Obdachlosigkeit

Berliner Senat will Obdachlose zählen

In einer „Nacht der Solidarität“ Ende Januar 2020 sollen die Obdachlosen auf Berlins Straßen gezählt werden.

Ein Obdachloser liegt unter einer Decke in einem Eingang einer Kirche in Kreuzberg. Ende Januar 2020 sollen die Obdachlosen in Berlin gezählt werden (Archivbild).

Ein Obdachloser liegt unter einer Decke in einem Eingang einer Kirche in Kreuzberg. Ende Januar 2020 sollen die Obdachlosen in Berlin gezählt werden (Archivbild).

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin. Der Senat will ein wichtiges sozialpolitisches Dunkelfeld ausleuchten und die Obdachlosen auf Berlins Straßen zählen. In einer „Nacht der Solidarität“ vom 29. auf den 30. Januar 2020 soll die Aktion stattfinden. Der Termin in der Winternacht wurde gewählt, damit sich die Studierenden der an dem Vorhaben beteiligten Sozialarbeiter-Ausbildungsstätten Alice-Salomon- und Katholischer Fachhochschule beteiligen können. Weitere Helfer will die Behörde über eine Internet-Plattform gewinnen.

In jedem der 447 sozialen Stadträume sollen Teams mit mindestens je zwei Personen die Menschen auf der Straße ansprechen und Daten über die Herkunft und die bisherige Unterbringung erheben. „Bisher gibt es nur wilde Schätzungen“, sagte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Dienstag nach der Senatssitzung. „Wir brauchen eine Wohnungslosenstatistik“, sagte die Senatorin: „Diese Menschen sind Teil dieser Stadt.“

Kommentar: Berlin muss sich um die ärmsten Bewohner kümmern

Schätzungen gehen von bis zu 10.000 Obdachlosen aus

Wohlfahrtsverbände gehen davon aus, dass in Berlin zwischen 6000 und 10.000 Menschen auf der Straße leben. Viele von ihnen kommen mittlerweile aus dem meist europäischen Ausland. 50.000 Berliner gelten als wohnungslos, das heißt, sie haben keine eigene feste Bleibe. Nach den Worten der Sozialsenatorin landen zunehmend auch Frauen oder Pflegebedürftige auf der Straße.

Die Regierung hat am Dienstag neue Leitlinien für die Wohnungslosenhilfe beschlossen, die die bereits 20 Jahre alten Regeln ablösen sollen. Vor allem will die Senatssozialverwaltung die Unterbringung von Wohnungslosen besser steuern, die einzelnen Bezirke zu einheitlichem Handeln verpflichten und das Angebot an geeigneten Räumen ausweiten: „Wir brauchen Schutz für Familien, die ihre Wohnung verlieren“, beschrieb die Senatorin einen Trend.

Es sei immer billiger, Mietschulden zu übernehmen und so die Wohnung zu erhalten, als die Menschen unterzubringen, sagte Breitenbach. Bisher gingen die Bezirke aber nicht einheitlich vor. Das sollen die neuen, im Rat der Bürgermeister abgestimmten Leitlinien jetzt ändern.

Viele Erwachsene mit Kindern leben in den offiziellen Unterkünften des Landes. Dort wohnen zur Zeit 36.000 Menschen. 71 Prozent sind alleinstehend. Aber in jedem vierten von den insgesamt 20.000 Haushalten in diesen Heimen leben Kinder.

Wer einmal in einer Obdachlosenunterkunft wohnt, kommt dort nur schwer wieder heraus, wie die Statistik ausweist. 65 Prozent der Bewohner bleiben ein Jahr oder auch deutlich länger dort. Notunterkünfte sind auch sehr teuer. Mit den dort verlangten Tagessätzen von 50 Euro und mehr pro Bett ließen sich reguläre Wohnungsmieten locker bezahlen. Mehr als 6000 Menschen leben auf Kosten der Stadt beziehungsweise ihrer Bezirke in Hostels oder Pensionen. Bisher bringen die Bezirke ihre Klienten überall in der Stadt auf ihre Kosten unter. Das betrifft auch viele Geflüchtete, die inzwischen als ganz normale Wohnungslose gelten.

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Dieses System soll nun nach langen Debatten so geändert werden, dass die Menschen in dem Bezirk, in dem sie untergekommen sind, auch vom dortigen Jobcenter betreut werden.

Breitenbach sagte, man brauche mehr Wohnungen für freie Träger, wo Obdachlose und Menschen ohne Wohnung unterkommen könnten. Auch das sogenannte geschützte Marktsegment müsse ausgeweitet werden. Das sind Wohnungen meist bei den städtischen Gesellschaften, die die Bezirke mit Bedürftigen belegen dürfen. 1000 solcher Plätze gibt es zurzeit in der Stadt. „Wir wollen 2500“, sagte Breitenbach.

Auch für die Notübernachtungen sieht Breitenbach mehr Bedarf. Während der Wintermonate gibt es 1162 Schlafplätze in Notunterkünften, im Sommer aber nur 250, davon viele in einer Traglufthalle an der Frankfurter Allee. 600 ganzjährig verfügbare Plätze wünscht sich die Sozialsenatorin. Noch muss sie sich aber mit den Bezirken über die Details der Finanzierung einigen.

Im kommenden Winter sollen Obdachlose wieder offiziell in ausgewählten U-Bahnhöfen schlafen dürfen. Zwei Bahnhöfe sollen geöffnet bleiben. Es sollen aber andere sein als in der letzten Kälteperiode. Am Bahnhof Lichtenberg gebe es ja gerade aktuell wieder Probleme mit dort lagernden Menschen. Und am Moritzplatz in Kreuzberg hätten sich viele Drogenabhängige und auch Dealer unter die Obdachlosen gemischt, so dass es dort zahlreiche Auseinandersetzungen gegeben habe, berichtete die Senatorin.

Jetzt würden mit der BVG zwei Bahnhöfe gesucht, wo es eine Zwischenebene zum Lagern gebe und Platz, um auf BVG-Gelände Toiletten und einen Wärmebus aufzustellen.

Kolonien von Tiny Houses als Alternative zu Zeltlagern

Um das Entstehen wilder Zeltlager wie seinerzeit im Tiergarten oder zuletzt an der Rummelsburger Bucht zu verhindern, setzt die Sozialverwaltung auf ein neues Konzept. Sogenannte „Sichere Plätze“ will man einrichten. Dort sollen Obdachlose nicht einfach ihre Zelte aufschlagen dürfen. Stattdessen sollten sie in „Tiny Houses“, also extrem kleinen Häuschen, unterkommen.

Solche Modelle haben innovative Architekten zuletzt als einen Ausweg aus dem Platzmangel in Großstädten konzipiert. Dort sollte es auch eine Küche und eine Dusche geben, so die Senatorin, dazu Sozialarbeiter und gegebenenfalls einen Sicherheitsdienst. Noch wolle sie nicht sagen, wo solche Plätze in der Stadt entstehen sollen.