Invalidenstraße

Nach tödlichem Unfall: Diskussion um SUV in Berlin entbrannt

Der Unfall an der Invalidenstraße entfacht eine Debatte über Sportgeländewagen in Innenstädten.

Polizeibeamte am Unfallort an der Invalidenstraße Ecke Ackerstraße in Berlin-Mitte.

Polizeibeamte am Unfallort an der Invalidenstraße Ecke Ackerstraße in Berlin-Mitte.

Foto: Reto Klar

Berlin. Nach dem tödlichen Unfall an der Invalidenstraße in Berlin-Mitte haben am Sonnabendabend etwa 500 Menschen mit einer Mahnwache auf der Kreuzung Invalidenstraße/Ackerstraße der Opfer gedacht. Vier Minuten lang schwiegen sie am Unfallort - je eine Minute für jedes Todesopfer.

Auf Transparenten verlangten Teilnehmer „Motorisierte Gewalt stoppen“, sie kritisierten „motorisierte Mordwerkzeuge“. Zu der Mahnwache am Unfallort hatten die Vereine Verkehrsclub Deutschland (VCD), FUSS und Changing Cities aufgerufen. „Das kann jeden von uns treffen“, sagte Heiner von Marschall, der Vorsitzende des VCD Nordost - solange das Auto im Mittelpunkt der Verkehrsplanung bilde.

Mittes Bürgermeister von Dassel: "Panzerähnlichen Autos gehören nicht in die Stadt"

Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Stephan von Dassel (Grüne), sagte: „Solche panzerähnlichen Autos gehören nicht in die Stadt. SUVs haben in unseren Städten nichts zu suchen!“ Jeder Fahrfehler bedeute Lebensgefahr für Unschuldige.

Auch die Berliner Fraktionsvorsitzende der Grünen, Antje Kapek, sprach sich am Montagmorgen im Inforadio des RBB für Beschränkungen für schwere Autos in der Innenstadt aus. Kapek sagte, es gehe um SUV, aber auch um andere große Automodelle sowie um Lkw. Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) reagierte zurückhaltender: „Wir müssen analysieren, wie es zu diesem schrecklichen Unfall kommen konnte, bevor wir Konsequenzen ziehen können.“

Florian Schmidt, Grünen-Politiker und Baustadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg, schrieb, der Unfall habe Symbolcharakter. Die „SUV-Technik und Marketingstrategie ist mitschuldig an einer Autokultur des Ich, Ich, Ich“. Der Zusammenhang von Autoimage und Raserei sei offensichtlich. „Lasst uns diese Wagen und viele mehr von den öffent­lichen Räumen entfernen“, schrieb Schmidt auf Twitter.

Der Generalsekretär der Berliner CDU, Stefan Evers, nannte Schmidts Äußerung zynisch. Der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Jan-Marco Luczak sagte, die Äußerungen Schmidts und der Deutschen Umwelthilfe (DHU) seien „beschämend und ohne Anstand den Opfern gegenüber“. Die Deutsche Umwelthilfe hatte die Debatte eröffnet, indem sie auf Twitter schrieb, SUVs hätten in den Städten nichts zu suchen.

Sandra Hass, Sprecherin des ADAC Berlin-Brandenburg, sagte: „Es ist generell unangebracht, einen so tragischen Unfall für verkehrspolitische Forderungen zu nutzen.“ Die Aufklärung des Unfalls laufe noch und man wisse man nicht, ob es an der zu hohen Geschwindigkeit oder an anderen Gründen gelegen habe. Sie sei mit den Unfallforschern in Kontakt.

Grünen-Fraktionschefin Göring-Eckardt gegen Verbot von SUV

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt sprach sich bei einem Talk der „Bild“-Zeitung gegen ein Verbot dieser Geländewagen aus. SUVs sollten aber durch Steuern wesentlich teurer werden, sagte sie am Montag: „Die Frage, was es kostet, ist viel entscheidender als ein Verbot.“ Sie wünsche sich eine „vernünftige Gleichberechtigung zwischen Fahrradverkehr, Fußverkehr und Autos“. Göring-Eckardt forderte „Vorfahrt für diejenigen, die vernünftig fahren: die elektrisch fahren und die ohne CO2 fahren“.

Der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Oliver Krischer, sagte der Zeitung „Der Tagesspiegel“: „Wir brauchen eine Obergrenze für große SUV in den Innenstädten. Am besten wäre eine bundesrechtliche Regelung, die es Kommunen erlaubt, bestimmte Größenbegrenzungen zu erlassen.“

DHU-Chef fordert City-Maut für SUV

In der „Passauer Neue Presse“ legte DUH-Chef Jürgen Resch am Dienstag nach: „SUVs sind nicht nur Klima-Killer, sondern auch ein Sicherheitsrisiko“, sagte Resch. Der Unfall verdeutliche auf schmerzhafte Weise, dass die SUV-Autos in Innenstädten nichts zu suchen hätten. Resch forderte von den Städten Sofortmaßnahmen - wie etwa Parkhaus-Parkplätze für die SUV-Wagen zu sperren und eine City-Maut für sie zu verlangen.

Der CDU-Innenpolitiker Philipp Amthor sagte der Zeitung „Bild“: „Dieser Unfall schockiert. Er zeigt das Gefährdungspotential. Aber ich würde keine Verbotsdebatte lostreten.“ Der rechtliche Rahmen sei durch die Straßenverkehrsordnung bereits gesetzt.

Unfallforscher: Ein SUV ist grundsätzlich nicht gefährlicher als ein Polo

„Man kann nicht einfach sagen: SUV ist grundsätzlich gefährlicher als ein Polo oder als ein Smart“, sagte der Unfallforscher der Versicherungswirtschaft, Siegfried Brockmann, der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Mehr Einfluss als das Gewicht habe die Geschwindigkeit und die Art des Zusammenstoßes, erklärte er. „Alles was jenseits von 50 Stundenkilometern ist, ist für einen menschlichen Körper mindestens lebensgefährlich, meistens aber auch tödlich, egal mit welchem Fahrzeug.“ Im Berliner Fall hätte aber der Ampelmast einen Polo möglicherweise abgehalten.

SUV (Sport Utility Vehicle) sind bei Autokäufern in Deutschland zunehmend beliebt, obwohl sie von Kritikern als besonders umweltschädlich bezeichnet werden. Im August fiel mehr als jeder fünfte Neuwagen in diese Kategorie. Hinzu kommen in der Statistik des Kraftfahrt-Bundesamtes noch zehn Prozent herkömmliche Geländewagen.