern oder in anderen, gern missgedeuteten Situationen, sondern direkt am Arbeitsplatz, etwa in Büros. Tatorte sollen neben Berlin auch Hannover und Frankfurt am Main gewesen sein. Die Taten sollen über einen Zeitraum von zehn Jahren stattgefunden haben. Betroffen sind dem Vernehmen nach mehr als die vier Frauen.

2016 wurde ihm fristlos gekündigt

Auch der ehemalige Arbeitgeber des Mannes ist am Prozess beteiligt. Die DB Netze AG, eine Tochter der Deutschen Bahn, hatte Anfang 2017 eine erste Strafanzeige gestellt, nachdem Ende 2016 der erste Vorwurf gegen den Beschuldigten intern bekannt wurde. Der Mann ist heute nicht mehr bei der Bahn beschäftigt. Im Dezember 2016 wurde ihm fristlos gekündigt, es heißt, er habe die Tat damals eingeräumt.

Nachdem die Mitarbeiter der betroffenen Abteilung informiert wurden, meldeten sich noch mehr Kolleginnen und auch ehemalige Mitarbeiterinnen, die Opfer des Mannes geworden sein sollen.

„Wir verurteilen jede Form sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt”, sagt Ute Plambeck, die als Personalvorständin der DB Netze AG für 45.000 der insgesamt rund 200.000 Bahn-Mitarbeiter in Deutschland zuständig ist.

Traditionell ist die Bahn eine Männerdomäne. Nur ein Viertel der Mitarbeiter sind Frauen, im Bereich DB Netze sogar nur ein Fünftel. Der aktuelle Fall gilt dennoch bei der Bahn als Einzelfall. Sexuelle Übergriffe im Unternehmen würden schonungslos geahndet, heißt es bei der Deutschen Bahn. „Wir ziehen alle Konsequenzen, die uns rechtlich zur Verfügung stehen.”

Viele Opfer suchen die Schuld zunächst bei sich

Die Vorständin betonte auch, es sei wichtig, dass über das Thema sexuelle Gewalt offen gesprochen werde, auch, um es Betroffenen leichter zu machen, sich zu offenbaren. Typischerweise suchen viele Opfer die Schuld zunächst bei sich und machen sich Vorwürfe, sich nicht zur Wehr gesetzt zu haben. Dazu kommt das Problem der Glaubwürdigkeit. Gerade in Fällen sexueller Gewalt lässt sich oft wenig beweisen. Und es gibt auch Fälle falscher Beschuldigungen, die vor Gericht landen.

Die Deutsche Bahn AG hat mittlerweile alle Führungskräfte im Umgang mit dem heiklen Thema geschult. Es gibt eine Konzernbetriebsvereinbarung, die den Umgang mit Mobbing und sexualisierter Gewalt regelt – wohl auch als Reaktion auf die Übergriffe an Silvester 2015 in Köln und die Metoo-Debatte. Unter anderem hat das Unternehmen eine eigene Ombudsfrau für vertrauliche Gespräche und zudem externe Anwältinnen beauftragt, die Betroffene juristisch beraten.

Auch im aktuellen Fall sei den Opfern umfassende psychologische und auch juristische Beratung und Hilfe angeboten worden, heißt es bei der Bahn. Entschädigungen seien jedoch nicht gezahlt worden. Wie viele Fälle sexueller Gewalt bei der Deutschen Bahn bisher bekannt wurden, konnte man bei dem Unternehmen nicht sagen.

Möglicherweise gibt es noch mehr Opfer

Fünf Tage plant das Gericht für den Prozess gegen den 55-jährigen ehemaligen Vorgesetzten, der sich dem Vernehmen nach noch immer im Beamtenstand befindet, möglicherweise im Ruhestand. Dabei werden mutmaßlich auch jene Taten zu Sprache kommen, die nicht den Weg in die Anklageschrift fanden. Möglicherweise gibt es noch mehr Opfer. Einige Taten sind verjährt, andere aus juristischen Gründen für die Anklage nicht schwerwiegend genug.

Das Strafmaß für Vergewaltigung kann theoretisch zwischen einem halben Jahr und mehr als zehn Jahren liegen. Dass die Berliner Staatsanwaltschaft das Verfahren am Amtsgericht und nicht beim Landgericht beantragte, lässt darauf schließen, dass sie nicht von einer Höchststrafe ausgeht. Das Amtsgericht kann maximal vier Jahre Haft verhängen. Ob der Mann seinen Status als Beamter oder Pensionsansprüche behält, muss ein Disziplinarverfahren klären, das während des Strafprozesses ruht.

Erst in der vergangenen Woche war am Amtsgericht Tiergarten ein ehemaliger Berliner Jugendfeuerwehrwart wegen jahrelangen Kindesmissbrauchs zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Ihm wurden 43 Übergriffe vorgeworfen. Auch in diesem Fall hatte der Arbeitgeber, die Berliner Feuerwehr, Anzeige erstattet und die Betroffenen beraten.