Steinzeit-Siedlung im Fels

Berliner Archäologen auf den Spuren der Lebenden und Toten

Im vorgeschichtlichen Dorf Ba’ja in Jordanien forschen Berliner Archäologen zum Verhältnis der Lebenden zu den Verstorbenen.

Beduinen aus der Umgebung von Ba’ja sind in die Ausgrabungen eingebunden, auch die Kinder interessieren sich für die Arbeit der Forscher.

Beduinen aus der Umgebung von Ba’ja sind in die Ausgrabungen eingebunden, auch die Kinder interessieren sich für die Arbeit der Forscher.

Foto: H.G.K. Gebel

Berlin. Der Umgang mit den Toten und deren Bedeutung für die Lebenden: Wie dieses Verhältnis ausgesehen hat, kann man unter anderem tief im Süden Jordaniens erforschen. In Ba’ja, einer rund einen Hektar großen Enklave, verborgen in einer schwer zugänglichen Felsennische im Sandsteingebirge einige Kilometer nördlich des Weltkulturerbes Petra. Wer zur Siedlung vordringen möchte, muss eine Schlucht überwinden und Felsen erklimmen. Vor 9000 Jahren haben hier etwa 500 Menschen gelebt und gearbeitet.

An den Orten der Bestattung setzt die Arbeit des Teams um die Archäologen Hans Georg Gebel, Marion Benz und Christoph Purschwitz in diesem Jahr an. Gebel, Spezialist für Vorderasiatische Vorgeschichte, arbeitet seit 1997 für die Freie Universität Berlin in Ba’ja. Im aktuellen Projekt, das seit 2016 läuft und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wird, erforscht das Team das Verhältnis zwischen den Dorfbewohnern und ihren Toten.

Verstorbene wurden unter den Häusern bestattet

Die Verstorbenen sind nämlich – im Gegensatz zu anderen jungsteinzeitlichen Dörfern der Region – nicht auswärtig bestattet worden, sondern Teil des Dorfes geblieben. Sie wurden unter den Häusern der Lebenden begraben.

Die Entdeckung der Siedlung ist einem Zufall geschuldet: In den 80er-Jahren ist Gebel in dem Gebiet unterwegs, als ihm Bergsteiger ein typisches Steinbeil zeigen. Die Beschreibung der Fundstelle habe allerdings auf gleich drei Schluchten im Areal gepasst, erinnert sich der FU-Forscher. „Wir hätten die Stelle nie gefunden, hätte nicht Wasser ein paar Steinklingen an einer bestimmten Stelle angespült“, erzählt Gebel.

Eine Genehmigung der Regierung für Ausgrabungen in der Region hatte Gebel zwar schon damals. „Die war aber wenig wert, wenn man auf Stammesgebiet forschen will“, sagt der Archäologe. Die Akzeptanz des Stammes hätten sich die Forscher erst verdienen müssen – indem sie den Einheimischen mit Achtung begegneten und sie für Grabungsarbeiten anstellten. „Von da an kamen auch wir in den Genuss der Willkommenskultur der Beduinen“, so Gebel weiter. Das ist für die federführende Mannschaft der Freien Universität auch bis heute so geblieben: Die Archäologen sind Teil des Beduinendorf Beidha geworden, das in unmittelbarer Nähe zur Ausgrabungsstätte liegt.

In diesem Jahr arbeitet Gebel gemeinsam mit den Archäologen Marion Benz und Christoph Purschwitz daran, aus den materiellen Funden Erkenntnisse über Kultur und Lebenswirklichkeit der Bewohner von Ba’ja zu gewinnen. Es geht dabei vor allem um die Hintergründe einer Besonderheit, die die Forscher schon vor Jahren entdeckt haben: Das unmittelbare Zusammenleben von Lebenden und Toten.

Unter den Verstorbenen seien auffällig viele Babys, die im Untergeschoss der Häuser unter den Fußböden bestattet sind, erklärt FU-Forscherin Marion Benz. Dass es keine Friedhöfe gebe, das sei schon etwas Besonderes, sagt Benz. Die Menschen seien gerade sesshaft geworden, das soziale Verhalten von Jägern und Sammlern sei durchaus noch präsent gewesen, führt Gebel aus.

Die Schlussfolgerung der Forscher: Durch das sesshafte Zusammenleben vor 9000 Jahren muss es neue Regeln gegeben haben, die das Zusammenleben auf einem Hektar für rund 500 Menschen bestimmten. Welche das waren, gelte es jetzt aus den Funden abzuleiten, so die Forschenden weiter. Besondere Hilfe leistet dabei ein Grab, das das Archäologenteam im Jahr 2016 freigelegt hat. Bestattet ist dort ein einzelner Mann, der Hinweise darauf liefert, dass die Herrschenden keine Vormachtstellung in der Gemeinschaft besessen hatten, sondern als Teil dieser begriffen wurden, erklärt Marion Benz. Dafür sprächen die aufwendigen Grabbeigaben, die für ein reguläres Einzelgrab untypisch seien, sagt Benz. Man sei unter anderem auf Perlen und Oberarmringe gestoßen, die den Toten zierten. Ein Steindolch und Pfeilspitzen lagen auf dem Grabdeckel. Das Grab selbst liegt zudem in direkter Nähe zu einem Kollektivgrab. „Tote blieben auch über das Leben hinaus Teil der Gemeinschaft von Ba’ja“, berichtet Benz.

Einige Fundstücke könnten es nach Berlin schaffen

Um ihre Erkenntnisse zu dokumentieren, bleiben die Forscher diesmal bis Mitte Oktober in Jordanien. Dann kommen sie zurück nach Berlin – mit neuem Wissen, aber ohne die gefundenen Exponate. „Was vor Ort analysiert werden kann, bleibt im Besitz des Landes“, sagt Gebel. Einzelne Stücke könnten es aber mit Genehmigung des jordanischen Antikendienstes vielleicht in die Hauptstadt schaffen – zumindest als Leihgabe.