Regionalverkehr

„Katastrophale Planung“: Zugmangel ärgert Reisende

Reisende berichten von überfüllten Zügen auf der Linie RB10. Auch auf anderen Linien fährt die Bahn nicht das vereinbarte Angebot.

Ein Regionalzug der Deutschen Bahn im Berliner Hauptbahnhof. Sitzplätze sind auf vielen Linien Mangelware.

Ein Regionalzug der Deutschen Bahn im Berliner Hauptbahnhof. Sitzplätze sind auf vielen Linien Mangelware.

Foto: Reto Klar

Berlin. Fehlende Sitzplätze, zu wenig Platz für Gepäck oder Fahrräder, daran sind viele Nahverkehrskunden in Berlin und Brandenburg längst gewöhnt. Doch die Zustände in der RB10 (Nauen–Berlin-Südkreuz) sorgen derzeit bei vielen Fahrgästen für Unmut und Zorn. In den Zügen würden sich teils dramatische Szenen abspielen, ist von den Reisenden zu hören. „Die Fahrt in jedem Viehtransporter muss im Moment schöner sein. Spätestens in Spandau kommen nicht mehr alle Leute rein“, berichtete etwa Sabine H. aus Falkensee (Havelland) der Berliner Morgenpost. H. fährt jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit nach Kreuzberg und am Nachmittag wieder zurück.

In den vergangenen Tagen hat sich die Situation noch zugespitzt. Ist doch seit dem 10. September aufgrund von Bauarbeiten der Zugverkehr auf der Stadtbahntrasse zwischen Zoologischer Garten und Hauptbahnhof unterbrochen. Für Züge der Regionalbahnlinien RE2, RB21 und RB22 ist im Westen schon in Charlottenburg Endstation. Für Fahrgäste, die weiter in die Innenstadt wollen, heißt es dort umsteigen in die gleichfalls oft vollen Züge der Berliner S-Bahn. Zu den wenigen Linien, die noch eine schnelle und zudem umsteigefreie Direktverbindung zum Hauptbahnhof bieten, gehört die RB10. Die Züge auf dieser Linie sind daher noch voller als zuvor.

Noch vor Spandau kein Hineinkommen in den Zug mehr

Fahrgäste berichten, dass im Berufsverkehr bereits in Albrechtshof, also noch vor Spandau, kein Reinkommen in die Züge mehr möglich ist. „Bei dieser katastrophalen Planung sollte die Deutsche Bahn wenigstens Menschen mit weißen Handschuhen einsetzen, die nach Tokioter Vorbild die Massen im Berufsverkehr in die Kurzzüge schieben, damit auch ­alle nach Berlin kommen“, schrieb etwa am Montag ein Nutzer unter dem Hashtag #RB10 über dem Kurznachrichtendienst Twitter.

Die Deutsche Bahn, die mit ihrer Tochter DB Regio Nordost die RB10 betreibt, verweist darauf, dass bedingt durch die Bauarbeiten auf der Stadtbahn und der damit verbundenen Teilung der Linien RE1, RE7 und RB14 es aktuell einen höheren Fahrzeugbedarf gibt. Zudem ist laut einer Bahn-Sprecherin das Instandhaltungsaufkommen „zurzeit überdurchschnittlich hoch, sodass neben den oben genannten Linien vermehrt einzelne Züge, auch der RB10, geschwächt (also mit weniger Wagen – d. Red.) verkehren müssen“.

Angebotsverbesserungen vereinbart

Doch eigentlich hätte es zu Engpässen gar nicht kommen dürfen. Erst Ende vorigen Jahres hatten die Länder Berlin und Brandenburg und der gemeinsame Verkehrsverbund VBB angesichts stark steigender Fahrgastzahlen mit der Bahn umfangreiche Angebotsverbesserungen im Regionalverkehr vereinbart und auch deren Finanzierung zugesichert. Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2018 wurden für mehreren Strecken Kapazitätserhöhungen angekündigt.

Für die RB10 hieß es damals, dass sich die Zahl der Sitzplätze von 460 auf 580 pro Zug erhöhen soll. In der gleichfalls stark ausgelasteten RB13 (Wustermark–Berlin-Jungfernheide) sollte die Zahl der Sitzplätze von 160 auf 300 pro Zug sich fast verdoppeln. Angekündigt wurden Verbesserungen für April (RB13) sowie das zweite Quartal dieses Jahres (RB10).

Umgesetzt werden konnten die versprochenen Kapazitätserhöhungen bisher jedoch nur zu einem geringen Teil. Was vor allem daran liegt, dass der Deutschen Bahn die benötigten Züge fehlen. Dabei hatte DB Regio noch im Dezember erklärt, dafür gewappnet zu sein. Weil die Regionalbahntochter in Bayern gerade einen Verkehrsauftrag verloren hatte, sollten 21 gebrauchte Doppelstockwagen von dort in die Hauptstadtregion kommen.

Doch die notwendigen Arbeiten zur Ertüchtigung der Zugtechnik etwa für Fahrten durch den Nord-Süd-Tunnel dauern offenbar deutlich länger als gedacht. Hinzu kommen zahlreiche aktu­elle Ausfälle bei den relativ neuen Talent-Triebwagen, die auf der RB10 derzeit oft nur in dreiteiligen Kurzzug-Varianten fahren statt als Fünfteiler.

Auch auf anderen Linien hält die Bahn ihre Zusagen nicht ein

Doch nicht nur bei der RB10, auch bei den Flughafenexpresslinien RE7 (Dessau–Berlin–Wünsdorf-Waldstadt) und RB14 (Nauen–Berlin–Schönefeld) kann die Bahn bislang nicht die ab Frühjahr zugesagten Züge bereitstellen. Statt achtteiliger Triebwagenzüge fahren etwa auf der RE7 oft nur Fünfteiler. Statt der versprochenen 460 Sitzplätze stehen dann höchstens 300 Plätze zur Verfügung. „Wir sind extrem verärgert, dass die von uns zusätzlich bestellten Leistungen von der Deutschen Bahn nicht erbracht werden“, sagte dazu Brandenburgs Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (SPD).

Ziel sei, auf den besonders nachgefragten Strecken die Platzverhältnisse in den Zügen zu verbessern. „Trotz der regelmäßig stattfindenden Gespräche mit der Bahn ist dies bislang nicht gelungen. Wir entschuldigen uns deshalb bei den Fahrgästen für die teilweise unhaltbaren Zustände in den Zügen und fordern die Bahn auf, die Kapazitätserhöhung endlich umzusetzen.“ Auch VBB-Chefin Susanne Henckel ist sauer: „Uns reißt langsam der Gedulds­faden. Dies ist eine unzumutbare Situation für die Fahrgäste“, sagte sie.

Die Kapazität „schnellstmöglich“ wiederherstellen

DB Regio bittet gleichfalls um Entschuldigung und verspricht Besserung. Durch zusätzliches Instandhaltungspersonal und Vergabe von Instandhaltungsleistungen an Dritte soll die benötigte Fahrzeugkapazität „schnellstmöglich“ wiederhergestellt werden. Darüber hinaus würden fehlende Wagen durch Fahrzeuge aus anderen Regionen Deutschlands bis Ende September sukzessive ersetzt, so die Sprecherin.

Viele RB10-Fahrgäste befürchten dagegen eine weitere Verschärfung der Lage. Denn ab 24. September wird, wie berichtet, die Stadtbahn-Sperrung noch auf die Strecke Charlottenburg–Spandau ausgeweitet. Auf diesem Abschnitt will die Bahn bis zum 14. Oktober auch die Schienen erneuern. Betroffen davon sind die Linien RE2 und RB14, deren Fahrten dann bereits in Spandau enden. Noch mehr Fahrgäste werden, so die Befürchtung, dann versuchen, mit der RB10 direkt in die Stadt zu fahren.