Innere Sicherheit

Gewalt: Welche Berliner am unsichersten leben

Von 100.000 Berlinern wurden im vergangenen Jahr knapp 2200 geschlagen, bedroht oder sexuell angegangen.

Foto: BM Grafik

Berlin. Es ist die Angst vor dem Handtaschenraub oder dem dem Schlag ins Gesicht, der Vergewaltigung oder gar dem gezielten Mord. Laut einer Umfrage im Auftrag des Bundeskriminalamtes (BKA) hatte im Jahr 2017 fast jeder dritte Berliner Angst davor, Opfer einer Straftat zu werden. Die Hauptstadt rangiert damit im Vergleich der Bundesländer in der Spitzengruppe. Der Anteil der „furchtsamen Personen“, wie sie in der Studie genannt werden, ist zudem seit 2012 in fast allen Ländern gestiegen – so auch in Berlin.

„Alles wird immer schlimmer“: Wenn es um die Entwicklung der Kriminalität geht, ist dieser Satz immer wieder zu hören. Mit der statistischen Wirklichkeit ist der Abwärtstrend des Sicherheitsempfindens allerdings nicht in Einklang zu bringen. Das zeigt die Antwort der Innenverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage der FDP.

Risiko, geschlagen, bedroht oder sexuell angegangen zu werden nimmt zu

Die Behörde gibt darin Auskunft über die Entwicklung der sogenannten „Bevölkerungsgefährdungszahl“. Das Wortungetüm verrät, wie wahrscheinlich es rein statistisch betrachtet ist, Opfer einer Straftat – genauer eines sogenannten „Opferdeliktes“ – zu werden. „Opferdelikte“ sind Straftaten wie Freiheitsberaubung oder Nötigung, Körperverletzung oder Raub, Totschlag und Mord oder Vergewaltigung.

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Das wesentliche Ergebnis der Auflistung: Das Risiko, geschlagen oder bedroht, sexuell angegangen oder ausgeraubt zu werden, hat im vergangenen Jahr etwas zugenommen. Die statistische Wahrscheinlichkeit liegt aber immer noch unter der des Jahres 2009. Eine weitere Erkenntnis: Männer sind deutlich gefährdeter als Frauen. Senioren werden deutlich seltener Opfer einer Straftat als Berlinerinnen und Berliner, die jünger sind als 60 Jahre.

Gruppe der 21- bis 60-Jährigen am stärksten gefährdet

Am gefährdetsten ist der Statistik zufolge die große Gruppe der 21 bis 60 Jahre alten Berliner. Deutliche Unterschiede zeigen sich bei den Deliktarten. So wurden Kinder, Jugendliche und Heranwachsende bis 21 Jahre im vergangenen Jahr rund dreimal so häufig Opfer von Sexualdelikten wie Berliner zwischen 21 und 60 Jahren. Besonders gefährdet sind sie auch bei Raubüberfällen oder räuberischer Erpressung. Von den exakt 81.263 als solche erfassten Opfern wurden rund 47 Prozent leicht und 1,4 Prozent schwer verletzt. Hundert Personen kamen den Angaben zufolge durch Straftaten ums Leben.

Mit Sorgen dürften Sicherheitsexperten die Zunahme der Opfer bei den „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“, darunter Vergewaltigung, betrachten. Absolut gesehen stieg die Zahl der Opfer von rund 3650 im Jahr 2017 auf 4040 im vergangenen Jahr. Im Deliktfeld „Straftaten gegen das Leben“, darunter Mord und Totschlag oder fahrlässige Tötung, registrierte die Polizei 2017 rund 140 Betroffene. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl auf 282 – der höchste Wert seit zehn Jahren.

Innensenator: Berlin ist sicherer geworden

Innensenator Andreas Geisel (SPD) hatte bei der Vorstellung einer Kurzfassung der Polizeilichen Kriminalstatistik gesagt: „Berlin ist wieder ein Stück sicherer geworden.“ Diese Aussage sei angesichts der Zunahme bei den Opfern, die im vergangenen Jahr von Gewaltdelikten betroffen waren, nicht haltbar, sagte der FDP-Innenpolitiker Marcel Luthe, der die Anfrage gestellt hatte.

Der Anstieg bei den Tötungsdelikten sei erschreckend, die Schwere der Straftaten nehme offenbar zu. „Der Blick auf die Opferzahlen zeigt, dass die polizeiliche Kriminalstatistik nur einen Teil der Lebenswirklichkeit abbildet“, sagte Luthe. Dies betreffe die „besonders relevante Frage der körperlichen Unversehrtheit“.

Geisel und Polizeipräsidentin Barbara Slowik hatten ausgewählte Kennziffern der Kriminalstatistik für das Jahr 2018 bereits im Februar dieses Jahres vorgestellt. Die Langfassung des Berichts lag in vergangenen Jahren meist vor der parlamentarischen Sommerpause vor.

Präsentation des vollständigen Berichts verzögert sich

2016 verzögerte sich die Präsentation dagegen. Die Innenverwaltung begründete dies damals mit der Aufarbeitung des Terroranschlags vom Breitscheidplatz. Die verspätete Vorlage werde ein „einmaliges Ereignis“ bleiben.

Doch auch die Präsentation des vollständigen Berichts für 2018 verzögert sich. Die diesjährige Begründung der Innenverwaltung: ein „insgesamt hoher Arbeitsanfall“. Der FDP-Politiker Luthe will dies nicht akzeptieren: „Innenpolitik braucht eine objektive Grundlage. Dafür müssen Kennzahlen schnell verfügbar sein“, sagte Luthe. Die Innenverwaltung dürfe die Abgeordneten bei der Vorlage der vollständigen Daten nicht ein dreiviertel Jahr warten lassen.