Mord in Moabit

Verdächtiger wollte zuerst mit russischer Botschaft sprechen

Laut einem Bericht des „Spiegel“ führt die Spur des Mörders von Moabit direkt nach Moskau. In Berlin gab es schon ähnliche Fälle.

Ermittler gehen davon aus, dass der Mord an einem Georgier im Kleinen Tiergarten ein Auftragswerk war.

Ermittler gehen davon aus, dass der Mord an einem Georgier im Kleinen Tiergarten ein Auftragswerk war.

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin. Die erste Person, mit der Vadim S. sprechen wollte, war nicht sein Anwalt. Auch nicht seine Familie, sondern ein Vertreter der russischen Botschaft. Vadim S. sitzt in Untersuchungshaft in Moabit und damit nur wenige Hundert Meter von dem Ort entfernt, wo er einen Menschen getötet haben soll.

Vadim S. wird verdächtigt, den Georgier Zelimkhan K. im Kleinen Tiergarten in Moabit erschossen zu haben. Nach Informationen der Berliner Morgenpost aus Justizkreisen schweigt Vadim S. trotz erdrückender Beweise beharrlich. Das einzige, was er will: Mit der russischen Botschaft sprechen.

Die Behörden gehen fest davon aus, dass es sich bei dem Mord an dem Georgier um einen Auftragswerk handelte. Recherchen des „Spiegel“ legen nun nahe, dass die Spur direkt nach Moskau und zum russischen Militärgeheimdienst GRU führt. Der Kreml wiederum hatte zuvor über einen Sprecher verlauten lassen, dass man nichts mit dem Mord zu tun habe. Es wäre indessen nicht der erste Berliner Kriminalfall, der zu diplomatischen Verwerfungen führen würde. Die Hauptstadt gilt auch als Zentrum ausländischer Dienste.

Passnummer führt zum Militärgeheimdienst GRU

In seiner aktuellen Ausgabe berichtet der „Spiegel“, dass der Russe Vadim S. 49 Jahre alt sei, angeblich in Irkutsk, Sibirien, geboren wurde und in St. Petersburg lebte. Im nationalen russischen Passregister sei jedoch niemand unter den angegebenen Personalien gemeldet. Auch die angegebene Wohnadresse sei unvollständig. Die Passnummer führe laut Spiegel vielmehr zu einer Einheit im Moskauer Innenministerium, die in der Vergangenheit bereits Dokumente für den Militärgeheimdienst GRU ausgestellt habe.

Auch wenn die Hintergründe noch nebulös erscheinen, die Tat ist es nicht: Zelimkhan K. war am 23. August auf dem Weg zum Freitagsgebet, als er mit mehreren Schüssen niedergestreckt wurde. Ein Fahrradfahrer schoss ihm erst in den Rücken und dann zweimal in den Kopf. Zeugen, die nur wenige Meter vom Tatort entfernt in einem Café saßen, berichteten der Berliner Morgenpost, dass die Tat wie eine Hinrichtung gewirkt habe.

Ein Mord und viele Zeugen: Schnell war ein großes Polizeiaufgebot vor Ort. Hinweise von Jugendlichen ist es zu verdanken, dass der mutmaßliche Mörder Vadim S. unweit vom Tatort gefasst werden konnte. Polizeitaucher fischten wenig später auch noch eine Tüte mit einer Perücke und der mutmaßlichen Tatwaffe aus der Spree. Zum möglichen Motiv zählt auch die Vergangenheit. K. ist Tschetschene und kämpfte gegen Russland in den Tschetschenienkriegen. Weil es bereits mehrere Mordversuche auf ihn gab, flüchtete er schon vor Jahren nach Deutschland. Auch seine Frau, von der er allerdings getrennt lebte, und seine Kinder wohnen mittlerweile in Berlin. Doch auch Berlin konnte Zelimkhan K. letztlich keinen Schutz bieten.

Die Welt der Agenten ist naturgemäß verschlossen

Ob der Fall sich zu einer diplomatischen Krise entwickelt, hängt auch von Erkenntnisse anderer Behörden ab. Sollte sich bei den Ermittlungen der Verdacht der Involvierung eines ausländischen Geheimdienstes erhärten, würde der Fall automatisch eine Stufe höher zum Generalbundesanwalt wandern, der dann die Ermittlungen an sich ziehen würde.

Die Welt der Geheimdienste ist naturgemäß eher verschlossen. Nur selten bekommt man Einblick in ihre Arbeit. Ausländische Dienste sind in vielen Bereichen aktiv. Fast alles findet im Verborgenen statt. Häufig sind die Geheimdienste auch mit den jeweiligen Botschaften verbunden. Nicht ohne Grund wollte der mutmaßliche Mörder Vadim S. als erstes mit der russischen Botschaft sprechen. Doch es geht nicht nur um Mord und Totschlag. Als besondere Herausforderungen gelten laut Bundesnachrichtendienst (BND) auch die Erkennung von Falschnachrichten und die Bedrohung durch Cyberattacken.

Ein weiterer spektakulärer Kriminal-Fall, der weltweit für Aufsehen sorgt, war die Entführung des Vietnamesen Trinh Xuan Thanh im Juli 2017. Auch in diesem Fall behauptete die Sozialistische Republik Vietnam bis zuletzt, dass der ehemalige Funktionär der kommunistischen Partei freiwillig in sein Herkunftsland zurückgekehrt sei, man nichts mit der Entführung zu tun habe. In minuziöser Arbeit konnten die Ermittler der 4. Mordkommission der Berliner Polizei allerdings das Lügenkonstrukt der Vietnamesen zum Einsturz bringen. Ein Mittäter bei der Entführung wurde vom Landgericht Moabit im vergangenen Jahr zu drei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt.

Das Innenministerium hat keine Zweifel daran, dass nach mehreren nicht geglückten Versuchen, Trinh Xuan Thanh, der in Deutschland Asyl genoss, wieder nach Vietnam zu holen, der vietnamesische Geheimdienst Tong Cuc sich schließlich zur Entführung des gefallenen Partei-Genossen entschloss.

Am Ende wurde Trinh Xuan Thanh, der sehr vorsichtig lebte und Kontakt zu seinen Landsleuten vermied, die Liebe zum Verhängnis. Der vietnamesische Geheimdienst kannte seine Aufenthaltsort nicht. Als die Agenten aber davon erfuhren, dass eine Geliebte von Trinh Xuan Thanh auf dem Weg nach Berlin sei, hefteten sie sich an ihre Versen. Im Tiergarten schlugen sie schließlich zu und kidnappten den in Ungnade gefallenen Landsmann und verschleppten ihn nach Vietnam. Das war eine bis dahin beispiellose Geheimdienstoperation auf deutschem Boden, die zu schweren diplomatischen Verwerfungen führte. Der vietnamesische Botschafter wurde einbestellt und ein Freihandelsabkommen geriet ins Stocken.

Mord und Entführung – die zwei spektakulären Kriminalfälle lassen die Frage zu, wie aktiv ausländische Geheimdienste in der deutschen Hauptstadt eigentlich sind.

Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass Berlin auch ein Zentrum der Nachrichtendienste ist. Das merke man auch an kleineren Vorfällen. Im Februar dieses Jahres wurde etwa ein iranischer Oppositioneller in Steglitz überfallen und verletzt. Hinter der Attacke werden iranische Agenten vermutet. Der Staatsschutz ermittelt.

Im Jahr 2017 kursierte auch eine Spitzelliste des Türkischen Geheimdienstes (MIT), auf der auch 25 Berliner Namen standen. Das Erdogan-Regime verlangte von deutschen Sicherheitsbehörden Auskünfte über diese Regime-Kritiker.

Anschläge auf „LaBelle“und „Maison de France“

Berlin war aber auch schon das Ziel von Staatsterrorismus. 1983 explodierte eine Bombe im französischen Kulturinstitut „Maison de France“ am Kurfürstendamm. Ein Mensch starb damals, 23 wurden verletzt. Verübt worden war der Anschlag von Johannes Weinrich, der als Vertrauter des venezolanischen Terroristen Ilich Ramirez Sanchez, genannt „Carlos“, galt, der damals die Attacke in Auftrag gegeben hatte.

Bei einem anderen Anschlag in Berlin am 5. April 1986 in der Friedenauer Diskothek „LaBelle“ starben drei Menschen, mehr als 200 wurden zum Teil schwer verletzt. Im Auftrag des libyschen Geheimdienstes ließ eine fünfköpfige Terrorzelle eine Bombe explodieren. Die Diskothek war ein beliebter Treffpunkt amerikanischer Soldaten. Der Fall konnte erst Jahre später mit der Öffnung der Archive des DDR-Geheimdienstes geklärt werden. Ein Täter war sogar als „IM Alba“ bei der Staatssicherheit registriert. Bei einem spektakulären Prozess im Jahr 2001 wurden die Täter zu langen Freiheitsstrafen verurteilt. Das Gericht bezeichnete den damaligen libyschen Revolutionsführer Muammar Gaddafi als Auftraggeber des Anschlages.