Wohnungspolitik

Mietendeckel trifft Berliner Handwerker hart

Wenn freie Wohnungen in Berlin saniert werden, darf die Miete danach nicht mehr steigen. Viele Handwerker-Aufträge werden storniert.

Bangt wegen des geplanten Mietendeckels in Berlin um sein Geschäft und die Jobs seiner 30 Mitarbeiter: Sanierungsexperte Steffen Krause.

Bangt wegen des geplanten Mietendeckels in Berlin um sein Geschäft und die Jobs seiner 30 Mitarbeiter: Sanierungsexperte Steffen Krause.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Service

Berlin. Steffen Krause hatte eine ordentlich laufende Handwerksfirma. 30 Beschäftigte, zwei Millionen Euro Jahresumsatz. Die Novacon Baumanagement aus Köpenick war in einem Standardgeschäft unterwegs. Mit bis zu 50 weiteren hinzugezogenen Kollegen aus anderen Handwerksbetriebe sanierten Krauses Leute jeden Monat 20 bis 25 Wohnungen. Meist hatten die Mieter viele Jahre in ihren vier Wänden gelebt.

Oft waren es alte Menschen, die verstorben oder ins Heim gezogen waren. Ehe die Wohnungen wieder auf den Markt gebracht wurden, gab es einen frischen Anstrich, ein modernes Bad, neue Elektroleitungen oder Bodenbeläge.

Zwei seiner größten Kunden haben die Aufträge gestoppt

Seit sechs Wochen hat Krause erhebliche Schwierigkeiten. Zwei der drei großen Immobiliengesellschaften, die seine größten Kunden waren, haben alle Aufträge gestoppt, die dritte überlegt das. Grund ist der in Berlin geplante Mietendeckel. „Unser Geschäftsmodell wird kurzfristig eingestampft“, klagt der Unternehmer. Er habe schon sein Büro verschlankt und Leasingverträge für einige Fahrzeuge gekündigt. Demnächst werde er Mitarbeiter entlassen müssen, sagt Krause.

Die Novacon und andere Handwerker, die sich auf Sanierung einzelner Wohnungen spezialisiert haben, sind in Not. Schuld ist eine Festlegung im bisher vorliegenden Referentenentwurf zum Mietendeckel aus dem Haus der Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke). Demnach darf eine Wohnung nach Mieterwechsel nicht mehr kosten als vorher. Nur nach einer Modernisierung soll es Vermietern erlaubt sein, einen Teil der Kosten auf die Miete aufzuschlagen.

Kommentar: Der Berliner Mietendeckel trifft die Guten

Mietendeckel in Berlin: Anhörung der Verbände startet

Dem Handwerksunternehmer Krause hilft das aber nicht. Was er macht, gilt in der Regel nicht als Modernisierung. Für die im Durchschnitt 20.000 bis 25.000 Euro, die sich die Eigentümer eine Komplettsanierung durch Firmen wie Krauses Novacon kosten lassen, soll es nach den bisherigen Plänen der rot-rot-grünen Koalition keinen finanziellen Ausgleich über eine höhere Miete geben dürfen.

Ob es tatsächlich so kommt, ist noch nicht ausgemacht. In dieser Woche beginnen die offiziellen Verbändeanhörungen zum Mietendeckelgesetz. Wohnungswirtschaft, Kammern und Verbände werden der Politik ihre massiven Bedenken schildern, ehe sich die verschiedenen Senatsressorts in die Mitzeichnung des Entwurfs aus dem Hause Lompscher machen. Ein wichtiges Thema dürfte dabei die Regel werden, wonach auch sanierte und aufgehübschte Wohnungen nicht teurer vermietet werden dürfen als im unsanierten Zustand.

Besonders Vermieter mit langfristigen Beständen betroffen

Das trifft vor allem solche Vermieter, die ihre Bestände schon lange halten und bei denen die Mieten immer moderat ausfielen. Eine davon ist die Charlottenburger Baugenossenschaft mit ihren 6500 Wohnungen. Vorstand Carsten-Michael Röding erklärt das Dilemma: Rund 350 Wohnungen würden bei der Genossenschaft jährlich frei. Weil Mieter oder Genossen sterben oder wegziehen.

130 Wohnungen davon gehen nach den Worten Rödings in die Generalsanierung. Von diesen zu sanierenden Wohnungen waren 30 rund 40 Jahre bewohnt, berichtet Röding, der vor seinem Wechsel zur Genossenschaft CDU-Baustadtrat im Bezirk Spandau war.

Hintergrund: Mietendeckel für Berlin laut Gutachten verfassungswidrig

Lesen Sie auch: „Mietendeckel verfassungswidrig“ – Das Gutachten im Wortlaut

An einem konkreten Fall macht der Manager das Problem deutlich. Nach 70 Jahren hat eine alte Dame eine Viereinhalb-Zimmer-Wohnung in einer Seitenstraße des Kaiserdamms frei gemacht. Bisher zahlte sie 5,80 Euro nettokalt pro Quadratmeter und Monat – relativ viel für die Genossenschaft, so Röding. Aber das Haus sei gut in Schuss, verfüge unter anderem über einen Fahrstuhl. Andere Genossen zahlten weniger als vier Euro.

Genossenschaftler wollen investieren

35.000 Euro wollten die Charlottenburger nun investieren. Neue Elektroleitungen, mehr Steckdosen, neuer Küchenfußboden, Kastendoppelfenster, Fußleisten, frisch gestrichene Türen und Wände. 6,50 Euro sollte die neue Miete für die hergerichtete Wohnung kosten. Ein Schnäppchen im Westen der Stadt. Der Mietspiegel erlaubt dort mehr als sieben Euro.

Selbst mit der Mieterhöhung von 70 Cent dauere es 30 Jahre, ehe sich die Investition amortisiere, sagt Röding. Bleibe es aber beim Mietendeckel in seiner derzeitigen Gestalt „dann wird das nicht mehr stattfinden“, kündigt der Genossenschafts-Chef an. Wohnungen, die jetzt frei werden, würden nicht mehr so saniert wie bisher. Der Bestand werde leiden: „Das ist mega-unfair“, sagt Röding, denn es treffe nur die fairen Vermieter wie Genossenschaften, aber auch die städtischen Gesellschaften und viele Privatleute. „Niemand kann sagen, dass unsere Mietobergrenzen ein Problem sind“, appelliert Röding an die Politiker von SPD, Linken und Grünen.

Auch Handwerksunternehmer Krause hofft auf ein schnelles Einsehen der Politik. Keinesfalls könne er mit seinen Mitarbeitern von heute auf morgen auf den Neubau von Kitas oder Wohnungen umsteigen. Das sei ein völlig anderes Thema als die Wohnungssanierung, sagt der Praktiker.

Wenn sich nicht schnell etwas ändere, sei die Branche tot. Und es werde angesichts der Fachkräftemangels lange dauern, die Strukturen wieder aufzubauen, falls dann irgendwann doch wieder sanierte Wohnungen gefragt sein sollten.