Bildung

Berlin findet keinen Lehrernachwuchs

2700 Referendare jährlich sollen den Lehrermangel lindern. Aber das gelingt bei weitem nicht. Manche Zahlen sind sogar rückläufig.

Berlin braucht dringend mehr Lehrer. (Archivbild)

Berlin braucht dringend mehr Lehrer. (Archivbild)

Foto: Marijan Murat / dpa

In Berlins Klassenräumen werden wohl auch in den kommenden Jahren viel zu wenig ausgebildete Lehrkräfte unterrichten. Denn der rot-rot-grünen Landesregierung gelingt es nicht, eines ihrer zen-tralen bildungspolitischen Versprechen einzulösen. „Die Koalition wird die personelle Ausstattung der Schulen verbessern“, heißt es im Koalitionsvertrag, der vor mehr als zweieinhalb Jahren unterschrieben wurde. Als eine der zentralen Maßnahmen wird genannt: „Die Zahl der Referendariatsplätze wird schrittweise ausgeweitet“.

Während die Zahl der Plätze bereits seit 2009 nach und nach angehoben wurde – aktuell wird im Senatshaushalt mit 2700 Referendaren und Referendarinnen mit ordentlichen Lehramtsabschlüssen gerechnet – gelingt es aber seit Jahren nicht, diese Plätze auch nur annähernd zu belegen.

Laut Zahlen der Senatsverwaltung für Finanzen, die in Berlin auch für das Personalmanagement im öffentlichen Dienst zuständig ist, war die Zahl der Referendare seit 2016 sogar rückläufig. Demnach waren damals 2044 der geplante 2700 Plätze belegt, ein Jahr später waren es 1832 und im Jahr 2018 nur noch 1662.

Jede Verwaltung hat ihre Zählweise

Fragt man im Haus der Bildungssenatorin nach den Gründen für diese Entwicklung, verweist Sprecher Martin Klesmann auf andere Zahlen. Demnach ist die Zahl der Neueinstellungen bei Referendaren gleichbleibend niedrig. So haben 1239 Lehramtsabsolventen mit er-stem Staatsexamen in 2016 ihren Referendarsdienst begonnen. Danach pendelte sich der Wert bei rund 1100 ein, für 2019 zählt die Senatsverwaltung 1098 Neueinstellungen.

Was denn nun? Hat Berlin zu wenig Lehrer in der Ausbildung, oder werden es auch noch immer weniger? Stellt man Klesmann die Frage, heißt es: Die Anzahl der Referendare habe sich stabilisiert, „wenn auch auf unserer Sicht auf zu niedrigem Niveau“. Und die Zahlen aus der Finanzverwaltung? Die werden einmal im Jahr, jeweils zum Stichtag 15. Oktober, festgestellt. Die Lehrerausbildung dauere 18 Monate, daher käme es beim Zählen zu Überlappungen bei den Jahrgängen. Und: Abbrecher spielten „definitiv auch eine Rolle“. Die habe 2018 bei sieben Prozent gelegen.

Bislang lindern Quer- und Seiteneinsteiger den Mangel

Fest steht: Auch in diesem Schuljahr deckte des Angebot bei weitem nicht den Bedarf an Lehrern. Von 2734 neuen Lehrkräften haben nur 40 Prozent eine reguläre Referendarsausbildung.

Um dennoch auf die erforderliche Anzahl an Lehrkräften zu kommen, stellte die Senatsverwaltung eine Rekordzahl von Quereinsteiger ein. Die holen ihre Lehrbefähigung während der Arbeit im Klassenzimmer nach. Jeder Dritte war ein sogenannter Seiteneinsteiger. Diese werden in der Regel lediglich befristet angestellt und bringen nach den Vorgaben der Senatsverwaltung nicht die Voraussetzungen für eine Weiterbildung zu Lehrern mit.

„Rot-Rot-Grün hat kein Erkenntnisproblem, sondern ein Vollzugsproblem“, sagt Dirk Stettner, bildungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Er verweist darauf, dass dem Senat die Zahlen zu Schülerzuwächsen und gleichzeitiger Pensionierungswelle bekannt seien. „Und trotzdem wird nichts dafür getan, um uns wettbewerbsfähiger zu machen.“

CDU fordert Wohlfühlpaket

Die CDU fordert eine Reihe von Maßnahmen. Stettner nennt es ein „Wohlfühlpaket“. Lehramtsstunden sollen mit Stipendien von monatlich 500 Euro gelockt werden, einem garantierten Wohnheimplatz sowie einer Übernahme in den Landesdienst inklusive Verbeamtung. Dass Berlin als einziges Bundesland nicht verbeamte, sei ein entscheidender Wettbewerbsnachteil.

Ausgebildete Lehrer aus anderen Bundesländern wolle man mit einer Willkommensprämie von 5000 Euro nach Berlin locken. Bezahlen will Stettner sein „Wohlfühlpaket“ aus dem Topf für die Brennpunktzulage mit 8,6 Millionen Euro. 300 Euro monatlich erhalten ausgebildete Lehrkräfte für ihren Einsatz an Brennpunktschulen, Schulen also, in denen mindestens 80 Prozent der Schüler von der Zuzahlung zu Lernmitteln befreit sind. „Die Zulage ist sowieso wirkungslos“, sagt Stettner.

Die Senatsverwaltung verweist darauf, dass es bereits ein Stipendium von 500 Euro gibt, für Bachelor-Studenten, die sich nach dem Abschluss für einen Lehramtsmaster entscheiden. Auch könnten ab 2020 die Berliner Referendare von einer bundesweite „Ballungsraum-Zulage“ profitieren.

Streitpunkt Verbeamtung

„Wir werben intensiv für den Lehrerberuf“, sagt Bildungssprecher Klesmann. Allerdings befänden sich die Bundesländer im Wettbewerb um qualifizierte Lehrkräfte, weshalb sich auch Senatorin Scheeres für die Verbeamtung stark mache.

Während die Berliner Sozialdemokraten noch um eine Position dazu ringen, sind die rot-grünen Koalitionspartner weiter gegen eine Wiedereinführung des Beamtenstatus für Lehrer. Laut Regina Kittler, Sprecherin für Schule bei der Linksfraktion, müsse man vor allem versuchen, die hohe Teilzeitquote bei Lehrerinnen zu senken. Und zwar durch Verbesserung der Arbeitsbedingungen sowie der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Wir haben eine unglaublich hohe Teilzeitrate bei Lehrerinnen. Wenn wir die in Vollzeit bringen, ist schon viel gewonnen“, sagt Kittler.

Lehrermangel ist ein deutschlandweites Problem. Lange haben die Minis-terien mit sinkenden Schülerzahlen gerechnet – und viel zu spät umgesteuert, etwa durch Aufstocken der Studienplätze. Bis neue Lehrer ausgebildet sind, vergehen in der Regel sieben Jahre.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) rechnet nicht damit, dass sich der Lehrermangel in nächster Zeit entschärft. Auch wegen der niedrigen Bezahlung von Referendaren. Der GEW-Vorsitzende Tom Erdmann: „Beim Einkommen im Referendariat ist Berlin Schlusslicht.“ Die Gewerkschaft fordert 300 Euro mehr Lohn für Referendare. Berlin, so die Kritik der Gewerkschaft, habe viel zu spät reagiert und die Studienplätze auf Lehramt aufgestockt hat. Über Jahre wurden Lehramtsstudenten an den Berliner Unis abgewiesen.