Epileptischer Anfall?

Unfall mit SUV: Tausende unterstützen Petition für Tempo 30

Eine Woche nach dem tödlichen Unfall in Mitte gab es eine erneute Andacht für die vier Opfer. Anwohner starteten eine Online-Petition.

Am Freitagabend kam ein Wagen in Berlin Mitte von der Straße ab und geriet auf den Gehweg. Vier Menschen erlagen ihren Verletzungen.

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Berlin. Eine Woche nach dem tödlichen Unfall mit einem SUV in Berlin-Mitte ist erneut der vier Todesopfer gedacht geworden. In einer Kirche direkt am Unfallort an der Invalidenstraße versammelten sich am Freitagabend rund 100 Menschen, darunter auch Kinder. Noch immer lagen Blumen am Straßenrand, an der Unfallstelle standen brennende Kerzen.

Vor einer Woche war ein Porsche Macan auf die Gegenfahrbahn geraten und dann von der Straße abgekommen. Der SUV rammte eine Ampel, überfuhr die vier Menschen auf dem Gehweg und durchbrach einen Bauzaun. Unter den Opfern befand sich auch ein dreijähriger Junge.

Nach dem Unfall gab es einen Hinweis, dass der 42 Jahre alte Fahrer am Steuer einen epileptischen Anfall erlitten haben soll. Ob das tatsächlich so war, ist weiter unklar. Eine Ermittlungsgruppe der Polizei soll im Auftrag der Staatsanwaltschaft die Umstände des Unfalls aufklären.

SUV-Unfall in Berlin-Mitte - alle Informationen in Kürze

  • Der tödliche Unfall ereignete sich am Freitag, 6. September 2019, um 19.08 Uhr an der Invaliden- Ecke Ackerstraße in Berlin-Mitte. Ein Porsche SUV raste auf den Gehweg, erfasste dabei vier Fußgänger und schleuderte dann durch einen Zaun auf ein Baugrundstück.
  • Bei dem Unfall wurden vier Menschen getötet und drei Personen verletzt. Unter den Toten sind ein drei Jahre alter Junge, dessen Großmutter (64) und zwei Männer (28 und 29). In dem Porsche SUV saßen außer dem Fahrer (42) auch seine sechs Jahre alte Tochter und seine Mutter (67).
  • Die Unfallursache ist weiter unklar. Die Polizei schließt gesundheitliche Probleme des Fahrers nicht aus, möglicherweise hatte der 42-Jährige einen epileptischen Anfall. Ein Vorsatz wird ausgeschlossen. Wie bei tödlichen Unfällen üblich, wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Die Polizei sucht nach Zeugen des Unfalls. Der Porsche-Fahrer schweigt.
  • Das Dashcam-Video eines Taxifahrers zeigt die Momente kurz vor dem Unfall.

SUV-Unfall in Berlin: Anwohner und Familienvater startet Online-Petition

Am Donnerstag hat ein Anwohner und dreifacher Familienvater eine Onlinepetition gestartet. Darin fordert er Konsequenzen aus dem Porsche-Unfall. Petitions-Starter Julian Kopmann fordert von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne), "die bestehende Tempo 30 Zone unverzüglich auf die Invalidenstraße zwischen Brunnenstraße und Nordbahnhof auszuweiten und somit das gesamte Gebiet zwischen Bernauer und Torstraße abzudecken und zeitnah durch weitere Maßnahmen den Verkehr auf der Invalidenstraße zu beruhigen."

Kopmann: „Der Verkehr auf der Invalidenstraße zwischen Chaussee- und Brunnenstraße hat sich zu einer Gefahr für alle Verkehrsteilnehmer entwickelt. Ich möchte nicht mehr tatenlos zusehen, sondern gemeinsam mit allen Betroffenen an einer Verbesserung der Lage arbeiten.“ Für ihn sei der Unfall ein "Weckruf" gewesen. Bis zuletzt hatten mehr als 8000 Menschen unterschrieben.

Polizei wertet Zeugenaussagen aus - Porsche-Fahrer schweigt

Die Polizei setzt unterdessen alles daran, den genauen Ablauf und die Schuldfrage zu klären. Es seien Hinweise bei der Polizei eingegangen, denen jetzt nachgegangen werde, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Mittwoch.

„Die Zeugenvernehmungen laufen“, hieß es bei der Staatsanwaltschaft. Eine genaue Zahl der Hinweise wurde nicht genannt. Die Staatsanwaltschaft bestätigte einen Bericht der "Bild", wonach bislang 49 Hinweise eingegangen seien. Dabei soll es sich vor allem um sogenannte Knallzeugen handeln, die erst durch den Knall des Unfalls auf das Geschehen aufmerksam geworden seien, den eigentlichen Unfall also nicht sahen.

Auch direkt nach dem Unfall am Freitagabend hätten Zeugen des Geschehens mit der Polizei gesprochen, so die Sprecherin. Deren Aussagen seien oft nur kurz notiert worden, daher würden die Beobachter nun „gründlich nachvernommen“.

Ebenso werde das bereits bekannte Video, das aus einer Kamera in einem Taxi stammt und den Unfallwagen kurz vor dem Aufprall zeigt, ausgewertet. Weitere Filme oder Fotos seien bisher nicht bei der Polizei eingegangen, sagte die Sprecherin.

Da der genaue Unfallhergang weiterhin unklar ist, sucht die Polizei weiter nach Zeugen. Wer den Unfall beobachtet hat, Hinweise geben kann oder wem Videoaufzeichnungen vom Unfallhergang vorliegen, wird gebeten, sich bei der „Ermittlungsgruppe Invalidenstraße“ zu melden.

Kontakt: Verkehrsermittlungsdienst der Polizeidirektion 3 an der Invalidenstraße 57 in Berlin-Moabit, Telefonnummer (030) 4664-372800 oder bei jeder anderen Polizeidienststelle. Die Polizei schaltete zudem ein Hinweis-Portal, wo Zeugen Videos oder Fotos von dem Unfallgeschehen hochladen können. Das Hinweis-Portal der Polizei zu dem SUV-Unfall an der Invalidenstraße ist hier zu erreichen.

Bereitschaftsrichter lehnte Beschlagnahmung der Krankenakte ab

Zur Klärung der Hintergründe könnte die Krankenakte des 42 Jahre alten Fahrers eine wichtige Rolle spielen. Nach dem Unfall hatte es einen Hinweis der Beifahrerin gegeben, dass der Fahrer am Steuer einen epileptischen Anfall erlitten habe. Nach Informationen der Berliner Morgenpost hatte die Staatsanwaltschaft bereits am vergangenen Wochenende versucht, die Akte zu beschlagnahmen.

Ein Bereitschaftsrichter lehnte dieses Ansinnen aber ab. Das soll bei der Polizei für Unmut gesorgt haben. Die Staatsanwaltschaft verwies nun darauf, dass die Akte ebenso wie andere Informationen des behandelnden Arztes unter die ärztliche Schweigepflicht falle.

Die Sprecherin sagte, zudem gebe es nach der Strafprozessordnung ein Beschlagnahmeverbot, das für die ärztlichen Unterlagen gelte. Die Patientenakte dürfe also nur herausgegeben werden, wenn der Patient den Arzt von der Schweigepflicht entbinde oder wenn ein Richter einen Beschlagnahmebeschluss ausstelle. Beides sei nicht geschehen.

Der verletzte Unfallfahrer hat das Krankenhaus unterdessen verlassen. Der Mann will unter Verweis auf seinen Anwalt nicht aussagen, wie die Staatsanwaltschaft der Berliner Morgenpost sagte. Als Beschuldigter in einem Ermittlungsverfahren darf der Mann schweigen.

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Darf man bei Epilepsie ein Auto fahren?

  • Fahrschule: Nach Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen fragen viele Straßenverkehrsbehörden im Antragsformular für einen Führerschein nach chronischen Krankheiten. Epileptiker sollten wahrheitsgemäß antworten und am besten ein Attest eines Facharztes beilegen. Die Behörden entscheiden dann, ob ein weiteres Gutachten erforderlich ist.
  • Erster Anfall: Nach einem ersten epileptischen Anfall muss ein Arzt feststellen, ob es ein Gelegenheitsanfall war oder ob es sich um eine beginnende Epilepsie handelt.
  • Anfälle ohne Anzeichen für beginnende Epilepsie: Bei einem ersten Anfall mit einem konkreten Auslöser - wie beispielsweise ausgeprägtem Schlafentzug - wird der Führerschein für mindestens drei Monate entzogen. Wenn es für den Anfall keinen solchen vermeidbaren Auslöser gibt, aber auch keine Anzeichen für Epilepsie vorliegen, wird die Fahrerlaubnis für mindestens sechs Monate entzogen.
  • Epilepsie: In der Regel dürfen Epileptiker nicht am Steuer eines Autos sitzen. Ausnahmen: Mindestens ein Jahr ohne Anfall, auch bei Medikamenteneinnahme - und keine Nebenwirkungen von Therapien, die Probleme beim Fahren machen könnten. Wenn die Anfälle nur im Schlaf auftreten oder keine Einschränkungen für das Autofahren mit sich bringen, kann eine Fahrerlaubnis erteilt werden - allerdings erst nach einer längeren Beobachtungszeit.

Video zeigt: Porsche-Fahrer fuhr auf der Gegenfahrbahn

Bei dem Unfall war am vorvergangenen Freitagabend an der Invalidenstraße in Mitte ein Porsche SUV von der Straße abgekommen und hatte vier Fußgänger tödlich verletzt, darunter einen dreijährigen Jungen.

Nach Anwohnerangaben hatte der Fahrer des Porsche Macan mit hoher Geschwindigkeit auf der Gegenfahrspur den stehenden Verkehr an der Ampel überholt und war auf den Gehweg geraten. Der SUV knickte einen Ampelmast und mehrere Poller um, durchbrach einen Bauzaun und kam erst auf einem Baugrundstück zum Stehen.

In dem Video einer Dashcam - eine Videokamera an der Frontscheibe eines Autos, die die Fahrt aufzeichnet -, das der Sender ntv veröffentlichte, ist ebenfalls zu sehen, wie plötzlich ein dunkler SUV wartende Autos vor der Ampelkreuzung Invaliden- und Ackerstraße auf der Gegenfahrbahn überholt. Wie schnell der Porsche Macan unterwegs ist, lässt sich in der kurzen Szene kaum einschätzen. Der Unfall selbst ist nicht zu sehen, das Video bricht vorher ab.

Nach tödlichem SUV-Unfall: Behelfsampel regelt Verkehr

Fußgänger mussten nach dem Unfall an der Invalidenstraße zunächst ohne Ampel auskommen - und sich mit langen Wartezeiten abfinden oder auf gefährliche Weise zwischen Auto- und Tramverkehr die Straße überqueren. Mittlerweile regelt eine behelfsmäßige Ampel den Verkehr an der Kreuzung. Die umgefahrenen Poller an Invaliden- und Ackerstraße wurden weitgehend ersetzt. Auch der zerstörte Bauzaun vor der Brache, auf der der Porsche nach seiner Todesfahrt zum Stehen kam, wurde erneuert.

Nach Unfall mit vier Toten: Keine Ampel an der Invalidenstraße

Dreijähriger Junge und seine Oma unter den Toten - Mutter und Bruder überleben

Auf dem Gehweg der Invalidenstraße war bei dem Unfall außer dem Kleinkind auch die 64 Jahre alte Großmutter des Jungen ums Leben gekommen. Zudem wurden ein Spanier (28) und ein Brite (29), vermutlich Touristen, getötet. Die Mutter des Dreijährigen, die ihren älteren Sohn dabei hatte, überlebte nach Feuerwehrangaben.

Die Polizei machte zu Verwandtschaftsverhältnissen keine Angaben, teilte aber mit, eine 38-Jährige und ihr neunjähriger Junge hätten Schocks erlitten. Der 42 Jahre alte SUV-Fahrer erlitt Kopfverletzungen. Im Auto saßen auch die sechs Jahre alte Tochter und die 67 Jahre alte Mutter des Fahrers. Auch sie erlitten Schocks.