125 Jahre Bahnhofsmission

Ein Ort für Menschen, die den Anschluss verloren haben

Vor 125 Jahren wurde am Ostbahnhof die erste Bahnhofsmission gegründet. Ihre Arbeit ist so wichtig wie damals.

Am Ostbahnhof campen Obdachlose zwischen Touristen und Autos – vor 125 Jahren wurde hier die erste Bahnhofsmission Deutschlands gegründet.

Am Ostbahnhof campen Obdachlose zwischen Touristen und Autos – vor 125 Jahren wurde hier die erste Bahnhofsmission Deutschlands gegründet.

Foto: Foto: Uta Keseling

Berlin. Wenn sie einen ihrer Gäste in der S-Bahn trifft, sagt Ulrike Reiher, dann begrüßen sie sich, wechseln ein paar Worte miteinander. Man kennt sich, „viele sind Stammgäste bei uns“. Und wenn umgekehrt ein Gast länger nicht kommt, machen sich die Kollegen Gedanken. „Manchmal ist jemand im Krankenhaus, aber es kam auch vor, dass eine Frau in der U-Bahn gestorben ist, elend und ganz allein.“

Es klingt ein bisschen, als betreibe Ulrike Reiher ein nettes Restaurant. Doch wer in ihre Einrichtung kommt, hat zwar meist Hunger, aber kein Geld. Viele Besucher würden in Restaurants wohl zudem allein wegen ihres Äußeren gar nicht eingelassen. Viel Werbung gibt es auch nicht für Ulrike Reihers Arbeitsort: Die Bahnhofsmission am Ostbahnhof liegt etwas versteckt auf der Rückseite des Gebäudes. Nur ein kleines Symbol weist in der Halle den Weg dorthin. Dabei ist die Mission fast so alt wie der Bahnhof selbst. Und oft so gut besucht, dass es Warteschlangen gibt.

104 Bahnhofsmissionen gibt es in Deutschland, allein drei in Berlin. Die größte arbeitet am Bahnhof Zoo, seit 2006 gibt es eine am Hauptbahnhof – doch Deutschlands älteste Bahnhofsmission wurde vor genau 125 Jahre hier eröffnet, am Ostbahnhof. Das Jubiläum wird am 26. und 27. September mit einem Festakt begangen.

Doch dass es die Einrichtung bis heute gibt, belegt auch, dass die gesellschaftlichen Missstände bis heute nicht weniger geworden sind, die damals zu der Gründung führten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen junge Menschen aus allen Richtungen nach Berlin, um in der aufstrebenden Metropole Arbeit zu suchen. Junge Frauen wurden oft mit falschen Versprechungen von Menschenhändler vom Land hergelockt und endeten als Prostituierte oder Obdachlose am Bahnhof.

Ein Hilfsangebot, das zu nichts verpflichtet

Heute sind es vor allem Männer, die morgens zur Bahnhofsmission am Ostbahnhof kommen. Bis zu 180 Menschen versorgen sie hier täglich mit Frühstück oder nachmittags mit einem Imbiss, sagt Ulrike Reiher, die die Einrichtung kommissarisch leitet. Gegessen wird in „Schichten“, denn in dem Raum unter den S-Bahn-Bögen ist nur Platz für zwei Vierer-Tische. Es ist eng, andererseits herrscht eine fast familiäre Atmosphäre. Auf den Tischen stehen Pflanzen, Fotoporträts einiger Gäste schmücken die Wände, aus der offenen Teeküche dringen Geschirrklappern und Kaffeeduft. Nebenan rauscht die Dusche. Wer will, kann sie für einen Euro benutzen. Fünf Sozialhelfer und etwa 20 Ehrenamtliche umsorgen die Gäste, die nicht nur zum Essen eingeladen sind, sondern auch bei Bedarf zu einem Gespräch.

Die Idee der Bahnhofsmission sei heute wie damals dieselbe, sagt Ulrike Reiher – ein „niedrigschwelliges“ Hilfsangebot, das zu nichts verpflichtet. Nicht mal dazu, seinen Namen zu sagen. Dass die Mitarbeiter ihre Gäste teils dennoch gut kennen, liegt an dem Vertrauen, das sich über die Zeit aufbaut.

„Wir sind hier so ein kleiner Doktorenclub“, bestätigt ein älterer Herr mit Schiebermütze beim Kaffee, sein Sitznachbar lacht. Es ist morgens halb neun, an der Wand stapeln sich Rucksäcke, Taschen, zusammengerollte Schlafmatten, ein Rollator. Nach dem Frühstück verabschiedet der Mann sich in die Bibliothek. Dort könne man sich kostenlos aufhalten, auch ohne Geld auszugeben, sagt er, „und Lesestoff gibt es auch“. Geschlafen hat er im Freien.

Diese Gäste nennen sie „Sofahopper“

Viele Besucher der Bahnhofsmission haben keine Wohnung, sagt Ulrike Reiher. Etwa die Hälfte komme aus Osteuropa, in letzter Zeit seien auch immer mehr junge Menschen darunter. „Sie kommen wie damals zum Studium oder auf Arbeitssuche nach Berlin, finden eine Weile Unterschlupf bei Bekannten, aber wenn nach Monaten immer noch keine feste Bleibe gefunden ist, wird es kritisch.“ In der Bahnhofsmission nennen sie diese Gäste „Sofahopper“. Wenn es gut läuft, hilft ihnen schon der Kontakt zu einer Wohnungsberatung oder zu einer Einrichtung, die in psychischen Krisen hilft. Wenn es nicht gut läuft, droht die Obdachlosigkeit.

„Den Weg zur Bahnhofsmission finden oft Menschen, die ganz am Beginn einer Krise stehen oder ganz am Ende“, sagt Ulrike Reiher. Den einen sei vielleicht noch gar nicht klar, was genau eigentlich das Problem sei, andere wiederum hätten sich aufgegeben. Für die einen wie die anderen sei es zunächst am wichtigsten, einfach zuzuhören. Alle Mitarbeiter sind darin geschult. Und auch darin, wo es in Berlin welche Hilfsangebote gibt.

Darin wiederum unterscheidet sich das heutige Berlin von der Zeit vor 125 Jahren. „Wir haben in Deutschland ein ausgefeiltes Hilfesystem, doch es ist sehr komplex“, sagt Gisela Sauter-Ackermann, katholische Geschäftsführerin der ökumenischen Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission. Gemeinsam mit ihrem evangelischen Kollegen Christian Bakemeier vertritt sie alle 104 Bahnhofsmissionen in Deutschland. „Unsere Einrichtungen sind Orte, an die man zunächst einfach mal kommen kann, selbst wenn man noch gar nicht genau weiß, ob man Hilfe braucht.“

Das Motto heißt „Einfach da“

Gisela Sauter-Ackermann bereitet auch das Jubiläum in Berlin vor, das die Konferenz der Bahnhofsmission in Deutschland gemeinsam mit In Via Berlin, dem heutigen Träger der Bahnhofsmission am Ostbahnhof feiert. „Das Motto heißt ,Einfach da’“, so Sauter-Ackermann, „damit wollen wir sagen, wir stehen für verlässliche Präsenz“. Auch nach 125 Jahren sei es notwendig, „dass die soziale Arbeit an den Bahnhöfen weitergeht. Wir wollen nicht nur darauf hinweisen, was die Bahnhofsmission tut, sondern auch, was die Menschen an den Bahnhöfen heute brauchen“.

Damals wie heute sind es oft Menschen aus der Mittelschicht, die sich am Bahnhof sozial engagieren. Ulrike Reiher ist Juristin, fand in der Elternzeit zu ihrer heutigen Aufgabe. „Am Anfang stand die Idee, einfach ehrenamtlich etwas zu tun“, sagt sie. Über einen Aufruf der Kältehilfe kam sie zum Ostbahnhof. „Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick, ich wollte schon immer lieber mit Menschen arbeiten, als nur am Schreibtisch zu sitzen.“ Anfangs arbeitete sie einmal die Woche ehrenamtlich, heute leitet sie die Einrichtung kommissarisch und ist fest angestellt. „Auch nach acht Jahren geht es mir einfach gut, wenn ich nach Feierabend hier hinausgehe.“

„Unsere Gäste sind Leute wie Sie und ich“

So ähnlich sagt es auch Rosemarie Franke, die sogar schon seit 17 Jahren ehrenamtlich am Ostbahnhof ist. Sie fährt aus Tegel einmal die Woche hierher. „Mein Mann verdient gut, ich bin Christin, mir ist im Leben auch schon geholfen worden, deswegen finde ich richtig, hier etwas zurückzugeben.“ Auch sie mag die Arbeit mit den Gästen. „Es sind Leute wie Sie und ich, die irgendwann einmal einen Knick im Leben hatten. Niemand, der hierher kommt, hätte sich doch seine Situation früher träumen lassen.“

Anders als früher kommen Frauen eher selten in die Bahnhofsmission am Ostbahnhof. Zwar seien auch sie zunehmend von Obdachlosigkeit betroffen, sagt Ulrike Reiher, doch viele gingen in der Not Beziehungen zu Männern ein, um bei ihnen unterzukommen, statt sich Hilfe zu suchen. Viele würden Opfer von Gewalt und sexueller Ausbeutung. „Diese Frauen meiden dann meist Einrichtungen, wo viele Männer sind“. Weiblichen Besuchern empfehlen die Missionsmitarbeiter Einrichtungen, die sich speziell an Frauen richten, begleiten sie bei Bedarf auch hin. Unter anderem hat auch der Träger In Via ein Projekt speziell junge Frauen, die von Menschenhandel betroffen sind. Am Ostbahnhof ist ein Angebot für Frauen derzeit in Planung.

Auch wenn rund um den Ostbahnhof gerade ein neues Viertel entsteht mit Büros, Hotels und Freizeitvergnügen – der Ort ist auch heute Treffpunkt von Armen und Obdachlosen. Mitte der 90er-Jahre gründete die Ärztin Jenny de la Torre im Ostbahnhofs ein erstes medizinisches Angebot für Nichtversicherte. „Zu DDR-Zeiten wurde ja niemand auf die Straße gesetzt, wenn er die Miete nicht zahlte, auch medizinische Versorgung gab es für alle“, sagt Ulrike Reiher, die in Prenzlauer Berg aufgewachsen ist. Überhaupt seien damals Probleme wie etwa Alkoholsucht weniger sichtbar gewesen. „Natürlich gab es das auch, aber der öffentliche Raum wurde viel stärker polizeilich überwacht.“

Mit spitzen Metallhauben gegen Obdachlose

Jenny de la Torres Stiftung arbeitet heute in Mitte, doch rund um den Ostbahnhof leben nach wie vor Menschen auf Brachen und unter Brücken. Ein Trampelpfad verläuft zum Stralauer Platz gegenüber, zur Obdachlosen-Arztpraxis der Gebewo, einer Essensausgabe und Kleiderkammer. Auf dem Bahnhofsvorplatz lebt ein Trupp Trinker im Zelt neben Bussen und Touristenströmen.

Nicht immer ist das einfach. Gerade machte der Verein Gangway auf eine besonders seelenlose Art der „Problemlösung“ aufmerksam: Die Betonquader am Parkplatz, die als Sitzgelegenheit genutzt wurden, tragen jetzt spitze Metallhauben. Im Bahnhof selbst dürfen sich Obdachlose zwar aufhalten, aber nur einzeln, ohne Alkohol und Gepäck, sagen die Zeltbewohner. Aber sie würden immerhin hier draußen geduldet, sagen sie, „solange wir aufräumen“. Neulich hätten ihn Bundespolizisten eigens Müllsäcke vorbeigebracht. Während sie erzählen, kommt ein junger Mann mit Wasserflaschen vorbei. Er sei Rettungssanitäter, sagt er. Und finde, jeder könne doch etwas gegen das Elend tun. Er bleibt noch ein bisschen und spricht mit den Obdachlosen, an denen viele Passanten starr vorbeischauen.

Von der Straße zurück „ins System“

Tatsächlich gelingt es auch, Menschen von der Straße zurück „ins System“ zu bringen. Immerhin drei ihrer Gäste, sagt Ulrike Reiher, seien im vergangenen Jahr mit der Hilfe ihrer Kollegen vom Hauptbahnhof wieder sozialversichert und amtlich gemeldet worden. Das klinge wenig, „aber die Rückkehr in ein geregeltes Leben kann unglaublich kompliziert sein“.

Die „Mutmacher“ der Bahnhofsmission am Hauptbahnhof sind ein besonderes Angebot: Sozialarbeiter und einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bieten unverbindliche Gespräche für Menschen in jeglichen seelischen Krisen. Denn seit es Bahnhöfe gibt, sind diese eben auch Anlaufstelle für Menschen, die das Gefühl haben, gerade den Anschluss im Leben zu verlieren.