Renten

Berliner in Sorge vor dem Wohnen im Alter

Kann ich mir als Rentner meine Wohnung noch leisten? In Berlin fehlen 110.000 altersgerechte und zugleich bezahlbare Wohnungen.

Gropiushaus an der Lipschitzallee: Es gibt nicht nur zu wenig bezahlbaren Wohnraum in Berlin, sondern auch zu wenig barrierearm ausgebaute Immobilien.

Gropiushaus an der Lipschitzallee: Es gibt nicht nur zu wenig bezahlbaren Wohnraum in Berlin, sondern auch zu wenig barrierearm ausgebaute Immobilien.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Thomas Fritsche ist ein ein tatkräftiger Mann. Der heute 72-jährige ist vor acht Jahren ganz bewusst aus seiner Wohnung im vierten Stock in Pankow ausgezogen und hat sich in Grünau niedergelassen – in einer Erdgeschosswohnung. „Viele alte Menschen überlegen nicht rechtzeitig genug, ob sie in ihrer jetzigen Wohnung auch im Alter noch gut wohnen können“, sagt der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Volkssolidarität, der zugleich auch in der Seniorenvertretung im Bezirk-Treptow-Köpenick aktiv ist. Statt 56 müsse er jetzt nur noch sechs Stufen bewältigen, um in seine Wohnung zu gelangen.

Doch es ist nicht nur eine Frage persönlicher Entschlusskraft, die viele Senioren daran hindert, sich eine barrierefreie Wohnung zu suchen, weiß Fritsche. Denn das Angebot an barrierearmen und zugleich bezahlbaren Wohnungen in der Stadt ist knapp.

2030 werden mehr als eine Viertelmillion Berliner älter als 80 Jahre sein

Berlin wird immer älter. Bis 2030 wird die Zahl der über 80 Jahre alten Berliner von 191.000 im Jahr 2017 auf 260.000 zunehmen, geht aus der Bevölkerungsprognose des Berliner Senats hervor. Doch die meisten Berliner Wohnungen sind für diese Herausforderung nicht gerüstet. Heute sind 560.000 Berliner älter als 65 Jahre, im Jahr 2020 werden es nach Schätzungen des Senats 665.000 sein.

Es fehlen 110.000 altersgerechte Wohnungen

Nach einer von den Berliner Linken bereits 2016 in Auftrag gegebenen Studie „Sozialer Wohnraumversorgungsbedarf in Berlin“ resultiert daraus ein Zusatzbedarf von 110.000 altersgerechten und barrierefreien Wohnungen in der Hauptstadt. Diese könnten sowohl durch Um- als auch durch Neubau entstehen, heißt es in der Studie.

Doch wenn nicht die städtischen Wohnungsbaugesellschaften diese Wohnungen mit Fördermitteln errichten, sind barrierefreie Wohnungen ein enormer Kostenfaktor. So beziffert der Verein Barrierefrei Leben e.V. die durchschnittlichen Gesamtkosten für eine barrierefreie Badanpassung bei einem sechs Quadratmeter großen Bad beispielsweise mit etwa 8000 Euro.

„Wenn man einen Pflegegrad hat, übernimmt die Pflege den Einbau eines Liftes oder den Einstieg in die Badewanne“, erklärt Eveline Lämmer. Die sogenannten „Maßnahmen zur Wohnumfeldverbesserung“ werden mit bis zu 4000 Euro unterstützt. Die 66-Jährige ist ehrenamtlich im Landesseniorenbeirat (LSBB) engagiert, der das Abgeordnetenhaus und den Senat bei Themen wie Altersarmut und Wohnen im Alter berät. Der Beirat leitet auch weiter, was die Seniorenvertreter aus den einzelnen Bezirken an Problemen melden. Wie etwa den Antrag von Thomas Fritsche aus Treptow-Köpenick.

Seniorenvertretung und Mieterverein fordern Gesetzesänderung

„Wenn ein Mieter selbst dafür sorgt, dass seine Wohnung barrierefrei umgebaut wird, kann der Vermieter darauf bestehen, dass er diese Umbauten bei seinem Auszug wieder zurückbaut“, sagt Fritsch. „Dieses Gesetz muss weg“, fordert er. Die allermeisten Menschen würden nun einmal gerne in ihren eigenen vier Wänden alt werden. „Dabei sollte man sich nicht behindern, sondern unterstützen“, sagt der Senior.

Unterstützung findet dieser Vorschlag auch beim Berliner Mieterverein. „Der Paragraf 554a zur Barrierefreiheit im Bürgerlichen Gesetzbuch räumen dem Mieter zwar einen Rechtsanspruch auf Umbau ein, den die Pflegekassen in der Regel übernehmen. Sie zahlen allerdings nicht für den Rückbau“, sagt der Chef des berliner Mietervereins, Reiner Wild. So laufe das Gesetz ins Leere. Auf dem Sozialgipfel im November stehe der Paragraf deshalb auf der Tagesordnung.

Nur 6,4 Prozent der Wohnungen sind barrierearm

Unterdessen unternehmen auch die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften einiges, um ihre Bestände altersgerecht umzubauen. Ein Beispiel ist die Gesobau, die in Berlin knapp 40.000 Wohnungen vermietet. Nach Auskunft des Unternehmens sind aktuell 2550 Wohnungen zumindest barrierearm. Das entspricht 6,4 Prozent des Gesamtbestandes. Die Kosten für den Umbau beziffert das kommunale Unternehmen je nach Zustand der Wohnung mit 500 bis 5000 Euro – je nach dem, welche Umbauten vorgenommen wurden. So rechnet das Unternehmen beispielsweise mit kosten von 280 Euro für das Entfernen einer Türschwelle. Eine breitere Türöffnung verursacht Kosten von 1200 Euro und der Einbau einer bodengleichen Dusche schlägt mit 1000 bis 2000 Euro zu Buche. Der Gesobau stünden für solche Maßnahmen unter anderem die Mittel aus dem Förderprogramm der landeseigenen Investitionsbank Berlin (IBB) zur Verfügung oder der Mieter bekomme eine Unterstützung der Pflegekasse.

90 Prozent der Mieter wollen zu Hause alt werden

In den Neubauten werden die Belange älterer Menschen inzwischen von Anfang an berücksichtigt: „Grundsätzlich werden wir ab 2020 die Quote im Neubau barrierefreier Wohnungen auf mindestens 50 Prozent in Neubauten mit Aufzug anheben, um dem wachsenden Bedarf an altersgerechtem Wohnraum zu begegnen“, sagt Jörg Franzen, Vorstandsvorsitzender der Gesobau. Nach einer aktuellen Umfrage möchten 90 Prozent unserer Mieter zu Hause alt werden“, ergänzt Franzen.

Für Babyboomer wird es eng

Der Wunsch, in den eigenen vier Wänden alt zu werden, wird vor allem für die geburtenstarken 1960er-Jahrgänge, die erst in den zehn Jahren in Rente gehen, zum Problem. Nach einer Erhebung von 2018 des Pestel-Instituts in Hannover werden 35 bis 40 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berlin zwischen 45- bis 55-Jahren mit weniger als 800 Euro pro Monat in Rente gehen. Von dieser Rente müssten sie dann die weiter steigenden Mieten bezahlen. Die Wissenschaftler haben in der Studie – auf der Grundlage der aktuellen Rentenerwartung für Berlin – den Sprung der Renten-Mietbelastung fürs Wohnen im Alter ermittelt. Dabei kommen sie zu dem Ergebnis, dass künftig deutlich mehr Berliner Rentner ihren Lebensstandard stark absenken oder ins preiswertere Umland ziehen müssen.

Nach einem aktuellen Bericht des DIW Berlin geben bereits heute zwei Drittel aller älteren Mieterhaushalte in Deutschland mindestens 30 Prozent ihres Einkommens für Wohnen aus. Notwendig sei deshalb eine Ausweitung des Sozialwohnungsbaus, der sich an den Bedürfnissen älterer Menschen orientiert. Vor allem Mieterhaushalte seien von der starken Zunahme dieser Kosten betroffen, heißt es in dem Report.