Housing-Projekt

Wie wohnungslose Frauen in Berlin wieder ein Obdach finden

Über das Projekt „Housing first für Frauen“ haben schon 13 wohnungslose Frauen ein neues Zuhause gefunden.

Charlotte Riepe (r.) mit Christin Müller (Name geändert) vor der Housing First-Geschäftsstelle in Wedding.

Charlotte Riepe (r.) mit Christin Müller (Name geändert) vor der Housing First-Geschäftsstelle in Wedding.

Foto: Philipp Siebert

Berlin. Christin Müller kämpft mit den Tränen. Ein kurzes „Wunderbar“ dringt mit brüchiger Stimme über ihre Lippen. „Entschuldigung, da kommt so viel wieder hoch.“ Es braucht einige Sekunden, bis sie sich gefasst hat. „Die Wohnung ist wunderbar. Sie ist klein, aber es ist meine“, sagt sie. Ein großes Zimmer mit Schlafnische, kleiner Küche und Balkon – 35 Quadratmeter für knapp 450 Euro. „Mehr brauche ich nicht.“ Sie lächelt wieder.

Christin Müller heißt eigentlich anders. Sie ist Ende 50 – eine kleine, zierliche Frau mit kurzen, grauen Haaren und liebevollem Blick. Das Gespräch mit einem Journalisten spannt sie sichtlich an. Sie erzählt trotzdem. Sie stamme aus einer kleinen Stadt in Brandenburg und habe zuletzt in Berlin gearbeitet. „Ich bin jeden Tag fünf Stunden hin und zurück gefahren und habe ungefähr noch zehn bis zwölf Stunden gearbeitet.“ Irgendwann kam der Zusammenbruch. Keine Kraft mehr – sie habe sich um nichts mehr gekümmert, Job und Wohnung verloren. Zwei Jahre ist das jetzt her. Von da an schlief sie vor allem in Notunterkünften in Berlin.

30 Wohnungen in drei Jahren finden

Dass Müller seit dem ersten Juli wieder in ihren eigenen vier Wänden lebt, hat sie dem Modellprojekt „Housing First für Frauen“ zu verdanken. Das ging im vergangenen Oktober an den Start und wird vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Berlin getragen. Rund fünf Mitarbeiter unterstützen wohnungs- und obdachlose Frauen bei der Suche nach einem Zuhause. „Unser Ziel ist es, 30 Wohnungen in drei Jahren zu finden“, sagt Charlotte Riepe, zuständig für Immobilienakquise und Öffentlichkeitsarbeit. Bislang habe man in 13 Fällen Erfolg gehabt und keine Rückschläge zu vermelden.

Das Projekt des SkF ist eines von zwei in Berlin. Der ebenfalls beteiligte Verein „Neue Chance“ habe in Kooperation mit der Stadtmission 16 Obdachlose mit Wohnungen versorgt, teilte Sebastian Böwe von der Immobilienverwaltung des Vereins mit. "Eine weitere Person steht kurz vor dem Einzug, und wir haben noch feste Zusagen für mindestens fünf Wohnungen", so Böwe. Insgesamt wurden also innerhalb eines Jahres 29 Berliner Obdachlose mit Wohnungen versorgt. 17 weiter Wohnungen sind nach Angaben der Projektpartner in Aussicht. Für beide Projekte stellte die Sozialverwaltung in den Jahren 2018 und 2019 insgesamt mehr als 700.000 Euro zur Verfügung.

Bei vielen Klienten des Projektpartners steht die Gesundheit im Vordergrund: "Bei uns stehen erst einmal Operationen an - vom Grauen Star bis zum fünf Jahre alten Leistenbruch ist alles dabei. Auch eine Drogentherapie wurde begonnen", berichtet Böwe über die Mieter. Die älteste sei fast 70 Jahre alt.

Der Grundgedanke: Jeder Mensch ist „wohnfähig“

Fast 140 Anfragen habe es bislang gegeben, so Charlotte Riepe. Mehr als 30 Klientinnen seien in das Projekt aufgenommen worden. Das richtet sich explizit an alleinstehende, kinderlose, volljährige Frauen, die noch nicht anderweitig im Hilfesystem verankert sind. Sie müssen die Miete etwa durch Transferleistungen, eine Rente oder durch ein Einkommen selbst finanzieren können. Bei entsprechenden Anträgen unterstütze man gegebenenfalls. „Wir tun aber nichts für die Frau, sondern machen es mit ihr.“ Man helfe bei der Wohnungssuche, begleite bei Besichtigungen und im Erfolgsfall zur Vertragsunterzeichnung.

Gesucht werde berlinweit auf dem ganz normalen Immobilienmarkt, sagt Riepe. „Wir wünschen uns natürlich, dass die Wohnungen zur Verfügung gestellt werden und wir in der Wohnungsakquise nicht mitkämpfen müssen“, sagt Riepe. Denn in Berlin in diesen Tagen etwas Geeignetes und Bezahlbares zu finden, sei „ein bisschen wie Lotto spielen“. Daher gelte es, für das Projekt zu werben und Netzwerke aufzubauen. Man sei darauf angewiesen, dass die Vermieter zuhörten. Dabei müssten oft Vorurteile aufgeklärt werden. „Dieses Bild des Menschen in der U-Bahn mit Schnapsflasche – das ist nur ein minimaler Anteil.“ Dagegen spreche schon, dass die Klientinnen aus eigener Kraft zum Housing First-Projekt kommen und sich bereit für eine Wohnung fühlen.

„Das Schamgefühl ist bei Frauen oft viel größer. Viele leben auch in ungesunden Familienkonstellationen oder Partnerschaften“, sagt Riepe. Tagsüber würden sie sich eher in Bibliotheken oder Einkaufszentren aufhalten als auf der Straße und dabei nicht auffällig aussehen. Soweit man es überblicken könne, seien mehr als 27 Prozent der Wohnungslosen in Berlin weiblich. Viele hätten Gewalt erfahren. Der Bedarf nach Schutz und Ruhe sei sehr hoch. Und genau darum gehe es.

Schulden und psychische Erkrankungen spielen keine Rolle

Das Modellprojekt wird vom Berliner Senat dieses Jahr mit 228.000 Euro finanziert. Es ging zeitgleich mit einem weiteren Projekt der evangelischen Berliner Stadtmission an den Start. Insgesamt sind 29 Wohnungslose in eigene Wohnungen gezogen, 17 weitere Wohnungen sind in Aussicht, so die Projektpartner. Sie werden wissenschaftlich von der Alice-Salomon-Hochschule begleitet. Dabei soll ermittelt werden, welchen Erfolg das Housing First-Konzept in Berlin hat. Es wurde Anfang der 90er-Jahre in der New Yorker Obdachlosenhilfe entwickelt und bereits von Helsinki, Lissabon oder auch Glasgow adaptiert.

In der deutschen Übersetzung von „Housing First“ steckt bereits der simple Grundgedanke: zuerst ein Zuhause. Jeder Mensch wird als „wohnfähig“ angesehen. Dinge wie Drogenabhängigkeit, Schulden oder psychische Erkrankungen spielen zunächst keine Rolle. „Wenn man die Wohnung hat, kann man zur ­Ruhe kommen und weitere Probleme angehen“, sagt Riepe. Diese Ruhe fehle im bisherigen Stufenmodell. Dabei kommen Wohnungslose in Notunterkünften oder Trägerwohnungen unter und müssen etwa bei Therapien Schritt für Schritt ihre Wohnfähigkeit unter Beweis stellen.

Zur Ruhe kommen will nun auch Christin Müller. Dann wolle sie sich um ihre Schulden kümmern und sich vielleicht wieder einen kleinen Job suchen. „Ich würde gern meine Erfahrungen aus der Wohnungslosigkeit nutzen und Frauen auf dem Weg helfen.“ Was sie an Unterstützung bekommen habe, wolle sie zurückgeben.