Neuer Trend: Waldgärten erobern die Großstadt

Früchte und Gemüse können auf mehreren Etagen geerntet werden. Diese weitere Form des „Urban Gardening“ hat ihre Reize.

Initiatorin Jennifer Schulz auf dem Gelände in Britz. Dort soll ab 2021 ein Waldgarten entstehen.

Initiatorin Jennifer Schulz auf dem Gelände in Britz. Dort soll ab 2021 ein Waldgarten entstehen.

Foto: Carsten Koall / dpa

Gemeinschaftliches Gärtnern in der Großstadt liegt bereits seit einiger Zeit im Trend. Potsdamer Forscher wollen jetzt noch eine weitere Form etablieren: die urbanen Waldgärten.

„Sie sind die Zukunft des Urban Gardening“, sagt die Umweltwissenschaft­lerin Jennifer Schulz von der Universität Potsdam. Auf einem Gelände im Süden Berlins, das derzeit vom Park „Britzer Garten“ genutzt wird, will sie mit Freiwilligen einen rund 5000 Quadratmeter großen Waldgarten anlegen, bewirtschaften und das Projekt wissenschaftlich begleiten. Weitere Städte sollen nachfolgen.

„Ein Waldgarten besteht vorwiegend aus essbaren Pflanzen, die sich in mehreren Vegetationsschichten teilweise überlappen, ganz ähnlich der Struktur von Wäldern“, erklärt Schulz. Sowohl Obst- und Nussbäume, Beerensträucher, als auch Gemüse und Kräuter sollen langfristig miteinander angebaut und abgeerntet werden können.

Was das Konzept unter anderem ausmache, sei die Langfristigkeit, sagt Schulz. Sie plane für mindestens 30 Jahre. Außerdem vereine ein Waldgarten auf relativ kleiner Fläche viele Nutzpflanzen, die sich bei geschickter Planung gegenseitig bereichern und schützen.

Glücksfall Berlin: Es entstehen 2,8 Hektar neue Gartenflächen

In einem heißen Sommer sorge das Blätterdach zudem für Schatten und Kühle – ein großes Plus in Zeiten des Klimawandels. Und ein weiterer Vorteil: Durch abgestorbene Pflanzenteile entstehe eine dichte Humusschicht, die Bodenfeuchte halte. Außerdem seien solche Waldgärten sowohl Nahrungsquelle als auch Lebensraum für Insekten, Vögel und kleine Säugetiere. „Das Konzept kommt aus den Tropen, aber auch in Europa gibt es bereits mehrere Waldgärten“, erklärt Schulz, die auch für die Internationale Gartenausstellung in Marzahn vor zwei Jahren einen solchen Garten angelegt hat.

„Vielen Projekten, bei denen in Kisten und Hochbeeten gegärtnert wird, sind ökologische Grenzen gesetzt. Das Konzept der Waldgärten geht darüber hinaus und bietet die Möglichkeit, in den Boden zu gehen“, sagt Christa Müller, Vorstandsvorsitzende der Münchner Stiftung „Anstiftung“, die bundesweit urbane Gärten und ein Netzwerk dazu fördert. Waldgärten könnten helfen, eine gewisse Dauerhaftigkeit zu garantieren und die Flächen vor einer Bebauung zu schützen.

Noch befindet sich das Projekt, das vom Bundesamt für Naturschutz gefördert wird, in Berlin in der Entwicklungsphase. Schulz und ihre Kollegen organisieren derzeit Workshops mit Interessierten. Wenn alles nach Plan läuft, kann bereits 2021 begonnen werden. Geeignete Flächen zu finden, sei eine der größten Schwierigkeiten, sagt die Wissenschaftlerin. Berlin sei allerdings ein echter Glücksfall gewesen. Dort sollen auf rund 2,8 Hektar ohnehin neue Gartenflächen entstehen – als Ausgleich für Kolonien, die dem Ausbau der Autobahn 100 weichen mussten.

Auch der zuständige Kleingarten­verband Neukölln sieht die Waldgarten-Idee positiv. „Kleingärten müssen sich neu erfinden“, sagt Geschäftsführer Manfred Hopp. Der Waldgarten sei besonders für Berliner geeignet, die sich nicht gleich langfristig an einen Garten mit Laube binden und flexibel bleiben wollen.

„Mehr junge Menschen für das Gärtnern begeistern“

„Wir überlegen ohnehin schon länger, wie wir mehr junge Menschen für das Gärtnern begeistern können“, sagt Hopp. Um Raum für den Waldgarten zu schaffen, würde sein Verband lediglich 60 statt der 80 geplanten Kleingarten-Parzellen einrichten. „Im Waldgarten könnten dann etwa 20 Familien gärtnern“, sagt er.

Besonders beliebt seien Waldgärten momentan in den Niederlanden, sagt Harald Wedig, der als Waldgarten-Pionier in Deutschland gilt. „Den Nieder­ländern fehlt es an Wald, gleichzeitig sind sie gute Gärtner. Es gibt dort deshalb ein großes Bedürfnis, Gärten in waldähnlichen Strukturen anzulegen.“ Der Gärtner war bislang selbst an etwa 15 Waldgartenprojekten beteiligt, unter anderem in der Oberlausitz. Dass diese Form nun die Städte erobern soll, sei wunderbar.

Aus Sicht der Soziologin Müller liegt für Gemeinschaftsgärten die größte Herausforderung darin, alle verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bringen. „Das Soziale ist ja häufig das, was schwierig zu bewältigen ist. Soziale Probleme führen bisweilen dazu, dass Projekte nicht so funktionieren, wie sie könnten.“ Für den Waldgarten in Berlin sieht sie dieses Problem derzeit allerdings nicht. Dort werde von Anfang an Wert auf eine rege Beteiligung der künftigen Gärtner gelegt.

Das urbane Gärtnern verzeichne in Deutschland seit zehn Jahren ein kontinuierliches Wachstum. „Man kann davon ausgehen, dass die Zahl der urbanen Gartenprojekte schon bei über 1000 liegt“, sagt Müller.

In Neukölln wird auch ein einstiger Friedhof nachgenutzt

Der Trend gehe derzeit in verschiedene Richtungen. „Die Nachnutzung von nicht mehr genutzten Friedhöfen ist ein neues Thema“, so Müller. Zum Beispiel sei der bekannte mobile Prinzessinnengarten aus Kreuzberg jetzt auch auf einem ehemaligen Friedhof in Neukölln aktiv. In der Bremer Neustadt sei ein weiteres Projekt richtungsweisend: Dort haben Anwohner einen versiegelten, ungenutzten Platz in eine blühende Grünfläche verwandelt. Zunächst wurde in Kisten gegärtnert, später konnte der Platz entsiegelt und gärtnerisch neu gestaltet werden.