Fachkräftemangel

Wie man Lehrlinge zum Durchhalten motiviert

Fast jeder zweite Berliner Auszubildende bricht seine Lehre ab. Ein Pilotprojekt der Berliner Sanitärinnung soll nun Abhilfe schaffen.

Andreas Koch-Martin (vorn), der Geschäftsführer von der Innung SHK Berlin, betont, dass  für die jungen Lehrlinge Wertschätzung und eine freundliche Ansprache  wichtig sind.

Andreas Koch-Martin (vorn), der Geschäftsführer von der Innung SHK Berlin, betont, dass für die jungen Lehrlinge Wertschätzung und eine freundliche Ansprache wichtig sind.

Foto: David Heerde

Berlin. „Es ist eine Männerdomäne – schon immer gewesen“, sagt Jenny. Entsprechend habe sie eine Weile suchen müssen, um eine Firma zu finden, in der sie Frau bleiben könne. „Dabei braucht es auch mehr Frauen, wenn der Beruf ausstirbt“, ist die 15-Jährige überzeugt. Sie habe schon immer etwas Technisches machen wollen und interessiere sich dafür, wie Dinge aufgebaut sind.

Schnell fiel die Wahl also auf eine Lehre zur Anlagenmechanikerin im Bereich Sanitär, Heizung und Klima (SHK). Sie erwarte, viel zu lernen, viel erklärt zu bekommen, ein nettes und höfliches Arbeitsklima und Arbeitskollegen, auf die sie mit ihren Fragen immer zugehen kann, sagt Jenny an ihrem zweiten Ausbildungstag.

Anlagenmechaniker ist Berlins ausbildungsstärkster Beruf

Jenny ist eine von rund 200 neuen Lehrlingen des Gewerks, die am Dienstagmorgen im Ausbildungszentrum der SHK-Innung in Gesundbrunnen begrüßt wurden. Rund 300 Auszubildende zähle der Jahrgang, sagt Geschäftsführer An­dreas Koch-Martin. Bis zu 60 weitere würden im Frühjahr dazukommen. „Der Anlagenmechaniker ist inzwischen der ausbildungsstärkste Beruf im Berliner Handwerk.“ In den vergangenen Jahre habe man zweistellige Zuwachsraten verzeichnen können. Um jedoch den tatsächlichen Bedarf zu decken, bräuchte es das Doppelte.

Genauso schwer, wie Nachwuchs zu gewinnen, sei es aber, ihn zu halten. Denn 40 Prozent aller SHK-Auszubildenden in Berlin würden ihre Lehre vorzeitig abbrechen, so Koch-Martin weiter. Damit liege man leicht über dem Schnitt aller Gewerke in der Hauptstadt von 39 Prozent und signifikant über dem bundesweiten von 28 Prozent. „Das ist eine mittlere Katastrophe.“ Bei anhaltendem Trend wird der Fachkräftemangel die Hälfte der rund 1700 Berliner SHK-Betriebe zwingen, in den nächsten fünf Jahren trotz voller Bücher schließen zu müssen, prognostiziert die Innung.

Um dem entgegenzuwirken, startete die Innung vor einem Jahr das Pilotprojekt „Ausbildung stärken – Nachwuchskräfte binden“. Das wird von der Senatsverwaltung für Arbeit finanziert. Bis Ende 2019 werden dafür Mittel in Höhe von mehr als 253.700 Euro bereitgestellt. Davon wurde unter anderem der Soziologe Peter Biniok eingestellt. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter hat er die Gründe für die hohe Zahl der Ausbildungs­abbrüche untersucht. Dazu habe er zunächst Ausbilder, Lehrer und Auszubildende befragt, erklärt Biniok. „Auf dieser Grundlage haben wir Hypothesen entwickelt, wo die Probleme zwischen den Betrieben und den Jugendlichen liegen.“ Die wurden dann mit Fragebögen getestet. „Es trifft etwa nicht zu, dass die Azubis zu wenig Biss haben“, nennt der Wissenschaftler eine Erkenntnis. Das Problem liege vielmehr in den Betrieben, wo es ein Umdenken brauche.

Viele Lehrlinge fühlen sich bereits am Anfang unwohl

In der Befragung gaben nur 20 Prozent der Auszubildenden an, dass es sich beim Anlagenmechaniker SHK um ihren Wunschberuf gehandelt hat. Für den Rest war es einer von vielen, Zufall oder eine Notlösung. Entsprechend gelte es, die Jugendlichen zu bestärken und nicht abzuschrecken, heißt es in der Studie. „Wenn 80 Prozent das eigentlich gar nicht vorhatten, muss die Passung erst einmal hergestellt werden“, präzisiert Koch-Martin. Entscheidend sei dabei vor allem das erste halbe Jahr. Denn während dieses Zeitraum seien die meisten Abbrüche zu verzeichnen. 34 Prozent der Befragten sagen, dass ihnen der Start nicht leichtfiel. Für 28 Prozent war er von einem Unwohlsein begleitet. Es brauche also von Anfang an Motivation und eine freundliche Ansprache – die Lehrlinge müssten mitgenommen werden, so der Geschäfts­führer weiter. Wahrnehmung und Wertschätzung seien dabei am wichtigsten.

Auch beim Ablauf der weiteren Ausbildung scheint es Nachbesserungsbedarf zu geben. Zwar schätzen 95 Prozent der Azubis die Fachkenntnisse ihrer Ausbilder als sehr gut ein. Allerdings gibt es bei 54 Prozent keine regelmäßigen Besprechungen, und 48 Prozent gaben an, keinen Lehrplan bekommen zu haben. Das Einfühlungsvermögen der übergeordneten Kollegen wird von 22 Prozent und die Art und Weise der Wissensvermittlung von 18 Prozent als sehr schlecht beschrieben. „Wir wollen die Auszubildenden nicht in Watte packen, aber ihnen klare Orientierung geben“, sagt Koch-Martin. Man müsse den Betrieben vermitteln, dass das eine wesentliche Aufgabe ist, die sie zu übernehmen haben. Dabei will die Innung unterstützen.

Im zweiten Schritt des Modellprojekts sollen die Erkenntnisse in konkrete Maßnahmen übersetzt werden. Schulungen, Ratgeber, Beratungsangebote und Weiterbildungskurse sind geplant, sagt Koch-Martin. Die ersten Ergebnisse wolle man bereits in diesem Jahrgang erzielen. Gleichzeitig arbeite man an Möglichkeiten, das Projekt auf andere Gewerke zu übertragen. „Die meisten Innungen haben großes Interesse daran.“ Denn alle hätten mit demselben Problem zu kämpfen. Und beim Friseurhandwerk, der Gastronomie oder im Handel sei die Abbruchquote noch deutlich höher.