Renten

Vor allem Frauen sind in Berlin im Alter arm

Jeder dritte Berliner ist von Altersarmut bedroht. Vor allem Frauen sind davon betroffen. Der VdK fordert eine Grundrente.

Der Sozialverband VdK warnt: Jeder sechste Berliner Rentner sei derzeit armutsgefährdet, Tendenz steigend.

Der Sozialverband VdK warnt: Jeder sechste Berliner Rentner sei derzeit armutsgefährdet, Tendenz steigend.

Foto: imago stock

Berlin. Morgens am Hardenbergplatz: Menschen strömen aus dem Bahnhof Zoo, Schüler halten Kurs auf den Eingang des Zoologischen Gartens. Sie gehen an Christine Blume vorbei und würdigen sie keines Blickes, während sie Zigarettenkippen aus einem Aschenbecher sammelt. Ein paar Meter weiter setzt sie sich auf eine Bank. Vorher greift sie noch in einen Mülleimer und holt eine Plastikflasche heraus. „Ich lebe von Pfandgut“, sagt sie. Vorhin habe sie eine ganze Tüte voll gefunden – etwas Geld für diesen Tag.

Blume ist 62 Jahre alt, stammt eigentlich aus Bayern und kam 1979 nach Berlin. Gemeinsam mit ihrem Mann lebe sie in Moabit, erzählt sie. Der sei mittlerweile 70 Jahre alt und habe eine gute Rente. Sie bekomme davon jedoch nichts ab. Die Beziehung sei zerrüttet. „Jetzt sind die Kinder erwachsen und ich brauche dich nicht mehr“, habe er zu ihr gesagt. Seit einem halben Jahr denke sie über Scheidung nach, ringe mit sich, könne nachts deswegen oft nicht schlafen. Vieles spreche für die Trennung. „Aus taktischen Gründen sollte ich es aber hinziehen, bis ich Witwe bin.“ Denn im Fall der Scheidung habe sie keinen Anspruch auf Witwenrente.

Kaum Rentenansprüche durch Teilzeit und Kindererziehung

Und ihre eigene Rente? „Ich weiß nicht, wieviel das ist. Wird vielleicht gerade so für das Nötigste reichen“, sagt Blume. Schon 1992 habe sie vor der Geburt ihres dritten Sohnes aufgehört zu arbeiten und sich seitdem allein den Kindern gewidmet. Vorher sei sie elf Jahre im Fernmeldeamt und zuvor in einem Supermarkt beschäftigt gewesen – halbtags.

„Kleine Renten sind aus unserer Sicht das Resultat von schlecht bezahlten Arbeitsplätzen, langer Arbeitslosigkeit, Kindererziehung und der Pflege von Angehörigen“, sagt Silvana Radicione, Landesgeschäftsführerin für Berlin-Brandenburg des Sozialverbands VdK Deutschland. Davon seien vor allem Frauen betroffen. Derzeit lebten 31 Prozent der Berliner Erwerbstätigen am unteren Existenzminimum und seien damit von Altersarmut bedroht. Wo vor einigen Jahren noch jeder achte Rentner als armutsgefährdet gegolten habe, sei es jetzt jeder sechste und perspektivisch jeder fünfte.

Der VdK fordert deswegen eine Grundrente von 960,60 Euro, außerdem eine Erhöhung des Mindestlohns von derzeit 9,19 auf 12,80 Euro. „Der Rentenanspruch einer Kellnerin mit einer 39-Stunden-Woche würde dann von 738 auf 1039 Euro steigen“, so Radicione weiter. Das Rentenniveau von derzeit 48 solle auf 50 Prozent des Durchschnittslohns angehoben werden. „Die Renten müssen entsprechend den Löhnen auch steigen.“ Eine Erhöhung der Beiträge lehnt der VdK allerdings ab. „Stattdessen müssen alle in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen – auch Selbstständige, Beamte und politische Amtsträger.“ Auch hohe Einkommen und Erbschaften sollten höher besteuert werden.

Ähnliches fordert auch der Armutsforscher Christoph Butterwegge, der der Linkspartei nahe steht. Allerdings spricht er sich auch für eine Erhöhung der Rentenbeiträge aus. Die liegen derzeit bei 18,6 Prozent, werden je zur Hälfte von Arbeitgeber und Arbeitnehmer getragen. Wenn man gleichzeitig private, allein vom Arbeitnehmer getragene Vorsorgemodelle wie die Riester-Rente abschaffe, würden sich nur für die Arbeitgeberseite die Beiträge erhöhen, sagt Butterwegge. „Es wäre also im Interesse der Arbeitnehmer.“

Unternehmen gegen höhere Beiträge und Mindestlohn

Bei den Unternehmensverbänden Berlin-Brandenburg (UVB) stoßen höhere Beiträge auf Ablehnung. „Die Lohnnebenkosten würden dann 40 Prozent übersteigen“, sagt UVB-Sprecher Carsten Brönstrup. „Wir sind jetzt schon kurz davor und sehen keinen weiteren Spielraum.“ Wenn Arbeit teurer werde, sei sie gefährdet, weil Unternehmen unter Umständen abwandern würden.

Die Einkommensentwicklung hänge mit dem Erfolg der Unternehmen zusammen, so Brönstrup weiter. „Wir haben Engpässe bei den Fachkräften und wünschen uns, dass mehr Menschen statt in Teil- in Vollzeit arbeiten können.“ Dazu müsse Infrastruktur wie etwa Kitaplätze ausgebaut werden. Auch eine Erhöhung des Mindestlohns lehnt der UVB ab. „Wenn man will, dass die Beschäftigten mehr haben, muss man die Unternehmen in die Lage versetzen, gut wirtschaften zu können, um gute Löhne zu zahlen.“

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