Stadtentwicklung

Bürger unterstützen die "Bürgerstadt Buch"

Die Initiative „Bürgerstadt Buch bauen“ hat erstmals ihr Projekt öffentlich vorgestellt. Der Senat reagiert bislang reserviert.

Berlin. Eines der 16 Wohnquartiere ist der Initiative „Bürgerstadt Buch bauen“ durch einen Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses in der vergangenen Woche bereits abhandengekommen. Aus der Wohnbaufläche „Buch V“ ist per Änderung des Flächennutzungsplanes eine reine Grünfläche geworden. 2500 bis 3000 Wohnungen, die schon zu DDR-Zeiten vorgesehen waren, können damit nun nicht mehr gebaut werden.

Doch die Initiative, die im Norden Pankows eine „Bürgerstadt“ mit 30.000 bis 40.000 Wohnungen für 100.000 Bewohner vorschlägt, lässt sich nicht entmutigen. „Es bleiben ja noch 15 weitere Quartiere“, sagte Gründungsmitglied Günter Fuderholz. An der Gesamtzahl müsse sich dadurch nur geringfügig etwas ändern. Am Mittwochabend hatte die Initiative in das Kutscherhaus am Kurfürstendamm geladen, um dort die Pläne vorzustellen.

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In Buch ist Berlin Großgrundbesitzer

Die Initiative, erläuterte Fuderholz vor rund 100 Interessierten, setze sich dafür ein, auf den früheren Rieselfeldern zwischen den Stadtteilen Buch, Französisch-Buchholz und Karow ein urbanes Quartier zu schaffen, in dem nicht nur gewohnt, sondern auch gearbeitet werden kann.

Bis zu 30.000 Arbeitsplätze sind nach Vorstellungen der Initiative, einer Gruppe von Planern, Architekten und Wohnungsbauexperten, möglich. Und das Beste: „70 Prozent der mehr als 700 Hektar Fläche sind im Besitz des Landes Berlin“, sagte Fuderholz.

Bei den Grundstücken, die zusammen so groß sind wie 1000 Fußballplätze, handelt es sich überwiegend um ehemalige Rieselfelder. Dort könnten die dringend benötigten bezahlbaren Wohnungen entstehen – errichtet durch Genossenschaften, kleinere Unternehmen und Bauherrengruppen, schlägt die Initiative vor.

Pläne der Bürgerstadt Buch stoßen beim Senat auf wenig Gegenliebe

Im rot-rot-grünen Senat und vor allem im Bezirk Pankow sind die Pläne bislang jedoch auf wenig Gegenliebe gestoßen. Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) lehnt die Überlegungen rundweg ab und verweist auf andere Planungen.

Tatsächlich hatten sich Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) erst vor wenigen Monaten darauf geeinigt, die dortigen Grundstücksreserven überwiegend für Gewerbeansiedlungen zu reservieren. Die SPD, allen voran der Regierende Bürgermeister Michael Müller, hatte die Anregungen der Bürgerstadt Buch dagegen begrüßt.

"Der Wohnungsbau war ja hier schon seit DDR-Zeiten angedacht. Man kann sich also fragen, warum es nicht einfach losgeht", sagte Christian Müller, Vorstandsmitglied der Baukammer Berlin. Das Gebiet zwischen Karow und Buch sei bestens geeignet, weil die Verbindung nach Berlin mit öffentlichem Nahverkehr bereits bestehe. „Wenn innerhalb der S-Bahnringes Flächen wie Tempelhof oder Kleingartenflächen nicht bebaut werden sollen, sollte man wenigstens entlang der bereits vorhandenen S-Bahnstrecken neues Bauland aktivieren“ forderte Müller. Dass der Senat diese Chance bislang nicht nutzen wolle, lege den Verdacht nahe, dass er nicht wirklich an einer Lösung des Wohnungsproblems interessiert sei.

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Prognose: Berlin wächst bis 2030 auf 3,9 Millionen Einwohner

Unterstützung erhielt die Initiative am Mittwoch auch durch Zahlen, die Christian Böllhoff, geschäftsführender Gesellschafter der Prognos AG, präsentierte."Schon heute fehlen in Berlin 133.000 Wohnungen", sagte Böllhoff. Zwischen 2011 und 2017 seien nur 60.000 Wohnungen errichtet worden, obwohl im gleichen Zeitraum 300.000 Menschen zuzogen. Die Prognose des Statistischen Bundesamtes gehe zudem davon aus, dass Berlin weiter wachsen werde - von heute knapp 3,7 auf 3,9 Millionen Einwohner in 2030.

Dennoch gehe der Senat davon aus, dass bis 2030 nur 200.000 Wohnungen errichtet werden müssten, dabei seien 300.000 erforderlich. Problematisch sei ferner, dass die Baulandpreise in Berlin binnen sechs Jahren um 167 Prozent gestiegen seien - von 340 auf 900 Euro pro Quadratmeter. Damit lasse Berlin inzwischen Städte wie Hamburg weit hinter sich. Dort seien die Grundstückspreise vergleichsweise moderat um 32 Prozent, von 530 auf 670 Euro, gestiegen. "Mein Eindruck ist, dass hier Grundstücke zurückgehalten werden", sagte Böllhoff.

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Hamburger Hafencity-Chef kann sich Berliner Zurückhaltung nicht erklären

Eingeladen zu der Veranstaltung hatten die Initiatoren auch Jürgen Bruns-Berentelg, den Chef der Hafencity Hamburg. Der Hansestadt mit 1,8 Millionen Einwohnern ist es 2018 gelungen, 12.000 Wohnungen fertigzustellen. Zum Vergleich: in Berlin mit 3,7 Millionen Einwohnern waren es zeitgleich 16.000 Wohnungen. Er könne sich die Zurückhaltung Berlins bei Großprojekten auch nicht erklären, sagte Bruns-Berentelg.

Er könne aber nur Mut machen. "Gerade die Frage, wie bauen wir die Stadt angesichts des Klimawandels und sozialer Herausforderungen weiter, lassen sich in Großquartieren viel besser lösen als in kleinen Nachverdichtungen in der Innenstadt", sagte Hamburgs oberster Stadtentwickler. Insofern wünsche er dem Projekt Bürgerstadt Buch vor allem eine mutige Regierung.

"100.000 Stimmen für 100.000 Wohnungen"

Die Bürgerstadt Buch ist nicht die einzige Initiative, die mit eigenen Vorschlägen dafür sorgen will, dass in Berlin mehr und schneller Wohnungen gebaut werden. „Wir sammeln 100.000 Stimmen für 100.000 Wohnungen", sagte Heiko Kretzschmer, Vorsitzender des Vereins „Neue Wege für Berlin e.V.“ Der Verein, in dem überwiegend wirtschaftsnahe Akteure vertreten sind, hat die Kampagne „Faire Mieten bauen“ gestartet. Zielsetzung des Vereins: Unterschriften für einen Volksentscheid zu sammeln, der Senat und Abgeordnetenhaus dazu auffordert, sich intensiv mit den Vorschlägen zum Bau von 100.000 Wohnungen zu befassen. "Was in Berlin fehlt, ist der Mut zu großen Projekten."

"Wir würden gerne in Buch bauen, zumal wir dort schon 1300 Wohnungen haben", sagte Markus Luft, Vorstandsmitglied der Genossenschaft EWG Pankow. Seine Genossenschaft gebe es bereits seit 60 Jahren. Im Neubau auf eigenen Grundstücken schaffe die Genossenschaft aktuell, Wohnungsmieten von knapp zehn Euro je Quadratmeter zu realisieren. "Wenn wir die Grundstücke am Markt kaufen müssen, landen wir bei Mieten von 14 bis 15 Euro je Quadratmeter." Deshalb appelliere er an den Senat, die Flächen in Buch zur Bebauung freizugeben.

Am Ende meldete sich dann noch ein Bürger aus Buch zu Wort, der den weiten Weg zum Kurfürstendamm auf sich genommen hatte. "Es kann nicht sein, dass Buch, Blankenburg und Buch derzeit so schlecht mit Infrastruktur ausgestattet sind", sagte Steffen Lochow, Vorstand des Bucher Bürgervereins. Was nicht sein darf, sei weiterer Wohnungsbau, ohne dass die vorhandene Verkehrsstruktur entsprechend ertüchtigt werde.