Aktionstag

Ein autofreier Sonntag in Berlin mit viel Verkehr

Viele Berliner ließen freiwillig ihr Fahrzeug stehen, dennoch gab es Staus. Das preiswerte Ticket kannte so mancher nicht.

Trotz des autofreien Sonntags gab es auf Berlins Straßen vielerorts kaum Entspannung, wie hier auf der Straße des 17. Juni.

Trotz des autofreien Sonntags gab es auf Berlins Straßen vielerorts kaum Entspannung, wie hier auf der Straße des 17. Juni.

Foto: Paul Zinken/dpa

Berlin. „Ein Träumchen“, sagt Bianca Geier (43) aus dem thüringischen Pößneck, als sie am Sonntag am U-Bahnhof Kaiserdamm ihr BVG-Tagesticket ziehen will. Denn statt für die üblichen sieben Euro darf sie heute mit einem Einzelfahrschein für 2,80 Euro den ganzen Tag im AB-Bereich unterwegs sein. „Ich bin zwar nur zwei-, dreimal im Jahr in Berlin, aber die Idee finde ich super. Berlin ist so gut vernetzt, ich würde nie mit dem eigenen Auto in die Stadt fahren.“

Vom freiwilligen autofreien Sonntag und dem dazugehörigen Aktionsangebot der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hören die Thüringerin und ihre Freundin, die auf dem Weg zu einem Konzert sind, zum ersten Mal. Bianca Geier ist nicht die einzige, die staunt. Auch die Menschen nach ihr können das Angebot kaum glauben.

Die Aktion „Autofreier Sonntag“ hat zwar für einen Fahrgastschub in Berliner Bussen und Bahnen gesorgt, aber kaum Entspannung auf der Stadtautobahn gebracht. Bereits am frühen Sonntagvormittag war auf dem Ring in Höhe Messe Nord zähfließender Verkehr zu sehen. Der ADAC meldete am Mittag einen Stau von einem Kilometer Länge auf der Avus (A115) zwischen dem Dreieck Funkturm und der Anschlussstelle Hüttenweg.

Auch im weiteren Verlauf bis zum Dreieck Nuthetal kam es immer wieder zu Staus und Behinderungen. Für die A100 wurden zwei Kilometer stockender Verkehr zwischen Detmolder Straße und Kurfürstendamm gemeldet. Statt autofreiem Sonntag also Stop-and-go.

Vorschlag: Sonderticket mit verkaufsoffenem Sonntag koppeln

Unweit vom Heidelberger Platz sitzt Sonja Ellmer (36) mit Sohn Frederik (7) im Zug der Ringbahn und weist auf die vollgestopfte Stadtautobahn hin. Ginge es nach ihr, sollte man sonntags generell die Innenstadt zur autofreien Zone erklären – notfalls mit einem Verbot wie in Paris.

„Ich fahre selbst sehr gern Auto, aber nicht in der Stadt. Es ist purer Stress und verdreckt unnötig die Luft. Sinnvoller ist es, die Stadt an diesem Tag komplett für Autos zu sperren als eine Art Zwangsentschleunigung.“ Berlin habe im Vergleich zu anderen Metropolen „ein perfekt ausgebautes Netz“ an öffentlichen Verkehrsmitteln „zum absolut fairen Preis“, sagt sie. Zudem könnten Schüler kostenlos fahren. Sie selbst nutzt ein Monatsabo, findet, die Idee der BVG sollte vor allem mit den verkaufsoffenen Sonntagen gekoppelt werden.

Erkennbar mehr Fahrgästen in Bussen und Bahnen

Die BVG berichtete bis zum Nachmittag von erkennbar mehr Fahrgästen in Bussen und Bahnen. Vielerorts seien die Busfahrer auch besser durchgekommen, weil auf den Stadtstraßen weniger los gewesen sei. Vor allem auf den Strecken ins Grüne und zu Ausflugszielen seien Busse und Bahnen gut gefüllt gewesen, sagte ein Sprecher. Auch die Fahrgäste der S-Bahn und der Regionalbahnen konnten am Sonntag in Berlin 24 Stunden lang mit einem normalen Einzelticket fahren.

Diese Information hatte Stefanie (42) und Jens Groth (44) aus Wismar leider nicht erreicht. „Wir sind mit unserem 5er-BMW Diesel hier, haben das Auto in einer Tiefgarage geparkt. Im Verkehrsfunk haben wir von dem Angebot nichts gehört, sonst hätten wir das definitiv gemacht.“ Beide bekräftigen, dass sie große Befürworter des Park-and-ride-Systems sind, bei dem man sein Auto vor der Stadt günstig abstellen kann und mit öffentlichen Verkehrsmitteln die City erkundet. Das würden sie sich auch für Berlin wünschen. „Das schont den Geldbeutel und die Umwelt allemal. Denn was wir jetzt für ein teures Parkhaus ausgeben, hätten wir locker sparen können.“

Auch viele Berliner kannten das Ticketangebot gar nicht

Die vielen Fahrräder und Menschen am Potsdamer Platz zum Fest des Weltkindertages haben auch Mamoun und Mays Dweik mit Söhnchen Joseph (1) aus Alt-Treptow nicht zu denken gegeben. Familienvater Mamoun (33) gibt sich überrascht, als er von dem BVG-Angebot erfährt: „Darüber hätte man besser informieren müssen.“

Er fordert, dass es solche Angebote öfter geben müsse, um den Stadtverkehr zu entlasten und die Luft zu schonen. „Wenn ich davon weiß, nutze ich so etwas natürlich gern. Wir fahren mit dem Auto, weil wir für den Kleinen Windeln dabeihaben. Aber die Motivation für Bus und Bahn ist da.“

Einige Meter weiter über der Tiefgarage, in der Familie Dweik ihr Auto geparkt hat, versuchten Aktivisten von „Extinction Rebellion” erst am Freitag, Deutschlands dicht befahrenste Kreuzung zu besetzen, um so auf das zunehmende Verkehrschaos in den Innenstädten aufmerksam zu machen. Zwei Tage später aber läuft der Verkehr unbeeindruckt von der Aktion.

Ältere Berliner klagen über schlechte Verbindungen

Vor dem Paul-Löbbe-Haus ist Karl Nette (77) mit seiner Frau Rose-Marie (74) eher froh, einen Parkplatz gefunden zu haben. „Ach, hören Sie mir auf, mit so einem Aktionstag“, schüttelt er den Kopf. „Nur ein Tag, das bringt doch nichts. Den Rest des Jahres müssen wir dann die überhöhten Ticketpreise zahlen.“

Die Idee des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD), ein Jahresticket für 365 Euro anzubieten, wäre aber für ihn eine Überlegung wert. „Wir kommen aus Alt-Mariendorf und fahren regelmäßig in unseren Garten. Die Verkehrsverbindungen dorthin sind einfach zu schlecht. Autofahren ist für uns immer noch am einfachsten.“ Dann weist er darauf hin, dass der Autoverzicht ja freiwillig war und es nach ihrer Ansicht, wenn schon, ein ordentliches Autoverbot an Sonntagen geben sollte.