Bildungspolitik

Silke Gebel: „Schulen müssen die Paläste unserer Zeit sein“

Die Bildungssenatorin will Lehrer verbeamten. Die Grünen sind dagegen. Nicht der einzige Disput in der rot-rot-grünen Bildungspolitik.

Silke Gebel auf der Brüsseler Straße in Wedding. Hier hat sie ihr Wahlkreisbüro

Silke Gebel auf der Brüsseler Straße in Wedding. Hier hat sie ihr Wahlkreisbüro

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Verbeamtung von Lehrkräften, Schulplatznot, Kopftuch: Rot-Rot-Grün kämpft in der Bildungspolitik an vielen Fronten. Nicht immer sind sich die Partner einig. Beim Gespräch in ihrem Wahlkreisbüro in Wedding verteidigt Fraktionschefin Silke Gebel die Positionen der Grünen.

Berliner Morgenpost: Bildungssenatorin Sandra Scheeres von der SPD ist umgeschwenkt und wirbt jetzt doch für die Verbeamtung von Lehrern. Verstehen Sie diesen Kurswechsel?

Silke Gebel: Wir haben die Frage im Koalitionsvertrag klar geregelt. Da steht, dass Lehrkräfte weiterhin nicht verbeamtet werden sollen. Klar ist: wir brauchen mehr Lehrkräfte. Aber der moderne Ansatz im Lehrerzimmer ist der Team-Ansatz aus Lehrern, Erziehern, Sozialarbeitern und Schulhelfern. Diesen Weg müssen wir stark machen, damit mehr Jugendliche zu einem Schulabschluss kommen.

Berlin ist inzwischen das einzige Land, das nicht verbeamtet. Ist das nicht ein Nachteil im Wettbewerb?

Der Lehrkräftemangel ist ein deutschlandweites Problem. Auch in Bundesländern mit der Verbeamtung von Lehrkräften. Ich habe bisher noch keine Rechnung gesehen, wonach Berlin wirklich mehr Lehrer durch diesen Schritt bekommen würde. In der Abwägung glaube ich, man schafft sich damit mehr Probleme als man löst. Viele Menschen, die jetzt bei uns im Klassenzimmer arbeiten, werden durch hohe Hürden gar nicht verbeamtet werden können.

Aber die individuelle Entscheidung ist doch nachvollziehbar. Wenn ich als beamteter Lehrer in Pension gehe, kriege ich erheblich mehr Geld als wenn ich als Angestellter mit Rente aufhöre.

Die Meisten ergreifen diesen Beruf nicht wegen des Geldes, sondern weil sie Jugendliche ins Leben begleiten wollen. Deshalb muss der Arbeitsplatz Schule attraktiver werden – das sagen mir sowohl Lehrerinnen und Lehrer als auch deren Gewerkschaft, die GEW.

Aus der SPD hört man, sie wollen ihren bisherigen Kurs gegen Verbeamtung verlassen, schon allein, um der CDU ein Wahlkampfargument aus der Hand zu nehmen. Werden die Grünen diesen Weg mitgehen?

Wir sind verlässlich. Wir bleiben beim Koalitionsvertrag. Die Fachkräfte sollen im Klassenzimmern auf Augenhöhe zusammen arbeiten können. Wenn man aus diesem Team einzelne Personen durch die Verbeamtung privilegiert, wird das schwierig.

Qualität in der Schule wird ja auch durch die Raumnot bedroht. Wie sehen sie die Lage bei den Schulplätzen?

Die Stadt muss ja noch über das bereits geplante Maß hinaus mächtig zulegen, um alle Kinder unterzubringen. Klar ist, dass wir gute Schulplätze schaffen müssen. Das tun wir! Aber es ist eine falsche Tendenz, wenn Schulen überbelegt werden. Deswegen ist das „Fliegende Klassenzimmer“ eine richtig gute Lösung, die von einem grünen Stadtrat in Tempelhof-Schöneberg entwickelt wurde. Innerhalb von fünf Monaten entstehen durch wiederverwendbare Holzbauten hochwertige Schulplätze. Das werden wir auf ganz Berlin übertragen. Die Bezirke brauchen mehr Personal, um Grundstücke baureif zu machen. Und wir müssen neue Partner gewinnen.

Wer sollte das sein?

Wir haben die Schulen in freier Trägerschaft, von denen viele allen Schülern offenstehen. Mit denen brauchen wir ein Bündnis, um gemeinsam Schulplätze zu schaffen. Wenn wir das in so einer Notsituation versäumen, werden die stärksten Eltern mit ihren Kindern das Regelschulsystem verlassen. Das können wir nicht zulassen. Aber haben die freien Schulen denn Plätze? Sie könnten zusätzliche Plätze schaffen und von den Ausbaumaßnahmen wie dem Fliegenden Klassenzimmer partizipieren. Dafür müssten wir das System öffnen.

Es sollten also auch die Modularen Ergänzungsbauten und andere temporäre Lösungen auf den Höfen der Privatschulen geschaffen werden?

Genau. Da müssen wir mit den Schulen, die sozialintegrativ arbeiten, über Kooperationen nachdenken, um kurzfristig Schulplätze zu schaffen.

Aber ihre Koalitionspartner von SPD und Linken sind nicht so große Freunde der freien Schulen. Sie fürchten, dass nur die besser gestellten ihre Kinder dorthin schicken und die anderen in den staatlichen Schulen bleiben.

Diese Koalition kann aber auch kein Interesse daran haben, die Klassen der Regelschulen voll zu stopfen. Deswegen müssen wir auch nach neuen Lösungen suchen. Und die meisten freien Schulen in Berlin sind Schulen, die alternative pädagogische Konzepte leben und aus diesem Grund nicht staatlich sind. Diese Schulen sehen ihren Auftrag auch klar in der Förderung benachteiligter Kinder.

Wenn die Schulsenatorin sagt, es fehlen 10.000 Plätze bis 2021/22, dann ist doch absehbar, dass die Frequenzen mindestens bis auf das rechtlich zulässige Maß gesteigert werden.

Das passiert ja jetzt schon. Schulen wurden bis über die Belastungsgrenze belegt. Das dürfen wir nicht hinnehmen und müssen neue Kapazitäten schaffen. Deshalb war es für die Beschleunigung richtig, die Wohnungsbaugesellschaft Howoge beim Schulbau einzubinden.

Fürchten sie nicht, dass viele gute Unterrichtskonzepte in der Enge nicht zu halten sein werden?

Fachräume oder Räume für Teilungsstunden für regulären Unterricht zu nutzen, darf maximal eine temporäre Maßnahme sein. Die Schulpflicht steht ja über allem. Aber wir brauchen einen Plan, wie wir davon wieder wegkommen. Schule darf kein Ort der Aufbewahrung sein, sondern ein Ort des Lernens, des Lachens und der Bewegung.

Scheeres plant eine Qualitätsoffensive für den Unterricht. Wie bewerten Sie diese Bemühungen?

Die Qualität des Unterrichts muss in den Fokus. Wir haben in Berlin zwölf Prozent, in meinem Bezirk Mitte sogar bis zu 40 Prozent Schulabbrecher. Das ist nicht hinnehmbar. Jede Schule braucht ein passgenaues pädagogisches Konzept, bei dem kein Kind verloren geht. Dass es klappen kann, haben wir an der Rütlischule in Neukölln gesehen. Wir haben im Haushalt in diesem Sinn ein großes Qualitätspaket geschnürt. Die Haltung ist klar: jedes Kind kann den Schulabschluss schaffen.

Was bedeutet das für die Arbeit an den Schulen?

Sie müssen gucken, warum schwänzt ein Kind? Warum macht es keine Hausarbeiten? Das liegt womöglich daran, dass es sich zu Hause mit vier Geschwistern ein Zimmer teilt und dort nicht arbeiten kann. Dann müsste ich in Familienzentren oder Bibliotheken Nachhilfe anbieten. Für ein solch breites Angebot müssen Schule, Hort und Familienzentren Hand in Hand arbeiten und alle Kinder zum Bildungserfolg führen.

Was Sie sagen haben wir doch aber schon vor Jahren gehört. Aber es passiert doch offenbar nicht. Denn der Anteil der Schulabbrecher ist doch sogar gestiegen.

Es ist schwierig. Deswegen müssen wir stärker an die Familien rankommen und sie besser unterstützen. Dafür brauchen wir das Familienfördergesetz. Wir sehen aber auch, dass wir besonders hohe Abbrecherzahlen dort haben, wo die Gebäude in einem unterirdischen Zustand sind. Das ändern wir jetzt: Schulen müssen die Paläste unserer Zeit sein. Das ist der Ort, wo die nächste Generation aufwächst und Zusammenhalt für die Gesellschaft entsteht.

Wir haben wieder mehr Schulabbrecher und sind bei den Pisa-Tests wieder ganz unten angekommen. Die SPD bestimmt seit 40 Jahren die Bildungspolitik in Berlin, Frau Scheeres ist seit 2011 Senatorin. Muss man angesichts der Resultate nicht sagen „Setzen, sechs“?

Sandra Scheeres ist eine Kämpferin und nimmt diese Aufgabe an. Die Situation in Berlin ist an vielen Orten schwierig. Berlin ist die Hauptstadt von Familienarmut. Das ist das Problem. Wir müssen Familien den Weg aus der Armut zeigen. Das geht über Bildung. Deswegen müssen wir diesen Kindern unabhängig vom Eltern-Hintergrund den Bildungserfolg ermöglichen. Da reicht es nicht, die Eltern nur finanziell zu entlasten. Sondern wir müssen den Eltern mühselig und kleinteilig Angebote machen wie Familienberatung.

Apropos finanzielle Entlastung. Das Schulessen für Grundschüler ist inzwischen gratis. Die Grünen waren da nicht so dafür. Aber wenn jetzt tatsächlich viel mehr Kinder teilnehmen, dann war doch offensichtlich der bisherige Elternbeitrag ein Hindernis, oder?

Das kostenlose Schulessen zeigt, wie wichtig die Umsetzung ist. Ich kenne Kinder, die dürfen erst um 14 Uhr essen, weil Schulen im 3-Schicht-Betrieb das Schulessen ausgeben. Das ist echt ein Problem. Wir haben ja am Ende zugestimmt, weil in der Schule niemand ein Bittsteller sein soll. Aber wir hatten Fragezeichen. Eines davon war, ob die Qualität des Essens leidet. Ein zweites ist die Essensfrage an Oberschulen. Die zahlen weiter fürs Essen oder weichen auf Currywurst und Döner aus. Deswegen werben wir für Modellprojekte, wo an Oberschulen Food-Trucks kommen, die gesunde Ernährung anbieten. Und wir sehen in der Grundschule eher den Bedarf nach einem kostenlosen Brot oder Apfel, weil viele ohne Frühstück in die Schule kommen. Das liegt auch an der Familienarmut.

Selbst mit Hartz IV ist doch niemand so arm, dass er seinen Kindern kein Pausenbrot mitgeben kann…

An Armut hängt nicht nur Geld, es ist häufig auch eine Organisationsfrage. Deshalb müssen wir die Familien unterstützen, Fuß zu fassen. Die Schulen müssen als Institutionen so stark sein, dass sie diese Kinder auffangen. Und wenn dazu das Pausenbrot am Morgen gehört, damit die Kinder bis mittags durchhalten, dann ist das eben notwendig.

Gerade wurde ein Gutachten zum Berliner Neutralitätsgesetz und zum Kopftuch präsentiert. Alles rechtens, steht darin. Wie beurteilen sie das?

In unserer Partei gibt es dazu kontroverse Diskussionen. Ich persönlich stehe grundsätzlich zum Neutralitätsgesetz. Aber bekomme mehr und mehr Zweifel ob es die beste Lösung für ein Miteinander im Klassenzimmer ist. Schwierig an der Diskussion ist jedoch, dass sie einseitig um Frauen geht.

Um wen sonst? Schließlich sind sie es, die das Kopftuch tragen wollen und gegen das Gesetz geklagt haben...

Entscheidend ist, wie sich Lehrer neutral verhalten. Ein Mann, der ebenso religiös ist wie eine Frau mit Kopftuch, könnte ohne Probleme Lehrer werden. Das ist das Spannungsfeld. Es geht doch darum, wie sich die Konflikte an den Schulen lösen lassen. Lehrer dürfen Kindern keine Religion vorgeben.

Ist das nicht ein bisschen naiv? Es geht um muslimische Schüler aus konservativen Elternhäusern, die Mädchen unter Druck setzen, das Kopftuch zu tragen und sich sittsam zu kleiden. Es geht in der Regel nicht um christliche Missionsversuche.

Natürlich ist es indiskutabel, wenn Mädchen unter Druck gesetzt werden. Ebenso schlimm ist es, wenn muslimische Kinder diskriminiert werden. Dafür schlagen wir Lotsen für interreligiöse Konflikte vor. Ich stelle mir aber die Frage, ob eine Lehrerin mit Kopftuch so einen Konflikt nicht sogar besonders gut moderieren kann. Wir haben uns als Koalition deshalb verständigt, dieses Thema höchstrichterlich entscheiden zu lassen.

Aber nochmal: Der Druck kommt aus einer bestimmten Richtung. Es geht nicht um irgendwelche religiösen Konflikte sondern um das Verhalten von manchen Muslimen, die aggressiv sind.

Ich führe oft Gespräche auch mit Mädchen, die ein Kopftuch tragen. Viele sind super-selbstbewusst, beteiligen sich an Debatten und lassen sich gar nichts sagen. Echte Berliner Mädchen. Sie kriegen aber Steine in den Weg gelegt, weil sie sich für das Kopftuch entschieden haben. Ich frage mich, was der beste Weg ist, diese jungen Frauen zu stärken, damit sie ein selbstbestimmtes Leben hinkriegen. Darüber müssen wir reden.