Investition

Der ICE wird grün - Bahn will klimafreundlich sein

Die Deutsche Bahn gibt sich klimafreundlich. Das soll auch von außen an den ICE zu sehen sein.

Das Flaggschiff der Deutschen Bahn, der Intercity-Express (ICE), bekommt ein neues Design. Künftig werden die weiß lackierten Fernzüge an der Spitze und am Ende einen grünen statt des bekannten roten Zierstreifens erhalten.

Das Flaggschiff der Deutschen Bahn, der Intercity-Express (ICE), bekommt ein neues Design. Künftig werden die weiß lackierten Fernzüge an der Spitze und am Ende einen grünen statt des bekannten roten Zierstreifens erhalten.

Foto: dpa

Berlin. Das Gleis 1 am Berliner Ostbahnhof war schon immer ein ganz besonderes. Einst ging der DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht von hier aus in einem besonders gesicherten Sonderzug auf Reisen. Sein Nachfolger Erich Honecker nahm dort Staatsgäste in Empfang.

Dass nun der Vorstandschef der Deutschen Bahn, Richard Lutz, und der Staatssekretär Enak Ferlemann sich am Dienstagmorgen auf diesem Bahnsteig einfanden, hatte wenig mit der Vergangenheit, dagegen viel mit der Zukunft des Transportmittels Bahn zu tun. Auf Gleis 1 war ein ICE 4, ein Fernzug der neuesten Generation, eingefahren. Auch dieser Zug ist besonders, darf er doch als erster mit einem neuen Außendesign auf die Strecke von Berlin nach München gehen. An der Spitze und am Ende des Zuges wird der gewohnte rote Zierstreifen durch einen grünen ersetzt. Darauf ist die Aufschrift zu lesen: „Deutschlands schnellster Umweltschützer“.

Bahnchef Lutz verbindet mit dem Farbwechsel ein klares Zeichen an die Reisenden, aber auch an die Bundespolitiker, die derzeit heftig über ein Konzept gegen den Klimawandel debattieren. Für mehr politischen Rückhalt setzt die Bahn seit Monaten voll auf das Klima-Argument. „Wer wirklich Klimaschutz will, der kommt an der Bahn nicht vorbei“, warb Lutz und zeigte auch auf einen grünen Stecker, der nun auf jeden ICE lackiert wird.

Bahn kauft soviel Ökostrom ein, wie sie für den Fernverkehr braucht

Sein Argument: Der Fernverkehr fährt bereit seit 2018 komplett mit Ökostrom. Was allerdings nur heißt, dass die Bahn soviel Ökostrom einkauft, wie sie für den Fernverkehr braucht. In die Oberleitungen fließt der normale Bahnstrommix, der 2018 noch zu 43 Prozent aus Kohle, Gas und Atomkraft stammte. Auf vielen Nebenstrecken fahren zudem noch Dieselloks. Erst 60 Prozent des Gleisnetzes in Deutschland ist elektrifiziert. Darauf wird 90 Prozent des Bahnverkehrs abgewickelt. Echte 100 Prozent Ökostrom soll es 2038 geben, eine klimaneutrale Bahn erst ab 2050.

Für den Bahnbeauftragten der Bundesregierung, Enak Ferlemann, ist die Eisenbahn „das Verkehrsmittel des 21. Jahrhunderts“. „Wir wollen richtig in das Schiennetz investieren.“ Im laufenden Geschäft müsse sie die Bahn aber besser werden, etwa bei der Fahrzeugbereitstellung, wie der CDU-Politiker deutlich machte. „Da ist noch Luft nach oben.“ Verspätungen durch die aktuell rund 1000 Baustellen im Netz dagegen seien kaum zu vermeiden. Die Bahn sei auf einem sehr guten Weg. Der Bundeskonzern hatte sich dazu eine neue Strategie verordnet. Sie heißt „Starke Schiene“ und zieht einen Schlussstrich unter frühere internationale Expansionspläne. Alles, was die Bahn unternimmt, soll sich auf die Stärkung der Eisenbahn in Deutschland ausrichten.

Geplant ist zum Beispiel, dass Fernzüge alle deutsche Großstädte im 30-Minuten-Takt verbinden. Einen schnellen Zugang zum Internet (Wlan) soll es künftig auch in Intercity-Zügen geben. Das große Ziel ist, dass sich die Zahl der Reisenden, die im Fernverkehr die Bahn nutzen, bis 2030 verdoppeln soll. Dass dieses Ziel zu erreichen ist, zeigt laut Lutz die 2017 eröffnete Neubautrasse zwischen Berlin und München. Über die neue Schnellfahrstrecke können Reisende die jeweils andere Stadt in teilweise weniger als vier Stunden Erreichen. Zuvor waren die Züge rund sechseinhalb Stunden unterwegs.

Der Fahrgastverband wünscht sich mehr Zuverlässigkeit

Angesichts des Erfolgs hatte die Bahn bereits angekündigt, die Zahl der schnellen ICE-Sprinter-Verbindungen zum nächsten Fahrplanwechsel im Dezember von drei auf fünf am Tag zu erhöhen. Zudem will die Bahn auf der Strecke noch mehr ICE 4 einsetzen, die zusätzliche Plätze in den häufig ausgebuchten Zügen bieten. Aufgrund von Qualitätsmängeln bei der Herstellung der Wagenkästen hatte die Bahn zeitweise die Abnahme der neuen Züge von den Herstellern Siemens und Bombardier gestoppt. Nun wird wieder geliefert. Der Zug im Ostbahnhof trägt die Seriennummer 34. Rund 100 weitere Züge dieses Typs sollen in den kommenden Monaten folgen. Sie sollen laut einem Bahnsprecher auch auf der stark nachgefragten Strecke Berlin–Hamburg zum Einsatz kommen.

Michael Wedel vom nordostdeutschen Landesverband des Deutschen Bahn-Kunden-Verbandes (DBV) mochte in die Euphorie der Bahn-Verantwortlichen nicht ganz einstimmen. „Wichtiger als ein grüner Streifen am Zug wäre mir, dass die Kaffeemaschine an Bord funktioniert und die Toiletten nicht aufgrund von Defekten gesperrt sind“, sagte er der Berliner Morgenpost. Auch Peter Cornelius vom Fahrgastverband Pro Bahn wünscht sich mehr Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit vom Staatskonzern.

Für Matthias Gastel, bahnpolitischen Sprecher der Grünen im Bundestag, fährt die Deutsche Bahn mit ihrer neuen Strategie in die richtige Richtung. „Doch die Konzernstrategie ,Starke Schiene‘ trifft bei der Bundesregierung weiterhin auf eine schwache Verkehrspolitik. Ohne eine grundsätzliche Kursänderung in der Verkehrspolitik droht dem von Bahnchef Lutz eingeschlagenen Kurs auf halber Strecke die Luft auszugehen“, befürchtet er. Wenn die Bundesregierung es mit dem Klimaschutz ernst meine, müsse sie die Wende in der Infrastrukturpolitik einleiten. „Noch immer quillt der Bundesverkehrswegeplan vor lauter Straßenneubauprojekten über.“