Berliner helfen

Eine Auszeit von der Krankheit

Die Berliner Krebsgesellschaft ermöglicht Betroffenen, mit ihren Angehörigen einen Ausflug zu unternehmen oder ins Theater zu gehen.

Familie Pfützenreuther-Eigendorf hält zusammen.

Familie Pfützenreuther-Eigendorf hält zusammen.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Es war ein tolles Ereignis für Angelina (13) und Gina (16). Sie konnten mit ihren Eltern eine Vorstellung der Blue Man Group im Stage Bluemax Theater am Potsdamer Platz besuchen. „Großartig“, sagt auch Bernd Pfützenreuter, Vater der beiden Mädchen, über die Show. „Es sieht ganz einfach aus, aber es steckt viel Arbeit dahinter. Das hat mich sehr beeindruckt.“

Vater sitzt im Rollstuhl

Die Mädchen saßen in der dritten Reihe, durch einen Poncho vor Bananenbrei, Wackelpudding und anderem geschützt, was umherflog. Ihre Eltern, Kerstin Pfützenreuter-Eigendorf und Bernd Pfützenreuter, sahen vom Rang aus zu. Bernd Pfützenreuter saß dabei im Rollstuhl. Der 63-Jährige leidet an einem Lungentumor. Ermöglicht wurde der Theater-Besuch durch die Berliner Krebsgesellschaft. Mit ihrem Projekt „Familienzeit“ lädt sie Erkrankte mit niedrigem Einkommen dazu ein, gemeinsam mit den nächsten Verwandten eine Auszeit zu verleben.

Gemeinsames schönes Erlebnis

Sie können eine Fahrt in einen Vergnügungspark oder einen Ausflug ans Meer unternehmen und bekommen dafür finanzielle Unterstützung. In diesen Stunden sollen die Sorgen und Ängste, Medikamente und Behandlungen in den Hintergrund treten, und das schöne Erlebnis im Vordergrund stehen. Seit 2015 gibt es das Angebot. Bislang haben 60 Familien davon Gebrauch gemacht. Wer eine Familienzeit beantragen will, kann telefonisch einen Gesprächstermin in der Beratungsstelle der Krebsgesellschaft vereinbaren. „Das ist eine megatolle Sache“, sagt Kerstin Pfützenreuter-Eigendorf über die Familienzeit. „Wir haben den Tag genossen.“ Den Besuch der Vorstellung zu viert hätte sich die Familie nicht leisten können. „Das fängt schon mit den Taxi-Kosten an“, sagt Bernd Pfützenreuter, „weil ich den Rollstuhl brauche.“

Diagnose Lungenkrebs

Vor zwei Jahren stellten die Ärzte die Krankheit bei ihm fest. Wegen einer Heiserkeit war Bernd Pfützenreuter im Sommer 2017 zum Arzt gegangen. Der ließ eine MRT-Untersuchung durchführen, die die Diagnose Lungenkrebs brachte. Der Befund hat das Familienleben verändert. Pfützenreuter war Gastronom. Nun ist er Rentner und nicht mehr arbeitsfähig. Arztbesuche, Untersuchungen, Chemotherapie und Medikamente bestimmen seinen Alltag. Sofort nach der Diagnose habe er aufgehört zu rauchen, erzählt er. „Das hilft mir ungemein, weil es die Lunge entlastet.“ 30 Jahre lang hat er geraucht.

Seine Töchter waren es, die sich im Internet über die Berliner Krebsgesellschaft informierten und sich auf den Weg machten. Die Schwestern waren der Meinung, es sei gut, sich Hilfe zu holen. „Dort konnten wir darüber reden, wie wir mit der Situation klar kommen“, sagt Angelina. „Wir haben gute Tipps bekommen.“ Seit Anfang 2019 suchen die Mädchen eine Mitarbeiterin der Gesellschaft auf. „Sie setzt sich gut für uns ein“, sagt Angelina. „Sie hört zu und versteht unsere Lage.“

Töchter haben Hilfe gesucht

Auch die „Familienzeit“ wurde den Mädchen vorgeschlagen. „Wir fanden, dass es eine schöne Idee ist, und haben den Antrag dafür gestellt.“, sagt Angelina. Auch Karten für den Auftritt eines Kinderchors in der Mercedes Benz Arena in Friedrichshain stellte die Krebsgesellschaft zur Verfügung. „Wir hatten sehr gute Plätze“, erzählt Angelina.

„Es hat Spaß gemacht.“ Sie war erst elf Jahre alt, als der Vater erstmals vom Tumor sprach. „Ich habe damals noch nicht verstanden, was diese Krankheit bedeutet“, sagt sie. „Jetzt weiß ich, was das heißt.“ Gina, die ältere Tochter, habe sofort nach der Diagnose begriffen, wie ernst die Lage ist, sagt Kerstin Pfützenreuter-Eigendorf. „Wer kocht in Zukunft den leckeren Kasslerbraten?“, habe sie verzweifelt gefragt. „Wer führt mich zum Altar, wenn ich mal heirate?“. Eine Welt sei für Gina zusammengebrochen.

Beratung bei der Berliner Krebsgesellschaft

Auch Kerstin Pfützenreuter-Eigendorf geht mittlerweile zur Berliner Krebsgesellschaft und lässt sich beraten. Sie schätzt die Arbeit der Gesellschaft, die auch von Berliner helfen e. V. mit Spenden unterstützt wird, sehr. Dass die 48-jährige Mutter und Ehefrau sich auch um sich selbst kümmern muss, darauf weist die Mitarbeiterin immer wieder hin. Und bestärkt sie. „Aber es ist nicht so einfach. „Wichtig ist der Familie, dass es mindestens eine Mahlzeit am Tag gibt, bei der alle vier am Tisch sitzen. Wichtig ist auch, dass der Vater seine Kochrezepte in einem dicken Heft aufschreibt. Selbst zu kochen, wie er es jahrelang getan hat, fällt ihm zunehmend schwer.

Doch weil sein Kasslerbraten, seine Paprikaschoten und Eierkuchen so lecker sind, bestehen die Töchter, seine Frau und sein Sohn aus erster Ehe darauf, dass er die Zubereitung genau aufschreibt. „Damit wir das auch so hinkriegen“, sagt Kerstin Pfützenreuter-Eigendorf. So füllt der Kranke Seite um Seite in dem Heft, wenn er die Kraft dazu hat. Aufgeben kommt für ihn nicht in Frage. „Ich möchte mein Töchter noch groß werden sehen. Das habe ich mir geschworen“, sagt er. „Dafür kämpfe ich.“

Familienzeit

Das Projekt „Familienzeit“ der Berliner Krebsgesellschaft ermöglicht Familien mit niedrigen Einkommen eine Auszeit von der Krankheit zu nehmen. Das kann eine gemeinsame Kurzreise sein, ein Besuch in einem Vergnügungspark oder ein Ausflug zu Verwandten. Informationen unter Telefon (030) 28 32 400, Montag bis Freitag, 8.30 – 17.00 Uhr oder per E-Mail an beratung@berliner-krebsgesellschaft.de