Ländermonitor

Suche nach einem Ausbildungsplatz in Berlin am schwierigsten

Obwohl es mehr Bewerber als Plätze gibt, hat sich die Zahl nicht besetzter Ausbildungsplätze in Berlin seit 2009 versechsfacht.

Auszubildender zeigt den Einsatz einer Datenbrille.

Auszubildender zeigt den Einsatz einer Datenbrille.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Berlin. Die Suche nach einem Ausbildungsplatz ist in Berlin deutschlandweit am schwierigsten. Das geht aus dem „Ländermonitor berufliche Bildung 2019“ hervor, den die Bertelsmann-Stiftung am Donnerstag veröffentlichte. Demnach ist in der Hauptstadt das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt im bundesweiten Vergleich am schlechtesten.

So standen im Jahr 2018 für 100 Bewerber nur 86 Ausbildungsplätze zur Verfügung und damit sieben weniger als noch zwei Jahre zuvor. Im Bundesschnitt sind es 97 Plätze. In Bayern und Thüringen herrscht mit 110 beziehungsweise 105 Plätzen sogar ein Überangebot. Vor allem in den Elektro-, Informatik- und Metallberufen gab es in Berlin deutlich mehr Bewerber als Ausbildungsplätze. Ein Bewerbermangel, also mehr Stellen als Interessenten, war einzig bei den Reinigungsberufen zu verzeichnen.

Trotz Überangebots blieben 1700 Stellen unbesetzt

Damit gibt es von vornherein kein ausreichendes Angebot, um allen interessierten Jugendlichen einen Ausbildungsplatz zu ermöglichen. Im vergangenen Jahr bewarben sich insgesamt 20.976 Berliner um einen Ausbildungsplatz. Davon gingen 4623 leer aus. Gegenüber 2009 hat sich diese Zahl fast verdoppelt. Damals waren es gerade einmal 2454 Bewerber. Dabei werden aber keinesfalls alle Ausbildungsplätze besetzt. Von insgesamt 18.066 im vergangenen Jahr blieb mit 1710 fast jede zehnte Stelle frei.

Grund dafür sind sogenannte Passungsprobleme – Betriebe und Bewerber finden immer seltener zueinander. Am mangelnden Interesse der potenziellen Auszubildenden liegt es laut Studie nicht. Denn für 68,7 Prozent und damit für mehr als zwei Drittel der unbesetzten Stellen in Berlin gibt es potenzielle Interessenten. Trotzdem wird am Ende oft kein Ausbildungsvertrag unterschrieben. Entweder weil der Betrieb den Bewerber nicht für geeignet hält oder der Jugendliche die konkrete Ausbildung nicht attraktiv findet. So wünscht er sich etwa eine Stelle in einem Großbetrieb, bekommt aber nur Angebote von kleinen Firmen. Besonders betroffen sind hiervon laut Studie die Verkaufsberufe sowie die Berufe im Bau- und Baunebengewerbe. „In diesen Fällen muss es gelingen, mehr Brücken zwischen Jugendlichen und Betrieben zu bauen“, sagt Claudia Burkard, Berufsbildungsexpertin der Bertelsmann-Stiftung. „Betriebspraktika sind beispielsweise eine gute Möglichkeit, um Jugendlichen und Betrieben ein gegenseitiges Kennenlernen zu ermöglichen und Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen.“

Ein weiteres Problem liegt darin, dass die Berufswünsche der Jugendlichen und die angebotenen Ausbildungsplätze nicht zusammenpassen. Das gilt laut Studie für 24,3 Prozent der unbesetzten Stellen. „Politik, Schulen und Betriebe sollten gemeinsam daran arbeiten, Jugendliche auch für Berufe zu begeistern, die sie bislang noch nicht auf dem Zettel hatten“, fordert Burkard. Außerdem müssten die Rahmenbedingungen in den Branchen verbessert werden, die besonders von Besetzungsproblemen betroffen sind. „Man kann etwa das Ausbildungsentgelt erhöhen, das oft nicht gerade üppig ist.“ Außerdem könne man die Rahmenbedingungen verbessern, so dass etwa nicht von Anfang an Überstunden anfallen und die Arbeitszeiten vernünftig seien, soweit es das Berufsbild in den einzelnen Branchen zulasse.

IHK vermutet erhebliche Dunkelziffern

Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels müsse das Ziel sein, dass jeder Ausbildungsinteressent eine Stelle findet, so Burkard weiter. Dazu brauche es gegebenenfalls öffentlich geförderte Ausbildungsplätze. „Wir brauchen zeitgemäße, flexible Lösungen, bei denen Jugendlichen ein Einstieg über öffentlich geförderte Ausbildung ermöglicht wird.“ Ein Übergang in reguläre betriebliche Ausbildung könne dann nach einem Jahr erfolgen. Das helfe sowohl den Jugendlichen als auch den Betrieben, die auf diese Weise bereits vorqualifizierte Jugendliche in das zweite Lehrjahr der Ausbildung übernehmen können.

Die Passungsproblematik würden auch viele Ausbildungsunternehmen in der Hauptstadt spüren, sagt Jörg Nolte, Geschäftsführer Wirtschaft und Politik der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK). „Zum diesjährigen Ausbildungsstart im September waren noch über 5500 Ausbildungsplätze vakant.“ Da rund ein Drittel der Stellen nicht bei der Arbeitsagentur gemeldet würden, schätzt Nolte die tatsächliche Zahl unbesetzter Plätze als deutlich höher ein. Immer weniger Bewerber würden auf die steigende Anzahl der Plätze passen.

„Umso bedauerlicher ist es, dass weiterhin nur ein geringer Teil der als Ausbildungsplatz-suchend gemeldeten Jugendlichen unsere Vermittlungsangebote und Nachvermittlungsaktionen in Anspruch nimmt“, so Nolte weiter. Dort kämen nur wenige der gemeldeten Bewerber tatsächlich an. Zwar seien alle betroffenen Jugendlichen zur Last Minute Börse der IHK eingeladen. „Doch auch wenn erstmals immerhin mehr als ein Fünftel der Zielgruppe der Einladung folgte, liegt die Teilnehmerquote weiterhin auf einem sehr niedrigen Niveau.“ Das Matching zu verbessern, sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, ist Nolte überzeugt.

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