Untersuchung

Solo und prekär - So arbeiten Selbstständige in Berlin

In Berlin arbeiten rund elf Prozent der Erwerbstätigen als Solo-Selbstständige. Häufig reicht der Verdienst nicht, um davon zu leben.

Rund elf Prozent aller Erwerbstätigen in Berlin verdienen als sogenannte Solo-Selbstständige ihren Lebensunterhalt. Bundesweit liegt der Anteil hingegen nur bei drei bis acht Prozent.

Rund elf Prozent aller Erwerbstätigen in Berlin verdienen als sogenannte Solo-Selbstständige ihren Lebensunterhalt. Bundesweit liegt der Anteil hingegen nur bei drei bis acht Prozent.

Foto: Martin Schutt / dpa

Berlin. In Berlin arbeiten rund elf Prozent der Erwerbstätigen als Solo-Selbstständige. Bundesweit liegt der Anteil hingegen nur bei drei bis acht Prozent. Das geht aus einer neuen Auswertung der Senatsverwaltung für Arbeit hervor, die am Montag vorgestellt wurde. Demnach waren in Berlin im Jahr 2017 etwa 191.200 Menschen solo-selbstständig beschäftigt, arbeiteten also ohne weitere Angestellte. Insgesamt lag die Zahl der Selbstständigen in Berlin 2017 bei etwa 260.000.

Die Daten der Studie lassen aufhorchen, sagte Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Montag. „Solo-Selbstständigkeit kann eine prekäre Erwerbsform sein und ist in Berlin besonders häufig vertreten. Zwei Drittel der gut 260.000 Selbstständigen in Berlin sind solo-selbstständig. Sie haben oft nur ein niedriges Einkommen, aus dem dann weder der Lebensunterhalt noch die Sozialbeiträge gedeckt werden können“, erklärte Breitenbach. Daher müssten Betroffene Hilfe zum Lebensunterhalt beantragen. Hinzu komme, dass den Solo-Selbstständigen die Sicherheiten eines sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisses verloren gingen. „Schließlich erlaubt dieses prekäre Arbeiten keine Altersvorsorge“, sagte die Linken-Politikerin.

Viele der Solo-Selbstständigen arbeiten im kreativen Bereich

Laut Erhebung, die von der Beratungsgesellschaft „ArbeitGestalten“ durchgeführt wurde, sind Solo-Selbstständige in nahezu allen Branchen zu finden. Besonders stark vertreten sind sie demnach aber in der Kultur- und Kreativszene Berlins: Im Mai 2018 gingen laut Erhebung 41.312 Solo-Selbstständige einer künstlerischen und unterhaltenden Tätigkeit nach. Weitere 24.744 Beschäftigte arbeiteten in einer sonstigen freiberuflichen Tätigkeit, also zum Beispiel als Künstlervermittler oder Eventmanager. Knapp zehn Prozent – 20.094 Solo-Selbstständige – waren in dem Bereich Erziehung und Unterricht, also zum Beispiel als Musik- oder Sprachlehrer, tätig. 18.608 Arbeitnehmer erbrachten überwiegend persönliche Dienstleistungen. Dazu zählten die Studienautoren unter anderem Solo-Selbstständige in Wäschereien und Friseursalons.

Immer mehr Solo-Selbstständige gebe es zudem auch im Einzelhandel und im Baugewerbe. Mit Blick auf die Arbeit im Supermarkt würde die Beschäftigungsform von den Arbeitgebern auch genutzt, um tarifliche Regelungen zu umgehen, kritisierte Senatorin Breitenbach. Ebenso auf dem Bau: Dort seien die Solo-Selbstständigen häufig Opfer vor Arbeitsausbeutung.

Digital-Plattformen setzen auf Solo-Selbstständige

Darüber hinaus verrichteten immer mehr Solo-Selbstständige Dienstleistungen wie Betreuung, Reinigung oder Handwerkerarbeiten, die digital vermittelt werden, sagte Breitenbach. Berlin gelte allgemein als Testmarkt für diese neuen, digitalen Arbeitsformen, so die Senatorin. Das erkläre auch den vergleichsweise hohen Anteil der Solo-Selbstständigen an allen Erwerbstätigen. Viele der gängigen Digital-Plattform würden ausschließlich mit Solo-Selbstständigen arbeiten, um so die Zahlung von Sozialbeiträgen zu umgehen. „Alle, die diese Dienstleistungen nutzen, tragen die Verantwortung dafür, dass prekäre Arbeitsplätze entstehen und dass viele Menschen von ihrer Arbeit nicht leben können“, sagte Breitenbach.

Die Zahl der Solo-Selbstständigen nimmt allerdings bereits seit Mitte der 90er-Jahre zu. Zwischen 1996 und 2016 nahm die Beschäftigungsform in Deutschland um gut 30 Prozent auf 2,315 Millionen Erwerbstätige zu. Eine erhebliche Rolle hat dabei die Förderung von „Ich-AGs“ durch die Bundesagentur für Arbeit ab dem Jahr 2003 gespielt. Auch wenn ein Teil der Solo-Selbstständigen hohe Einkünfte erzielt, liegt das durchschnittliche Einkommen dieser Erwerbstätigengruppe unter dem vieler Arbeitnehmer. Viele kommen über Einkünfte, wie sie Beschäftigte im Niedriglohnsektor beziehen, nicht hinaus.

Viele melden ihr Gewerbe wieder ab

Das ist auch in Berlin zu spüren. Laut Arbeitsverwaltung gehen 30 Prozent der Arbeitslosengeld-Empfänger in der deutschen Hauptstadt einer selbstständigen Tätigkeit nach. Das sind 12.621 Leistungsberechtigte. Allerdings sei die Zahl der Solo-Selbstständigen, die aus ihrem Einkommen kaum ihren Lebensunterhalt oder gar ihre Sozialbeiträge decken können, vermutlich noch höher, so Senatorin Breitenbach. Denn nicht alle Solo-Selbstständigen würden die Hilfe zum Lebensunterhalt auch beantragen. Wie schlecht es vielen Solo-Selbstständigen finanziell aber geht, lässt die Zahl der Gewerbeabmeldungen erahnen: Allein 2017 meldeten 35.801 Selbstständige ihr Gewerbe wieder ab, vermutlich auch, weil der Erfolg ausblieb.