20. September

Klimastreik in Berlin: Protest und Party

In Berlin demonstrierten 270.000 Menschen bis zum Abend an vielen Orten in der Innenstadt für mehr Klimaschutz.

Die Straße des 17. Juni wird am Freitag zur Klimameile. Unten: Diesel fürs Klima – die „antirassistische Aktion“ kommt mit einem alten Feuerwehrauto zur Kundgebung.

Die Straße des 17. Juni wird am Freitag zur Klimameile. Unten: Diesel fürs Klima – die „antirassistische Aktion“ kommt mit einem alten Feuerwehrauto zur Kundgebung.

Foto: Jens Büttner / dpa

Berlin. Was an diesem Tag anders ist, wird um kurz nach 12 Uhr am Brandenburger Tor deutlich. Zwischen Reden des ehemaligen Charité-Chefs Detlev Ganten und Eckart von Hirschhausens ruft ein junger Sprecher von der Bühne: „Hey Leute, es wär’ echt cool, wenn ihr jetzt aufhört, auf Zäunen herumzuklettern! Und bitte kommt auch von den Laternen runter, sonst kann da ganz viel kaputt gehen.“

Der Ansager ist möglicherweise nicht viel älter als die Kinder im Publikum, die jede Möglichkeit nutzen, einen Blick aufs große Ganze zu erhaschen. Das Gewimmel der großen und kleinen Demonstranten ist unbeschreiblich. Auch wenn Großveranstaltungen am Brandenburger Tor eigentlich Routine sind – selten sind so viele Fahrräder, Kinderwagen und Kunstwerke in der Menge, so viele Schulklassen und Kindergruppen mit tausenden fantasievoll gebastelten Transparenten.

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Die Älteren beteiligen sichbegeistert an Sprechchören

Seit Beginn der Schülerstreiks unter dem Motto „Fridays for future“ sind aber auch noch nie so viele Erwachsene dabei gewesen. Denn zur Demonstration am Brandenburger Tor hatte ein Bündnis aus Gewerkschaften, Kirchen und Umweltverbänden aufgerufen. Arbeitgeber haben ihren Mitarbeitern teilweise erlaubt, an dem Streik teilzunehmen. Die älteren Besucher, viele im Rentenalter, beteiligen sich begeistert an den Sprechchören. Sie rufen „Ooooh – rettet das Klima!“ oder springen bei Hüpfaktionen zum Kohleausstieg in die Luft. Um fünf vor zwölf Uhr lassen viele evangelische Kirchen die Glocken läuten.

Schon am Morgen haben auf der Straße des 17. Juni BUND und Umwelt-Gruppen Stände aufgebaut, Musiker spielen und Künstler posieren wie die rot gewandeten „Red Rebels“ der Aktivisten-Gruppe „Extinction Rebellion“. Wo in Berlin demonstriert wird, ist ja immer auch Folklore. So auch der alte Feuerwehr-Diesel des „antirassistischen Blocks“, der eher zum 1. Mai passen würde als zum Klimaprotest. Aus einem Generator bläst er zusätzlich blauen Dunst in die Luft – der Strom für die Lautsprecheranlage muss ja irgendwo herkommen. Was die Demonstranten aber weniger stört als die vielen herumliegenden E-Scooter, die im Gedränge zu Stolperfallen werden.

Anlässlich des Weltklimatags beteiligt sich sogar der Zoo Berlin mit einem aktuellen Video der Baby-Pandas und ihrer Mutter. Der Große Panda stehe wie keine andere Tierart für den Arten- und Naturschutz.

Rund 100.000 Teilnehmer, so die Veranstalter, sind bereits bis zum Mittag bei den Klima-Aktionen in Berlin unterwegs. Auch wenn die Polizei zurückhaltend nur von „mehreren Zehntausend“ spricht – gefühlt sind es viele. „Wir sind mit unserer gesamten Schule gekommen“, sagen zwei Achtklässlerinnen von der Evangelischen Schule Mitte, die sich im nahen Tiergarten auf einem liegende Baumstamm vom Gedrängel erholen und den Reden lauschen. Die Themen finden sie wichtig.

Gerade fordert Kapitänin Carola Rackete die schnelle Umstellung auf regenerative Energiequellen. „Die Politik muss hier endlich ihre Untätigkeit beenden.“ Sie ruft dazu auf, sich den „Extinction Rebellions“ anzuschließen, die mit radikaleren Mitteln wie „zivilem Ungehorsam“, wie sie es selbst nennen, für das Klima kämpfen. Rackete war im Sommer mit einem Rettungsschiff voller Flüchtlinge unerlaubt in einen italienischen Hafen eingefahren. Das imponiert vielen hier.

„Endlich unruhig werden“

Dorothee Eckardt (66) und Klaus Müller (70) aus Friedrichshagen sind schon seit Januar freitags bei den Demonstrationen gegen den Klimawandel dabei, Alter hin oder her. „Es wird Zeit, dass die Politiker endlich unruhig werden“. Die Atmosphäre erinnert die beiden ein bisschen an früher: „Wir sind schon in den 80er-Jahren gegen Atomkraft auf die Straße gegangen.“ Tatsächlich sieht man am Brandenburger Tor vereinzelte Atomkraft-Nein-Danke-Fahnen wie einst. Radfahrer Johannes Tiedje (63) dagegen wirkt, als habe er eher ein schlechtes Gewissen, hier mit zu demonstrieren. „Schließlich hat unsere Generation Dinge wie Erderwärmung oder CO2-Emissionen zu verantworten.“

Schon am Morgen hatte der Welt-Klimatag in Berlin mit Demonstrationen, kurzzeitigen Straßenblockaden und anderen Aktionen begonnen. Ein Fahrradkorso legt ab 7.45 Uhr vom Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg aus den Straßenverkehr Richtung Innenstadt lahm – die Forderung: sofortiger Kohleausstieg. Gegen 9 Uhr sperren Aktivisten mit Flatterband kurzzeitig die Holzmarktstraße an der Jannowitzbrücke in Mitte. Um 9.30 Uhr entrollen Demonstranten am Kanzleramt ein Banner: „Rückkehr der Klimakanzlerin?!“ Zu dieser Zeit tagt noch immer das Klimakabinett der Bundesregierung.

Auf einer Überführung über die Stadtautobahn A100 in Tempelhof bringen Umweltschützer zudem kurzzeitig ein Banner an: „Saubere Autos sind eine dreckige Lüge.“ Und am Kottbusser Tor in Kreuzberg blockieren Fahrradfahrer den Kreisverkehr.

Am Abend Sitzblockade am Potsdamer Platz

Am Mittag setzt sich der große Demonstrationszug vom Brandenburg Tor in Bewegung. Um kurz nach 15 Uhr twittert Luisa Neubauer, das Gesicht der deutschen „Fridays for Future“-Bewegung: „Wir sind 270.000 Menschen auf den Straßen in Berlin! Krass. Wir sind keine ,ungeduldigen jungen Menschen’, wie Frau Merkel gerade sagt. Sondern eine Gesellschaft, die sich wie nie zuvor aufmacht und echte Klimapolitik einfordert“.

Gleichzeitig sammelt sich ein „Rave-Aufstand“ zum Motto „No Future, no Dancefloor“ zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor. Den Party-Protest-Zug haben Berliner Clubbetreiber geplant. Techno-Beats wummern von Lautsprecherwagen. Die Demonstranten ziehen zum Alexanderplatz, wo eine Abschlusskundgebung geplant ist. Dass der Zug wesentlich später loszieht als geplant, stört niemanden – beim Christopher Street Day oder der Loveparade ist es meist auch nicht anders.

Mehrere Gruppen blockieren gegen 18 Uhr den Potsdamer Platz. Solche Besetzungen seien „wirksame Mittel, um gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen“, heißt es in einer Mitteilung. Viele Fahnen der Gruppen waren vor Ort zu sehen. Die angekündigte Blockade des Flughafens Tegel blieb jedoch bis zum Abend aus. Generell blieben die Proteste bis zum Abend in Berlin friedlich. ​