Prozess in Berlin

Verteidiger im Rockerprozess zweifeln an gerechtem Urteil

Nach der Staatsanwaltschaft plädierten am Donnerstag die Verteidiger. Und übten Kritik am Gericht. Das Urteil soll im Oktober folgen.

Der Prozess läuft am Landgericht Berlin. (Archivbild)

Der Prozess läuft am Landgericht Berlin. (Archivbild)

Foto: Taylan Gökalp / dpa

Fünf Jahre lang kam der Prozess um den Rockermord in einem Reinickendorfer Wettbüro nur mühsam voran. Jetzt, wo das Ende unmittelbar bevorsteht, geht plötzlich alles ganz schnell. Bereits am Dienstag hielt die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer, am Donnerstag plädierten die Nebenklagevertreter und der größte Teil der Verteidiger.

Es war höchst ungewöhnlich, was sich bei den Schlussvorträgen im großen Saal 500 des Landgerichts abspielte. Schlussplädoyers bieten Strafverteidigern gewöhnlich die Gelegenheit zum großen Auftritt, auf den eigentlich niemand freiwillig verzichtet. Nicht so im Rockerprozess. Die Verteidiger von gleich fünf Angeklagten, unter ihnen der Berliner Rockerboss Kadir P., hatten sich zuvor geeinigt, dass nur einer von ihnen im Namen aller plädiert.

Was der Anwalt dabei gegen das Gericht vorbrachte, war nicht weit entfernt von dem im Grunde ungeheuerlichen Vorwurf, das Urteil stehe eh schon lange fest, da lohne sich ein klassisches Plädoyer garnicht mehr. Das Gericht sei bereits sehr früh, „zu früh“ zu seiner Überzeugung gekommen und habe die ganze immerhin fünf Jahre währende Hauptverhandlung lediglich genutzt, um die eigene Überzeugung zu erhärten. „Richter und Staatsanwaltschaft sehen nur, was sie sehen wollen, alles Entlastende wurde als unbedeutend abgetan“, kritisierte der Verteidiger und schloss mit den Worten: “Ich habe trotzdem die leise Hoffnung, dass die Vernunft in diesem Verfahren doch noch siegt“. Vernunft, das heißt für die knapp zwei Dutzend Verteidiger der elf Angeklagten Freispruch vom Vorwurf des Mordes.

Lebenslange Freiheitsstrafen gefordert

Das sieht die Staatsanwaltschaft anders. Deren Vertreter hielt sein Schlussplädoyer völlig überraschend bereits am Dienstag. Die Vorwürfe hätten sich im wesentlichen bestätigt, sagte der Anklagevertreter und beantragte für acht der zehn Angeklagten lebenslange Freiheitsstrafen wegen heimtückischen Mordes. Für Kadir P. dem Chef der Berliner „Hells Angels“ forderte die Staatsanwaltschaft wegen Anstiftung ebenfalls lebenslänglich. Ein Angeklagter, der umfassend aussagte, soll zehn Jahre in Haft, gegen einen weiteren wurde der Mordvorwurf fallen gelassen.

Der Prozess behandelt einen Vorfall vom 10. Januar 2014. Da marschieren um kurz nach Mitternacht 13 vermummte Männer in das Wettbüro, der erste in der Reihe tötete den 26-Jährigen Tahir Ö. mit sechs Schüssen. Rache soll das Motiv gewesen sein. In der kommenden Woche plädieren noch zwei weitere Verteidiger. Das Urteil soll nach Angaben des Vorsitzenden Richters nach einer längeren Pause im Oktober gesprochen werden.