Unternehmertafel

Wie die Welt ein bisschen besser werden könnte

Unternehmertafel von Morgenpost und IBB: Sozialunternehmen sollen in Berlin künftig eine noch bedeutendere Rolle spielen.

Die 58. Unternehmertafel von Berliner Morgenpost und Investitionsbank Berlin (von vorne links nach vorne rechts): Dominik Bath, Anja König, Alexander Piutti, Christine Richter, Christian Rickerts, René Wienholtz, Till Behnke, Markus Sauerhammer, Carolin Silbernagl, Jens Holtkamp, Jürgen Allerkamp, Phillip Tettenborn und Sascha Stremming.

Die 58. Unternehmertafel von Berliner Morgenpost und Investitionsbank Berlin (von vorne links nach vorne rechts): Dominik Bath, Anja König, Alexander Piutti, Christine Richter, Christian Rickerts, René Wienholtz, Till Behnke, Markus Sauerhammer, Carolin Silbernagl, Jens Holtkamp, Jürgen Allerkamp, Phillip Tettenborn und Sascha Stremming.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Vielleicht gibt die junge Generation auch der Wirtschaft den Weg vor: Seit mehreren Monaten gehen Schüler in vielen Ländern Europas auf die Straße, um für mehr Klimaschutz zu protestieren. „Es gibt den Druck, dass sich etwas ändern muss“, sagte der Berliner Unternehmer Alexander Piutti , der sich mit seiner Firma „SPRK.global“ unter anderem für eine Welt ohne Müll einsetzt. Piutti zählt zu den Idealisten innerhalb der Wirtschaft, den sogenannten Sozialunternehmern.

Die Selbstverpflichtung der Firmenlenker, die international auch als Social Entrepreneurs bekannt sind, gehe über die der ehrbaren Kaufleute hinaus, erklärte Berlins Staatssekretär für Wirtschaft, Christian Rickerts (parteilos, für Grüne) bei der 58. Unternehmertafel von Berliner Morgenpost und Investitionsbank Berlin (IBB). Bei der Dinner-Runde im Berlin Capital Club am Gendarmenmarkt, die von Morgenpost-Chefredakteurin Christine Richter moderiert wurde, wurde unter anderem über die Finanzierung von Sozialunternehmen und einer besseren Vernetzung innerhalb der Branche gesprochen.

Das soziale Unternehmertum biete die Perspektive, die unternehmerische Tätigkeit auf die großen Fragen der Zeit zu richten, sagte Rickerts. „Der Unternehmenszweck soll also dazu beitragen, soziale Ungerechtigkeit oder globale Umweltzerstörung zu verhindern. Die Gewinnmaximierung tritt in den meisten Fällen dahinter zurück“, erklärte der Politiker, der vor seiner politischen Laufbahn Wikimedia geleitet hat, den Betreiber des gemeinnützigen Online-Lexikons Wikipedia.

Deutsche Hauptstadt ist Ort für Weltverbesserung

In Berlin gibt es bereits eine lange Tradition von Sozialunternehmen. Die Weiberwirtschaft an der Anklamer Straße im Bezirk Mitte etwa hilft Frauen seit 1992 dabei, in der häufig noch von Männern dominierten Wirtschaftswelt als Unternehmerinnen Fuß zu fassen. Und auch die gemeinnützige Gesellschaft Pfefferwerk Stadtkultur zählt seit 1991 zu den Sozialunternehmen in der Stadt und betreibt unter anderem 17 Kindertagesstätten. „Berlin ist schon lange ein Ort dafür, an dem auch immer wieder Weltverbesserung ausprobiert wird“, fasste Rickerts zusammen.

Laut Statistik der Investitionsbank Berlin gibt es in Berlin derzeit rund 8500 Sozialunternehmen mit etwa 185.000 Angestellten. Darin enthalten seien aber auch karitative Träger und Wohlfahrtsverbände, sagte IBB-Vorstandschef Jürgen Allerkamp. Um soziale Unternehmen unterstützen zu können, hat die IBB seit gut einem Jahr Darlehens- und Beratungsangebote auch für die Firmen geöffnet, die nicht in erster Linie an Gewinnerzielung interessiert sind. Das sei ein erster Schritt gewesen, um auch Sozialunternehmen Finanzierungen zu ermöglichen, so Allerkamp.

Die IBB plane darüber hinaus in nächster Zeit die Beteiligung an einem sogenannten Social-Impact-Fonds, kündigte Allerkamp an. Zudem solle perspektivisch versucht werden, Geld der Europäischen Union in die deutsche Hauptstadt zu holen, um auch in Berlin einen eigenen Risikokapital-Fonds für Sozialunternehmen auflegen zu können, sagte der Banker. Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) mache sich derzeit Gedanken darüber, wie Berlin zur Hauptstadt der Social Entrepreneurs werden könne, verriet IBB-Vorstandschef Allerkamp.

Auch Sozialunternehmen ringen um Flächen

Derzeit haben die Sozialunternehmen in Berlin allerdings häufig auch ähnliche Probleme wie kapitalmarktgetriebene Firmen, sagte Carolin Silbernagl, Außenministerin bei „betterplace lab“. Die gemeinnützige Organisation hatte nach langer öffentlicher Diskussion das ehemalige Umspannwerk in Kreuzberg vom Internetkonzern Google übernommen. Ursprünglich hatte Google geplant, aus dem Gebäude einen Campus für Start-ups zu machen. Betterplace hingegen will nun vor allem Sozialunternehmen Platz bieten. „Nachdem wir die Pläne veröffentlicht hatten, wurden wir überrannt. Raum ist in der Stadt inzwischen ein schmerzhaftes Thema“, erklärte Silbernagl.

Auch Sascha Stremming vom Impact Hub, einem Co-Working-Space für Sozialunternehmen, bemerke eine steigende Nachfrage nach Flächen. Der Impact Hub selbst biete aber nicht nur Raum, sagte Stremming. „Wir helfen auch dabei, Menschen miteinander zu vernetzen und Wissen zu vermitteln“, erklärte er. René Wienholtz, Geschäftsführer der Beteiligungsgesellschaft Omnipotence Ventures, regte angesichts der Flächenknappheit an, die Sozialunternehmer verstärkt auch mit der Immobilienbranche zu vernetzen. Aber auch zu steuerpolitischen Fragestellungen sei die Vermittlung an Ansprechpartner wichtig, sagte Wienholtz. „In den USA gibt es in einigen Bundesstaaten die Möglichkeit, einen geringeren Steuersatz zu bekommen, um überhaupt auskömmliche Geschäftsmodelle zu ermöglichen“, erklärte der Investor.

Weltweit gebe es bereits Staaten, die Sozial-Unternehmen mit Finanzierungsmodellen unterstützen, sagte Anja König von der European Venture Philanthropy Association (EVPA). In Europa etwa sei die niederländische Hauptstadt Den Haag auf einem guten Weg, zur Social-Innovations-Hauptstadt zu werden, sagte König. „Berlin muss sich also beeilen“, erklärte sie.

Die deutsche Hauptstadt habe aber gute Chancen selbst in der ersten Liga der „Impact-Cities“ mitzuspielen, sagte Markus Sauerhammer, Gründercoach und Vorstand des Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland (SEND). „Berlin hat das Potenzial, der globale Problemlösungshotspot zu werden“, so Sauerhammer. Künftig werde Wirtschaft anders gedacht werden als in der Vergangenheit. Die deutsche Wirtschaft sei seit jeher Innovationsvorreiter. Derzeit fehle aber der Mut, zu gestalten, kritisierte er. „Wir verwalten momentan die Vergangenheit, den Status quo und glauben damit die Antworten für die Zukunft zu finden“, beschrieb Sauerhammer. Für die neuen Herausforderungen sei es aber nötig, neue Lösungen zu schaffen. Geld werde gebraucht, um Ideen möglich zu machen und Gestaltungsräume zu bieten, sagte er.

Auch Carolin Silbernagl sieht mit Blick auf bestehende Finanzierungsmöglichkeiten für Sozialunternehmen noch Luft nach oben: „Was mir fehlt, ist das Heben des Schatzes und dass von Investoren nicht nur gefragt wird, wie viele Arbeitsplätze und Umsatz ein Unternehmen schafft“, sagte Silbernagl. Nötig sei vielmehr auch ein Experimentierraum für neue Ansätze, die dann bei Erfolg auch auf die breitere Wirtschaft übertragen werden könnten, so Silbernagl.

Till Behnke, der Gründer des Berliner Nachbarschaftsportals „nebenan.de“, hält vor allem in späteren Phasen von Sozialunternehmen den Finanzierungsbedarf für noch nicht gedeckt. Hier sei auch der Staat gefragt, sagte er. In mehrere Unternehmen im amerikanische Silicon Valley sei zum Beispiel viel Staatsgeld geflossen, etwa über Pensionsfonds, erklärte Behnke. Deutschland aber, halte sich größtenteils raus, kritisierte der Jung-Unternehmer. Die deutsche Zurückhaltung sei gefährlich angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich heutzutage globale, digitale Monopole aufbauten, sagte Behnke und forderte ein Umdenken.

Marktfähige Renditen mit nachhaltigen Geschäften

Sozialunternehmer seien im Grunde genommen keinen anderen Gründer als jene, die in der Vergangenheit Erfolg hatten, sagte Behnke, der mit seinem Portal inzwischen 200.000 Berliner erreicht. „Als vor 100 Jahren das Automobil erfunden wurde, ging es nicht darum, den Profit zu maximieren, sondern darum, das Leben einfacher zu machen und die Menschen von A nach B zu bringen“, erklärte Behnke.

Investor René Wienholtz ergänzte, dass sich auch durchaus sehr auskömmliche und marktfähige Renditen erzielen ließen, wenn es um Nachhaltigkeit-Themen gehe. Das sei auch inzwischen bei Investoren bekannt. Nötig sei aber noch stärker als bislang, privates Kapital dafür zu gewinnen, sagte er. „Wir müssen Wege finden, Ideen, die der Ökologie und der Gesellschaft zugute kommen, mit Geld zu befüllen. Diese Investments müssen integraler Bestandteil einer jeden Investment-Strategie werden“, so Wienholtz. Man müsse aber Leuchttürme bauen und so den Erfolg von Sozialunternehmen noch stärker nach außen tragen, sagte der Investor.

Unternehmer Alexander Piutti, der mit seiner Firma auch die Lebensmittelbranche berät, regte an, vor allem lösungsorientierte Ansätze zu verfolgen. „Wenn wir zu Kunden gehen und sagen, wir retten die Welt, hört keiner zu. Wenn wir aber erklären, und sagen, das spart Geld, dann haben wir Aufmerksamkeit“, erklärte der „SPRK.global“-Gründer. Nachhaltigkeit würde mittlerweile ohnehin von vielen Kundenschichten eingefordert, sagte Piutti. „Wenn zwei Unternehmen dasselbe Produkte zu gleichen Preisen anbieten und das eine Unternehmen bringt noch einen nachhaltigen Ansatz mit – dann gehen die Leute dahin“, hat Piutti beobachtet.

Wandel geht von der Bevölkerung aus

Bei dem bevorstehenden wirtschaftlichen Wandel, sei es bei der Energieerzeugung aber auch mit Blick auf Produktionsbedingungen, komme den Menschen eine besondere Bedeutung zu, sagte Carolin Silbernagl von der Plattform Betterplace. „Die Bevölkerung ist ein wesentlicher Träger des sozialen Engagements und der sozialen Innovationen in unserem Land. Das Interesse daran, wie wir unsere Zukunft bauen, teilen wir alle“, erklärte sie. Anja König ist ähnlicher Meinung. „Die Suche nach der Sinnhaftigkeit charakterisiert unsere Zeit. Für viele Menschen hat es schlicht keinen Sinn mehr, für Unternehmen und Organisationen zu arbeiten, die nicht auf die Umwelt oder die Gemeinschaft hören“, sagte König.

Der erste Schritt selbst sozial aktiv zu werden, sei einfach, sagte Phillip Tettenborn von der „The Do School“, einer internationalen Bildungsplattform mit Sitz in Berlin. Seine Organisation etwa habe den „DO Day“ ins Leben gerufen, den internationalen Tag des Tuns, der in diesem Jahr am 18. Oktober sei und sich mit dem Thema Gleichberechtigung befasse, so Tettenborn. „Wir wollen Menschen, die wirklich etwas tun und nicht nur reden. Jeder kann durch seinen Einsatz den Unterschied ausmachen“, sagte er.

Wie sich kleines Engagement im lokalen entwickeln könne, sei auch gut an der Plattform „nebenan.de“ zu beobachten, sagte dessen Gründer Till Behnke. Sein Portal sei gewissermaßen die moderne und digitale Form der Nachbarschaftshilfe. Behnke habe beobachtet, dass sich an viele Orten in der Welt lokale Gemeinschaften bildeten, sagte er. „Vieles, was global brennt, lässt sich lokal reparieren. Die Digitalisierung kann auch ein Instrument für soziale Innovationen sein“, so Behnke.

„Impact-State“: Berlin soll nachhaltiger werden

Um die Sozialunternehmen weiter nach vorne zu bringen, sei ein Zusammenspiel aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft nötig, befand die Unternehmertafel. Berlins Staatssekretär Christian Rickerts erklärte, nach dem Öffnen der IBB-Förderprogramme weitere Barrieren für die Sozialunternehmen abbauen zu wollen. Zudem kündigte er an, das Thema Finanzierung innerhalb des Berliner Bankenplatzes platzieren zu wollen. Von der deutschen Hauptstadt aus operierten heute eine Vielzahl sogenannter Fintechs, auch der Ostdeutsche Sparkassenverband komme als Ansprechpartner infrage, so Rickerts.

Die Teilnehmer der Unternehmertafel vereinbarten zudem eine weitergehende Zusammenarbeit: Man werde in den kommenden Monaten ein Konzept entwickeln, wie Berlin zu einem sogenannten „Impact-State“ werden könne. Das Thema Nachhaltigkeit wird in Berlin also künftig noch größer geschrieben werden als bislang.