World Cleanup Day

Tausende Berliner setzen ein Zeichen für eine saubere Stadt

In Berlin sind mehr als 16.000 Freiwillige in ihren Kiezen unterwegs, um diese von Abfall zu befreien. Wir haben die Aktionen besucht.

Mitglieder des Spandauer Sportangelvereins „Nee noch nich 1950“ fischen Flaschen aus dem Wasser.

Mitglieder des Spandauer Sportangelvereins „Nee noch nich 1950“ fischen Flaschen aus dem Wasser.

Foto: Reto Klar

Berlin. Sie haben Müll beim Joggen gesammelt, Abfall vom Grund des Tegeler Sees geholt oder ihren Schulweg von Zigarettenkippen und Plastikverpackungen befreit: Tausende Berliner sind in den vergangenen Tagen aktiv geworden und haben beim „World Cleanup Day“ ein Zeichen gegen die zunehmende Vermüllung gesetzt. Weit über 300 Aktionen wurden im Vorfeld angemeldet, mehr als 16.000 Freiwillige haben sich laut dem Verein „Wir Berlin“ beteiligt, der den internationalen Aktionstag in Berlin koordiniert hat. Deutschlandweit wurde in diesem Jahr in rund 250 Städten und Gemeinden aufgeräumt, circa 330.000 Engagierte haben dabei mit angepackt.

Der Verein „Wir Berlin“ hat schon in den vergangenen Jahren Aktionstage organisiert, bei denen in den Kiezen saubergemacht wurde. Schon dabei gab es viele aktive Mitstreiter, mit den diesjährigen Teilnehmerzahlen wurde aber ein neuer Rekord aufgestellt. Das Engagement, vor allem der jungen Leute, habe stark zugenommen, so der Eindruck von Beate Ernst, der Vorstandsvorsitzenden des Vereins. Überhaupt seien die Hauptstädter offener dafür, selbst etwas dazu beizutragen, Berlin schöner zu machen. Mit dem Aktionstag will „Wir Berlin“ an alle appellieren, Verantwortung zu übernehmen. „Wir haben es in der Hand, wie wir zukünftig leben wollen“, sagte Ernst.

World Cleanup Day - Menschen in mehr als 150 Ländern nehmen teil

Weltweit haben sich im vergangenen Jahr Menschen in mehr als 150 Ländern – von Russland über die Malediven, Norwegen und die USA bis nach Brasilien – am „World Cleanup Day“ beteiligt. Laut den Organisatoren von „Let’s Do It World“ haben mehr als 17 Millionen Freiwillige dabei aufgeräumt. Für dieses Jahr war es das Ziel der Veranstalter, dass der Aktionstag noch einmal größer wird. Die Zahl der beteiligten Länder stieg nach deren Angaben auf über 160. Die Vorsitzende von „Let’s Do it World“, Heidi Solba, erklärte in einer Mitteilung: „Wir sind alle Teil der Lösung für diese schlecht verwaltete Müll-Krise und wir können alle etwas dazu beitragen.“

Die Berliner Morgenpost, die den „World Cleanup Day“ in der Stadt als Medienpartner begleitet, hat mehrere Aktionen in Berlin besucht und mit Teilnehmern über ihr Engagement gesprochen. Ganz zu Ende ist die Aktion übrigens noch nicht: Auch in der kommenden Woche haben einige Schulen, Kitas und Initiativen noch Aktivitäten geplant, um verschiedene Ecken Berlins vom Müll zu befreien.

Tanzschüler säubern den Simon-Dach-Kiez

Müll sammeln statt Foxtrott und Walzer üben – diese Idee hatten Eva Hauptvogel und Matthias Hartmann, die Geschäftsführer der Tanzschule „Schrittvermittlung“ in Friedrichshain. Am Freitagvormittag nahmen sie an der Demonstration „Friday for Future“ teil. Am Abend zogen sie mit Teilnehmern ihrer Kurse durch den Simon-Dach-Kiez zum Boxhagener Platz. „Hier kann man eine Verhaltensstudie durchführen“, sagte eine Tanzschülerin, die geduldig Kronkorken mit der Greifzange vom Boden klaubte.

„Am häufigsten sind die mit einem Stern drauf.“ Andere holten einen Schuh, Sektflaschen und Zigarettenschachteln sowie zerknitterte Flyer aus den Büschen am Boxhagener Platz. „Eine Fundgrube“ – dieser Ausruf war zu hören, als Tanzlehrer Hartmann mit dem Besenstiel auf eine Bank klopfte, unter der besonders viel Unrat lag. Guido Helm aus Lichtenberg, der seit 2017 mit seiner Frau Standard- und Lateintänze lernt, widmete sich den Zigarettenstummeln auf den Wegen. „Auch wenn es nicht mein Kiez ist, kann man ihn ein bisschen sauber halten“, sagte er. „Vielleicht ist das ein Vorbild für andere. Es würde ja schon reichen, wenn sie ihre Kippen nicht auf den Boden schmeißen.“

In Charlottenburg geht es um Forderungen nach mehr Umweltschutz

Während berlinweit geputzt wurde, haben auf dem Steinplatz in Charlottenburg am Sonnabendnachmittag Politiker und Wissenschaftler, Vertreter aus der Wirtschaft oder von Umweltinitiativen über die Vermüllung gesprochen und darüber, wie langfristig etwas dagegen getan werden kann. „Es geht nicht nur um Sauberkeit in Berlin“, sagte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke). Der Müll habe weltweite Konsequenzen, Globalität spiele eine zentrale Rolle. „Und wir haben einfach nur diese eine Erde“, so die Senatorin, die aber auch den großen Einsatz der Berliner beim „World Cleanup Day“ würdigte. Das mache deutlich, dass es eine engagierte Stadtgemeinschaft gebe, „die sich verantwortlich zeigt für die Stadt“.

Stefan Tidow, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Umwelt, erklärte: „Jeder einzelne entscheidet, wo der Müll landet.“ Er erhoffe sich mehr Bewusstsein dafür, dass es um kostbare Ressourcen gehe. „Ohne dass die Menschen mitmachen, werden wir den Zielen immer hinterherlaufen.“

Wie jeder im Alltag Müll vermeiden kann, dafür lieferten zahlreiche Stände rund um den Steinplatz Inspiration. Vorgestellt wurden etwa Bienenwachstücher, die Plastikfolie überflüssig machen sollen, Mehrwegbecher, die aus Kaffeesatz hergestellt wurden und Tipps zu plastikfreiem Einkaufen. Und die Berliner haben viele weitere Ideen. Beate Ernst von „Wir Berlin“ überreichte anwesenden Politikern gesammelte Wünsche und Forderungen, darunter mehr Unverpackt-Läden, mehr Aufklärung zur Mülltrennung, Umweltschutz als größeres Thema im Schulunterricht und, Ernst nannte es ihre Lieblingsforderung: einen Cleanup-Feiertag.

Spandauer Angler fischen Flaschen aus dem Wasser

Als Angler habe man auch eine Verantwortung, fanden die Mitglieder des Spandauer Sportangelvereins „Nee noch nich 1950“, der seinen Sitz in einem idyllischen grünen Teil von Haselhorst am Alt Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal hat. „Es ist schön, dass es in einer Großstadt wie Berlin solche Ecken gibt“, sagte der Vorsitzende Josua Gasch. „Wir profitieren davon, also müssen wir auch etwas dafür tun, sie zu erhalten.“ Der Verein veranstalte etwa zweimal im Jahr Aufräumaktionen, dieses Mal anlässlich des „World Cleanup Days“. Am Sonnabend waren die Mitglieder seit dem Morgen um das Vereinsgelände, am Ufer und auf dem Wasser unterwegs, um Müll zu sammeln. Und entdeckten schon zu Beginn halbleere Motorölflaschen, ein Sack mit allem möglichen Hausrat, Plastikflaschen und Hundekottüten entlang der Wege und in Büschen.

Auch beim Angeln finde man immer wieder Müll, erzählte der zweite Vorsitzende Felix Heimann. „Ich habe selbst immer Mülltüten auf dem Boot.“ Er habe schon einen Teekessel an der Angel gehabt, Gasch berichtete von einem alten Gartenstuhl, den er schon mal aus dem Wasser gezogen habe. Dazu kämen noch Plastiktüten, Styropor sowie Luftmatratzen, die von den Booten heruntergefallen sind. „Hier nutzen sehr viele Angler die Gewässer“, sagte Gasch. „Da ist es wichtig, dass man auf Müll achtet.“ Zu dem Hobby gehöre eben auch der Umweltschutz dazu.

Bezirksmitarbeiter packen in der Hasenheide an

Am Freitagmorgen war es noch so kalt, dass beim Ausatmen ein Nebelschleier vor dem Gesicht entsteht. Trotzdem hatten sich mehr als 50 Mitarbeiter des Neuköllner Bezirksamts in der Hasenheide zusammengefunden. Bewaffnet waren sie mit Handschuhen, gelben Westen, Greifzangen und blauen Müllbeuteln. Denn sie säuberten zwei Stunden lang die Parkanlage. Die Hasenheide wird vom Ordnungsamt zwar nicht als Müll-Hotspot gelistet – im gesamten Bezirk gibt es insgesamt sieben –, aber genügend Abfall konnte man hier dennoch einsammeln.

Auch Beate Ernst von „Wir Berlin“ packte bei der Aktion mit an und warnte die Müllsammler vor Drogenspritzen: „Nur mit der Greifzange aufheben.“ Ernst erzählte, dass in ganz Neukölln in diesen Tagen bis zu 2000 Müllsammler bei unterschiedlichsten Aktionen erwartet werden. Es ist einer der Bezirke mit den meisten Aktiven.

Neuköllns Stadtrat für Stadtentwicklung, Jochen Biedermann (Grüne), war am Freitagmorgen ebenfalls in der Hasenheide. Er sagte: „Wir müssen unser eigenes Handeln hinterfragen. Es ist nicht in Ordnung, einfach so eine Zigarette auf den Boden zu werfen. Darauf wollen wir aufmerksam machen.“ Für die Putzaktion wurden die Mitarbeiter des Bezirksamts von ihrer eigentlichen Arbeit freigestellt. Nach dem Aufräumen gab es dann noch ein Klimafrühstück.

Schöneberger Schüler und Lehrer greifen zu Besen und Harke

Ausgestattet mit Besen, Schippe und Harke fiel am Freitagmorgen der Startschuss für eine saubere Schule und Umgebung. Alle 320 Schülerinnen und Schüler der Neumark-Grundschule in Schöneberg sowie 70 Lehrkräfte und einige Eltern wuselten zwischen den Beeten vor dem Schulgebäude, auf den Straßen, im Schulhaus und auf dem Hof umher. Die Schule ist eine von mehreren in Tempelhof-Schöneberg, die den „World Cleanup Day“ in Berlin unterstützt.

Es gehe darum, die Lebenswelt der Kinder sauber zu halten und zu gestalten, sagte Ganztagsleiter Daniel Leeb. Das würde mal mehr und mal weniger Verständnis bei den Schülern erzeugen. Insgesamt seien aber alle engagiert dabei gewesen. Die Schule will den Kindern auch außerhalb des Aktionstags Verantwortung für ihren Lebensraum vermitteln. So reinigen die Klassen wochenweise und abwechselnd den Schulhof. Im Unterricht sind die Lehrer angehalten, Themen wie Mülltrennung und Umweltschutz zu behandeln, ergänzte Schulleiter Hans-Peter Föll.

Um das Engagement der Neumark-Grundschule zu würdigen, überreichte Bezirksstadtrat Oliver Schworck (SPD) am Freitag einen Gutschein für eine Gum-Wall. Statt auf den Boden oder unter die Schulbank können die Schüler ihre unliebsam gewordenen Kaugummis dann auf einen der Smileys der Gum-Wall kleben.

Mitarbeiter von Hotel Berlin sammeln Unrat auf dem Lützowplatz

Ein Berg voller Müllsäcke, ein Ikea-Einkaufswagen, ein Kinderwagen und drei Personalausweise waren nur ein Teil der „Beute“, die die Mitarbeiter des Hotels Berlin am Freitag auf dem Lützowplatz und dem Mittelstreifen der Kurfürstenstraße gesammelt haben. „Dort haben wir inmitten der Büsche noch einiges mehr gefunden, aber vorerst stehen lassen. Wir hatten den Eindruck, da wohnt jemand“, sagte Personalchef Andreas Günther, der mit seinem Team von rund 20 Mitarbeitern zum „World Cleanup Day“ angerückt war.

Mit dabei war auch Direktor Jan-Patrick Krüger, der den Unrat beherzt mit Holzzange und Handschuhen in die Säcke beförderte: „Wir gehören zum schwedischen Unternehmen Pandox“, so der Hotelchef. In Skandinavien sei man bereits viel weiter mit Maßnahmen zum Umweltschutz als in Deutschland. Aktionen zur Sensibilisierung von Mitarbeitern seien aber auch ihm ein Anliegen. „Es ist schön zu sehen, dass sich so viele beteiligt haben“, sagte Krüger.

Als besonderer Gast beteiligte sich an der Aktion rund um das Berliner Hotel Holger Holland. Der Deutschland-Chef des Vereins „Let’s Do It!, der den „Word Cleanup Day“ in Deutschland organisiert hat, ist stolz auf Berlin: „Die Stadt hat wirklich einen super Job gemacht und sich mit rund 250 Aktionen am diesjährigen „World Cleanup Day“ beteiligt.

100 Beschäftigte von „Strato“ sammeln Kronkorken und Kippen am Spreeufer auf

Nicht am Computer, sondern am Spreeufer in Charlottenburg hatten sich am Freitagmorgen rund 100 Mitarbeiter des Internetdienstleisters Strato eingefunden. Fast drei Stunden lang zogen sie über Wiesen und Wege nördlich des Firmensitzes an der Pascalstraße und sammelten Müll ein – den Blick konzentriert auf den Boden gerichtet, und mit Handschuhen, Greifzangen, Besen und Müllsäcken von der BSR ausgerüstet.

Zum Aufwärmen standen Kaffee, Tee und Kakao bereit. Mit dabei war auch Beate Ernst vom Verein „Wir Berlin“, der sich seit Jahren um das öffentliche Stadtbild bemüht und zur Teilnahme am diesjährigen „World Cleanup Day“ aufgerufen hatte. „Für uns ist es schön, dass sich Berliner Unternehmen zunehmend für den öffentlichen Raum engagieren“, sagte sie, „mit allem, was für das Klima und die Umwelt gut ist. Wir brauchen diese Eigenverantwortung, aber sie ist schwierig in Gang zu setzen.“ Deshalb seien gute Beispiele wichtig.

„Wir wollen Verantwortung übernehmen“, sagte Strato-Vorstandschef Christian Böing, als sein Team zu Besen und Müllbeuteln griff. „Viele Mitarbeiter nutzen die Mittagspause und laufen am Ufer entlang. Das ist unser Naherholungsgebiet. Deshalb liegt es uns am Herzen.“ Die Säuberungsaktion nutze auch der Firma. „Sie stärkt den Zusammenhalt unter den Mitarbeitern.“

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