Festival der Riesendrachen

Hunderte Drachen steigen auf dem Tempelhofer Feld

Diesen Sonnabend steigen Hunderte Drachen über dem Tempelhofer Feld auf. Mitorganisator Robert Kirsch erzählt vom Drachenfliegen.

Seinen Astronaut hat Drachenpilot Robert Kirsch in 22 Meter Länge gebaut.

Seinen Astronaut hat Drachenpilot Robert Kirsch in 22 Meter Länge gebaut.

Foto: Reto Klar / FUNKE FotoServices

Berlin.  In Gedanken rennt ein Kind flink über eine Wiese, den Blick auf das gerichtet, was hinter ihm in der Höhe passiert. Seine Verbindung zu dem Objekt in der Luft besteht nur über eine dünne Schnur. Das Kind lässt einen Drachen steigen.

Eine Erinnerung, die auch Robert Kirsch zu seinen eigenen zählt. Der Drachensport hat den heute 35-Jährigen im Alter von zehn Jahren in den Bann gezogen. „Mit Opa“, sagt er, als er von seinem ersten Drachenflug berichtet. Und bis heute hat ihn diese Faszination nicht losgelassen. Kirsch ist an der Organisation vieler Festivals im Drachensport beteiligt.

Wenn am kommenden Sonnabend beim Stadt- und Landfestival der Riesendrachen zum achten Mal Hunderte bunte Drachen in den Himmel über dem Tempelhofer Feld aufsteigen, werden gut und gerne 100.000 Besucher das Spektakel bestaunen – mitorganisiert hat es ebenfalls Robert Kirsch.

200.000 Quadratmeter Drachenparadies

Er und sein Team „Aufwind extreme“ werden viele ihrer Drachen am Sonnabend beisteuern. Erwartet werden etwa 100 Drachenflieger aus Deutschland, Italien, Belgien und Österreich auf der westlichen Seite des Tempelhofer Feldes, direkt an der Paradestraße.

Riesendrachen und Lenkdrachen werden gut 200.000 Quadratmeter für sich in Anspruch nehmen. Letztere präsentieren ihr Können zu Musik. Zudem zeigt eine Drachen-Ausstellung historische Originale.

Anfang der 1900er-Jahre stellte der Stofftierhersteller Steiff Drachen her, damals noch aus Stoff und dementsprechend schwer. Heute lassen ultraleichte Materialien wie Spinnaker-Nylon aus dem Segelsport das Herz der Fans höherschlagen.

Die meisten Riesendrachen entstehen in Handarbeit

Wer den klassischen Rautendrachen erwartet, wird diesen wohl nur bei den Gästen finden, die ebenfalls zum Drachensteigen eingeladen sind. Figuren in Übergröße aller Art wird der Wind in Richtung Himmel steigen lassen. Der Drachensport ist ein Kunsthandwerk geworden. Die allermeisten Drachen sind selbst gemacht.

Kirsch fertigte einst einen Oktopus mit 40 Metern Länge. Mit der Zeit gehe der Trend zu immer größeren Drachen. Die Arbeit mit verschieden dicken Stoffen an der Nähmaschine kennt jeder Drachenbauer. Auch Robert Kirsch hat sich das über die vielen Jahre selbst beigebracht. „Zunächst muss man verstehen lernen, welche Kräfte da wirken“, sagt Kirsch.

n Berlin-Biesdorf zuhause füllen seine mehr als 100 Drachen ein ganzes Lager des Einfamilienhauses. Durch die Bauzeit von drei bis vier Wochen hat er zu vielen davon eine ganz bestimmte Bindung, sagt der Großdrachenflieger.

Rennen muss heute niemand mehr

An Leinen, die eine Belastung von bis zu drei Tonnen Zug aushalten, wird zunächst ein Trägerdrachen in die Luft gelassen. Am selben Seil folgen dann die eigentlichen Stars des Fests. Über das Feld rennen, damit der Drachen in der Luft bleibt, muss heute niemand mehr, sagt Robert Kirsch.

Material und Technik machen es möglich, dass die Drachenflieger ihre Schützlinge, dann „nur“ noch beaufsichtigen müssen. Immer im Blick dabei das Wetter. Er und seine Mitstreiter verstehen sich als „Himmelsgestalter“.

Die Begeisterung der Betrachter, wenn die bunten Figuren hoch über ihren Köpfen aufsteigen, spricht für Kirsch und sein Team.

Aus der sicheren Distanz vom Boden vergesse man schnell die Dimensionen, die sich hinter einem Riesendrachen verbergen können. Man unterscheidet vier Größen. Die Exemplare in „overlarge“ sind mehr als zehn Meter lang. So wie etwa Kirschs Astronaut (Foto), der eine Länge von 22 Metern hat. In diesem Jahr will er mit übergroßen Zwergen punkten.

Kein Urlaub ohne Drachen

Anders als einem das eigene Gefühl oft glauben lässt, ist starker Wind nichts für den Drachensport. Windstärken 2 bis 3 sind ideal, sagt Robert Kirsch und räumt sogleich mit einem anderen Trugschluss auf: „Die größte Lüge im Drachensport: Herbstzeit ist Drachenzeit.“

Tatsächlich sei die Drachensaison die gleiche wie für die Sommerreifen am Auto. Von Ostern bis Oktober. Dann herrscht das beste Wetter mit den besten Windverhältnissen.

Eigentlich jeder Urlaub wird bei Robert Kirsch für den Drachensport genutzt. Oft mit mehreren Säcken beladen, reist er dafür durch die ganze Welt. Wenngleich er damit kein Geld verdiene.

Da die Szene eng vernetzt ist und der Drachenkult auch in anderen Ländern zu finden ist, kann es schon mal passieren, dass Kirsch auf Einladung eines Prinzen mit vielen Kilogramm flugfähigen Stoffes nach Doha (Katar) fliegt, um dort Drachen steigen zu lassen. Auch der orangefarbene Astronaut, einer von Kirschs Klassikern, war mit dabei. Ein besonderes Highlight wartet aber noch: Kirsch wird den Versuch wagen, einen Drachen auf einem Kreuzfahrtschiff vor Afrika steigen zu lassen.

8. Stadt- und Landfestival der Riesendrachen, 21.09., 11 bis 20 Uhr, Westseite Tempelhofer Feld, Eintritt frei