Morgenpost vor Ort

„Die Freiheit der Kunst ist das größte Geschenk“

Leserforum zur Kultur und Kulturpolitik in Berlin. Schwerpunkte waren die freie Szene, das Humboldt Forum – und das liebe Geld.

Das Leserforum fand im Zoo Palast statt.

Das Leserforum fand im Zoo Palast statt.

Foto: Reto Klar / FUNKE FotoServices

Am Anfang des Leserforums stand eine provokante Frage: „Warum sollen die Menschen eigentlich noch ins Theater oder in die Oper gehen? Sie können sich doch alles im Internet ansehen, zum Beispiel bei Youtube. Das ist viel billiger“, wollte Moderator Hajo Schumacher vom Museumsexperten Christoph Stölzl wissen.

Der antwortete schnell – und optimistisch: „Weil die Menschen es brauchen, anderen Menschen dabei zuzuschauen, auf den Punkt etwas aufzuführen. Das ist so etwas Einzigartiges, das wird nie sterben, da bin ich mir ganz sicher.“ Sicher waren sich auch die Teilnehmer der Podiumsdiskussion, dass der kulturelle Reichtum und die kulturelle Vielfalt Berlins etwas ganz Kostbares sind, das es zu bewahren gilt – wenn auch nicht immer Einigkeit herrschte, welches der beste Weg dorthin ist.

Wie geht es der Kultur in Berlin?

Um Kultur und Kulturpolitik in der deutschen Hauptstadt ging es am Montagabend im Zoo Palast an der Hardenbergstraße beim Leserforum in der Reihe „Morgenpost vor Ort“.

Mit Morgenpost-Autor Hajo Schumacher diskutierten Kultursenator Klaus Lederer (Linke); Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt Forums; Christoph Stölzl, Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar und Vertrauensperson für den Stiftungsrat des Jüdischen Museums; Claudia Wiedemer, freie Schauspielerin, Musikerin und Performerin sowie Felix Müller, Leiter des Kulturressorts der Berliner Morgenpost. Die wichtigsten Themen im Überblick:

Der Kulturetat wächst

Nach den aktuellen Haushaltsplanungen wird der Berliner Kulturetat bis 2021 um mehr als 60 Millionen Euro auf dann 608 Millionen Euro steigen. Hajo Schumacher wollte von Klaus Lederer wissen, wofür das Geld ausgegeben wird. Schwerpunkt, wie bereits in den vergangenen Haushaltsverhandlungen, sei die Absicherung von Tarifgehältern in den Kultureinrichtungen, sagte der Kultursenator.

Diese sollten Tariferhöhungen für die Beschäftigten nicht mehr wie früher aus ihren künstlerischen Etats finanzieren müssen. Allein dafür sei „ein zweistelliger Millionenbetrag mit einer Zwei vorne“ vorgesehen, erläuterte Lederer.

Millionen fließen in die Instandhaltung der Kulturhäuser

Ebenfalls einen zweistelligen Millionenbetrag pro Jahr will die Kulturverwaltung für die bauliche Instandhaltung der Einrichtungen einplanen. Der Sanierungsstau müsse abgebaut und eine nachhaltige Bewirtschaftung der Häuser in Gang gesetzt werden, betonte der Senator.

Nachhaltigkeit war auch hier das Schlüsselwort. „Nach Jahren des Abbaus soll nun nicht einfach viel Geld rausgeballert, sondern eine Struktur geschaffen werden, die auch in Zukunft trägt und die uns davor bewahrt, von der Substanz zu leben“, betonte Lederer.

Eintrittsfreier Sonntag in den Landesmuseen

Auch die Besucher sollen vom Geldsegen profitieren: Von April nächsten Jahres an sieht der Senat einen eintrittsfreien Sonntag in den Landesmuseen vor. Zudem soll ein zweistelliger Millionenbetrag zusätzlich in die freie Szene fließen, um mehr darstellende und bildende Künste zu finanzieren und um auch in der freien Szene soziale Mindeststandards abzusichern. Nach seinen Angaben sind im kommenden Jahr 17,8 Millionen Euro zusätzliche Mittel für die freie Szene vorgesehen, 2021 fast 21 Millionen Euro.

Nur zwei Prozent des Landesetats gingen in die Kultur, sagte Lederer. Das sei vergleichsweise viel. Nirgendwo in Deutschland werde die freie Szene so gefördert wie in Berlin. Deutschland könnte sich mehr für Kultur leisten, aber dazu sei eine gesamtgesellschaftliche Verständigung notwendig.

„Wichtig ist, dass wir uns untereinander nicht mobben“, mahnte Christoph Stölzl. Es gebe strukturell sehr teure Kulturformen, zum Beispiel die Oper. „Aber die Oper ist heilig, das ist ein Geschenk an die Menschheit“, sagte er. Sie sei ein hervorragendes Beispiel dafür, wie man Humanität in Tönen ausdrücken kann. „Wir haben 83 Opernhäuser in Deutschland, die USA neun. Das ist einzigartig, das ist kostbar! Und ich glaube daran, dass Kultur humanisiert“, erklärte der Kulturexperte.

„Geld kommt in der Freien Szene nur zum Teil an“

Es höre sich sehr gut an, dass sich der Kultursenator um soziale Standards kümmere, das Geld komme in der Szene aber nur bedingt an, kritisierte Schauspielerin Claudia Wiedemer. Nach einer seriösen Erhebung fehlten zum Beispiel der Berliner Tanzszene sechs Millionen Euro. Von der Etatsteigerung solle sie indes nur 700.000 Euro bekommen.

Klaus Lederer widersprach. Die freie Szene werde immer sagen, das Geld reiche nicht, und es sei auch legitim, mehr zu fordern. Es entspreche aber nicht den Tatsachen, dass auf die Tanzszene nur 700.000 Euro zusätzlich entfallen. Für darstellende Kunst, zu der auch Tanz gehöre, seien pro Jahr rund zehn Millionen Euro mehr vorgesehen.

Spontane Gesangseinlage im Zoo Palast

Claudia Wiedemer machte auf sehr persönliche Art deutlich, was für sie als freischaffende Künstlerin wichtig ist: „Ich brauche jemanden, der mir einen Raum gibt, mir vertraut und mir sagt: mach. Dann kann ich abliefern.“ Spontan stand sie auf, bekannte sich zu ihrer Nervosität – und eroberte den Kinosaal.

Sie begann zu singen. A capella und mit einem Stand-up-Text, wonach eine nicht ausreichende Kulturförderung die freie Szene abwürgt. Das hatte es bei einem Leserforum der Morgenpost noch nie gegeben. Podium und Publikum waren gleichermaßen beeindruckt.

Kulturorte sollen gesichert werden

Die Mietverträge etlicher freier Theater seien nicht langfristig gesichert, beklagte Claudia Wiedemer und fragte den Kultursenator nach seiner Strategie. Lederer betonte, bis zu seinem Amtsantritt sei die Landespolitik der Ansicht gewesen, Raumfragen seien keine Fragen für die Kulturverwaltung. Das habe er geändert, weil klar ist, dass Räume immer knapper werden.

So habe Berlin das Radialsystem an der Holzmarktstraße in Friedrichshain gekauft und werde ein weiteres Radialsystem von den Wasserbetrieben erwerben. Die ehemalige Hochschule für Schauspielkunst werde als Probenzentrum für die freie Szene entwickelt, das Rockhaus in Lichtenberg mit 180 Proberäumen für Musiker sei gesichert. Ein Großprojekt sei die Alte Münze in Mitte. Das Haus werde nun nicht verkauft, sondern für 35 Millionen Euro saniert und zu einem Musikschwerpunkt entwickelt.

Zielmarke 2000 bis zum Ende der Legislaturperiode

„Wir akquirieren Räume für die Kultur, vor allem für die freie Szene“, erläuterte der Kultursenator. „Wo immer sich eine Immobilie findet, die man zu guten Konditionen mieten kann, mieten wir sie. Wo immer wir eine landesweite Immobilie finden, die wir umwidmen und für Kultur nutzen können, machen wir das“, sagte er.

600 Arbeitsräume für Kultur seien seit seinem Amtsantritt bereits geschaffen worden, 2000 sollen es bis zum Ende der Legislaturperiode werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse aber noch Gas gegeben werden, räumte der Linken-Politiker ein.

„Ich kann nicht den Kapitalismus ausknipsen“

Wenn Theater Räume nutzen, die sie von privaten Eigentümern gemietet haben, sei der Einfluss der Kulturverwaltung allerdings begrenzt – etwa, wenn die Miete stark angehoben werde. „Ich kann nicht den Kapitalismus ausknipsen. Aber wir arbeiten daran, Infrastrukturen vom Markt zu nehmen“, betonte Lederer. Der Moderator fragte nach dem Mietendeckel. Der greife bei Gewerberäumen nicht, sagte der Senator. Mit einer Initiative, Mietpreisbeschränkungen auch im Gewerbemietrecht einzuführen, sei Berlin im Bundesrat gescheitert.

Was wird das Humboldt Forum?

Hajo Schumacher fragte den Generalintendanten, wie er die Rolle des Humboldt Forums umschreiben würde. „Vielfalt verbinden“, sagte Hartmut Dorgerloh und zählte zunächst auf, was das Humboldt Forum alles nicht ist: Es sei kein Schloss, kein Museum, kein Kino, kein Tanztheater, kein Kongresszentrum, kein Ort der freien Szene. „Aber es ist von allem etwas. Und das ist das Spannende, so etwas gab es in Berlin noch nicht“, sagte Dorgerloh. Von daher solle das Humboldt Forum auch ein Ort sein, den die freie Szene nutzt, auch international.

Es gehe um Diversität, um die thematische Vielfalt. Dafür sorgten auch die Partner im Haus. Die ethnologischen Museen stünden für die großen Kontinente und die großen globalen Fragen, das Stadtmuseum für die Stadtgesellschaft und die Geschichte Berlins und die Humboldt-Universität für die aktuellen Fragen des Wissenschaftsverbundes.

„Wir wollen aber kein Gemischtwaren­laden werden, das Humboldt Forum muss ein Profil und ein Programm entwickeln“, betonte der Intendant. Auch Christoph Stölzl lobte das Projekt und sprach liebevoll-anerkennend vom „Centre Pompidou de luxe“.

Volumen von 700 Einfamilienhäusern

Das Haus biete unglaubliche Möglichkeiten, sagte Dorgerloh. Es habe das Volumen von 700 Einfamilienhäusern. Von Herbst 2020 an solle es in drei Etappen eröffnet werden. Die Eröffnung war eigentlich schon für diesen September geplant. Dorgerloh berichtete von Kapazitäts- und Qualitätsproblemen auf der Baustelle.

Immerhin: Inzwischen sei mit der Senatsverkehrsverwaltung eine Lösung für Reisebusse gefunden worden. Die sollen nicht mehr den Blick auf die Museumsinsel und das Schloss verstellen, sondern künftig an der Rathausstraße halten. Auch für Fahrradständer am Humboldt Forum gebe es eine Einigung.

Mit einem „Verkehrsproblem“ beschäftigen sich die Forumsverantwortlichen aber noch: Der Schlüterhof dürfe nicht zum Parkplatz für E-Scooter werden. Passage und Schlüterhof sollen Tag und Nacht geöffnet bleiben, das Haus selbst täglich bis 20 Uhr, am Wochenende sogar bis 22 Uhr. Das bedeute auch mehr Sicherheit, betonte der Kultursenator. Je belebter das Gebiet nahe dem Alexanderplatz sei, desto besser in diesem Zusammenhang.

„Großprojekte können freie Szene gefährden“

Morgenpost-Kulturchef Felix Müller sieht eine Tendenz zu Großprojekten in Berlin. Das betreffe nicht nur das Humboldt Forum, sondern auch das geplante Museum der Moderne.

„Die freie Szene ist der wichtige kreative Humus, aus dem die Attraktivität Berlins immer wieder neu erfunden wird. Meine Sorge ist, dass all diese ,Leuchttürme‘ die einzigartige vielfältige Szene irgendwann so in den Schatten stellen, dass sie verschwindet“, warnte Müller Das sei zum Teil schon zu beobachten.

Das Dezentrale mitdenken

Berlin bestehe nicht nur aus dem Zentrum, sagte Christoph Stölzl. Die große Stadt benötige Kulturentwicklung und Räume auch jenseits der City. „Das Dezentrale muss mitgedacht werden“, betonte er. Klaus Lederer pflichtete ihm bei. Sein Kulturentwicklungsplan sei nicht, die Stadt mit Kulturorten „zuzupflastern“ – mit Ausnahme von Bibliotheken, Musikschulen und Jugendkunstschulen. „Da will ich ein flächendeckendes Netz.“

Berlin verfüge über ein „mal mehr, mal weniger gut funktionierendes öffentliches Nahverkehrssystem“, sagte Lederer. Menschen, die nicht mehr Kinder sind, könnten Kulturangebote überall im Stadtgebiet wahrnehmen. Auch bei der Akquise von Räumen für die freie Szene müsse das Stadtgebiet außerhalb des S-Bahn-Rings genutzt werden. „Und da erwarte ich, dass Marzahn nicht als Zumutung empfunden wird“, rief Lederer aus – und bekam starken Applaus. Er bezeichnete Berlin als „Kulturhauptstadt Europas“.

Die Öffnung der Kultureinrichtungen

Hajo Schumacher fragte Klaus Lederer, wie man nicht-kulturaffine Menschen stärker für Museen oder Theater gewinnen kann. Es gebe unterschiedliche Hürden, antwortete der Senator. Neben fehlendem Geld können auch eine Rolle spielen, von den Themen und Angeboten nicht berührt zu sein.

In den Kultureinrichtungen sei nicht die gesamte Stadtgesellschaft vertreten, das beobachte er auch, sagte der Linken-Politiker. Die Einrichtungen seien grundsätzlich frei darin, wie sie ihr Programm gestalten, das verteidige er auch. Aber sie bekämen Unterstützung, wenn sie sich verändern wollen.

Berlin startet Teilhabeforschung

Einmalig in Deutschland werde in Berlin eine Teilhabeforschung gestartet. So solle herausgefunden werden, wer in Theater, Museen oder Galerien geht – und warum die anderen nicht kommen. Die repräsentativen Daten würden dann mit den Einrichtungen besprochen.

Würden Einrichtungen mit erheblichen Steuermitteln gefördert, stelle sich schon die Frage, ob es legitim sei, wenn sie nur einen kleinen Teil der Stadtgesellschaft erreichen. Geschlechtergleichheit, ethnische Vielfalt, ein breiteres Themenspektrum, Barrierefreiheit, das gehöre zu seinem Kulturentwicklungsplan.


„Wir müssen unseren Kulturbegriff verändern und flexibler werden, wie wir uns kulturelle Präsentation vorstellen“, sagte Hartmut Dorgerloh. Das wahrscheinlich größte vietnamesische Kulturzentrum in Europa stehe in Lichtenberg. Er meinte das Dong Xuan Center.

Neue Leitung für das Jüdische Museum

Christoph Stölzl ist Vertrauensperson für den Stiftungsrat des Jüdischen Museums. Hajo Schumacher fragte ihn nach dem Stand der Entwicklung „Ich gehe mit der Rot-Kreuz-Binde am Arm zwischen den Linien hin und her“, antwortete Stölzl lächelnd. Er versuche herauszufinden, wie die verschiedenen Öffentlichkeiten, die am Jüdischen Museum beteiligt sind, zu einem Konsens gebracht werden können.

„Es ist ein besonderes Museum. Das erlegt eigentlich allen Beteiligten und allen, die von außen Anteil nehmen, auf, sorgsam miteinander umzugehen. Das versuche ich zu fördern“, ergänzte er. Derzeit werde eine neue Museumsleitung gesucht, er hoffe, dass bald entschieden wird. Denn es sei ungemein wichtig, welcher Kopf und welches Herz im Zentrum die Geschicke der Institution steuert. Im Frühjahr werde ein Kindermuseum im Jüdischen Museum eröffnet.