Radverkehr

Wenn zwölf Sekunden ein Leben kosten

Marina Fasser starb durch einen Lkw. Die Familie leidet, den Fahrer plagt die Schuld. Dabei lassen sich solche Unfälle vermeiden.

Familie Fasser an der Ecke Danziger und Greifswalder Straße. Hier wurde die 31 Jahre alte Marina im Juni 2017 von einem Lkw überrollt.

Familie Fasser an der Ecke Danziger und Greifswalder Straße. Hier wurde die 31 Jahre alte Marina im Juni 2017 von einem Lkw überrollt.

Foto: Reto Klar

Berlin. Kurz bevor Marina Fasser zum letzten Mal auf ihr Hollandrad steigt, entlädt sich ein Sommergewitter über Berlin. Es ist der 28. Juni 2017. Die 31 Jahre alte Italienerin will in wenigen Wochen nach Wien ziehen, dort ein Doktorat beginnen. In Friedrichshain holt sie an diesem Mittwoch ihre übersetzten Zeugnisse ab, packt sie in eine braune Lederhandtasche. Sie trägt Jeans und eine schwarze Lederjacke.

Marina Fasser ist den Weg vielleicht hundert Mal gefahren. Warschauer Straße, um den Bersarinplatz, das holprige Stück auf dem Gehweg entlang der Petersburger, die Radspur auf der Danziger. Immer wieder Ampeln, warten, antreten. Kurz vor der Kreuzung mit der Greifswalder Straße endet die Radspur, mündet in die Rechtsabbiegespur.

Dort wartet Danjo F. in seinem weißen Lastwagen an der roten Ampel. Er ist damals 32, ein Mann mit breitem Kreuz und großen, schwieligen Händen. Auf die Ladefläche mit einem Kranarm am hinteren Ende hat er Baugerüste geladen. Später wird er aussagen, dass es die letzte Fahrt des Tages war, „auf den Platz“, also zum Firmensitz. Feierabend.

Es sind noch fünf Minuten bis zur Wohnung. Dann rammt sie der Lkw

Die Fahrbahn ist noch feucht. Marinas schwarze Haare auch. Sie stellt sich an die Haltelinie für Radfahrer, leicht nach vorne versetzt, neben den Lkw.

Gegen 17.19 Uhr schaltet die Ampel auf Grün. Danjo F. fährt den Lkw im dritten Gang an, beschleunigt auf zwölf Stundenkilometer, schlägt nach rechts ein.

Marina Fasser will geradeaus. Es sind noch fünf Minuten bis zu ihrer Wohnung. Dann rammt sie der Lkw.

81 Radfahrer starben seitdem bei Rechtsabbieger-Unfällen mit Lkw

Seit Marinas Tod hat der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) bundesweit weitere 81 Radfahrer dokumentiert, die bei Rechtsabbieger-Unfällen mit Lkw starben. Davon sieben in Berlin.

Zuletzt überfährt ein Lastwagen am 20. Februar um 9.55 Uhr beim Rechtsabbiegen am Alexanderplatz eine 37 Jahre alte Radfahrerin, die geradeaus in die Otto-Braun-Straße fahren will. Sie stirbt am Unfallort, genauso wie 2018 ein 34-Jähriger in Adlershof, ein 46-Jähriger in Mitte, ein Achtjähriger in Spandau, eine 52-Jährige in Schöneberg, 2017 eine 77-Jährige in Spandau, eine 75-Jährige in Köpenick ...

Dabei sind Lkw bei Weitem nicht die größte Gefahr für Radfahrer in Berlin. Fast die Hälfte der Unfälle haben sie selbst zumindest mitverursacht. An 40 Prozent tragen Autofahrer die Schuld. Nur etwa vier Prozent haben Lkw-Fahrer verursacht.

15 Tonnen Maschine, 67 Kilo Mensch, Radfahrer haben kaum eine Chance

Aber treffen mehr als 15 Tonnen Maschine auf 67 Kilo Mensch, dann bleibt Radfahrern wie Marina Fasser kaum eine Chance. Von elf Radfahrern starben 2018 sieben durch einen Lkw, vier davon beim Rechtsabbiegen.

Jedes Mal wird ein Leben ausgelöscht und das vieler Angehöriger nachhaltig zerrüttet. Auch die Lastwagenfahrer sind oft ein Leben lang gezeichnet.

Die Berliner Morgenpost hat mehrfach versucht, mit Danjo F. zu sprechen. Er lehnte ab. „Ich kann das nicht“, sagt er. Mehr als zwei Jahre nach dem Unfall, in Raum 2108 des Amtsgerichts Tiergarten, ergreift er das Wort.

„Wie soll ich sagen?“ Er setzt zwei Mal an. Die Stimme bricht. Er weint.

Im Gerichtssaal wird der Begriff "toter Winkel" fallen

Dann sagt er: „Blitze und Donner, so fängt es jede Nacht bei mir an.“ Er träume noch heute, nach acht Monaten abgebrochener psychiatrischer Behandlung, vom Unfall. Jetzt arbeite er wieder. Versuche so selten wie möglich zu fahren. Sein Chef sagt, Danjo F. sei der einzige, der in der Fahrerkabine rauchen darf.

Danjo F.: „Ich habe in alle Spiegel gesehen. Den kleinen, den großen, der oben. Selbst bei mir auf der Seite. Ich weiß nicht, wo sie hergekommen ist.“

Im Gerichtssaal wird der Begriff „toter Winkel“ fallen, ein Zeuge vermutet, die Radfahrerin sei für Danjo F. schlicht nicht sichtbar gewesen.

Das Problem ist dieses Wort: theoretisch

Dabei sind sich Experten einig. Der tote Winkel ist durch die Vorschriften weitestgehend aus den Führerkabinen verbannt. Vier unterschiedliche Spiegel auf der Beifahrerseite sind vorgeschrieben. Theoretisch kann ein Lkw-Fahrer beim Rechtsabbiegen einen Radfahrer immer in einem dieser Spiegel sehen.

Das Problem ist dieses Wort: theoretisch. Um alle Gefahren auszuschließen, müsste ein Fahrer wie Danjo F. im Stadtverkehr permanent die Bilder aus vier, teils stark verzerrenden Spiegeln, plus den Blick durch die Frontscheibe und das Geschehen in den zwei linken Spiegeln gleichzeitig verarbeiten. Die Theorie scheitert regelmäßig an der Praxis.

Meist werden die Fahrer zu Geldstrafen verurteilt. Aber erst an diesem Freitag hat das Amtsgericht Tiergarten nach einem Rechtsabbieger-Unfall eine Freiheitsstrafe auf Bewährung verhängt. Das Opfer lag lange im Koma, verlor ein Bein, musste wieder lernen zu sprechen.

Dabei gibt es eine Lösung, ein rund 1500 Euro teures Gerät mit Sensoren und Kameras, das die Gefahr dieser Unfälle fast gänzlich bannen kann. Aber die Politik tut sich seit langem schwer, sie durchzusetzen. Auch nach Marinas Tod.

Der Vater hielt sie am Sattel, bis sie die Angst verlor

Eugenio Fasser, ein leiser Mann mit ergrautem Lächeln, erinnert sich, wie er seiner Tochter das Radfahren beigebracht hat. Das war im Innenhof seines Hauses im norditalienischen Brescia. Grüne Fensterläden, Agaven in Terrakotta, Kiesboden. Marina war vier Jahre alt, der Vater hielt sie am Sattel. Stundenlang. Bis sein Rücken schmerzte und das Mädchen die Angst verlor, verstand, dass sie nicht umfällt, so lange sie schnell genug fährt. Dann ließ der Vater los.

Marina hatte zwei Geschwister. Alicia, heute 36. Und Silvio, 27. Sie war die Mittlere.

Das Wort Kosmopolitin trifft sie ganz gut. Sie lebte in Schweden und London. Sprachkurs in Syrien, als Freiwillige in Marokko, Lehrerin in Ägypten.

Mutter Gloria Scuffi lacht, als sie erzählt, wie sie Marina vor ihrem Besuch in Alexandria am Telefon ermahnte. Sie solle nicht in zu kurzen Hosen und Top anreisen. Aus Respekt vor der arabischen Kultur. Aber wenn die Männer auf dem Basar Marina anmachten, dann stellte sie sich vor sie, fragte auf Arabisch: „Was hast du gesagt?“ Die Männer konnten nicht genug Worte der Entschuldigung finden.

Marina lief Marathon, meditierte, spielte Gitarre, lachte. Auf Bildern blickt sie einen aus neugierigen, braunen Augen an.

Alicia zieht als erste nach Berlin, Marina kommt 2014 nach. Sie macht sich selbstständig, unterrichtet Arabisch, zieht mit einem Frankokanadier namens David zusammen. Als er einen Job in Wien bekommt, findet sie die Doktorandenstelle am Institut für Orientalistik. Im September 2017 sollte es losgehen.

„Der Unfall wäre also vermeidbar gewesen“

Aber dann triff sie an jenem schwülen Mittwoch im Juni auf den Lkw von Danjo F.. Zwölf Sekunden vergehen zwischen Anfahrt und Aufprall. Zwölf Sekunden, die über Leben und Tod von Marina Fasser entschieden.

So steht es in einem Unfallgutachten, das später vor Gericht präsentiert wird. Und: Danjo F. hat Marina Fasser die gesamte Zeit in einem seiner Spiegel sehen können. „Der Unfall wäre also vermeidbar gewesen“.

Der Lkw rammt Marina Fasser mit der rechten Ecke des Führerhauses, stößt sie um, zieht sie unter den Lastwagen. Es vergehen nochmal drei Sekunden. Drei Sekunden, in denen Danjo F. aufs Bremspedal hätte steigen können. Er sagt, er habe den Aufprall nicht gehört und dann gespürt, wie sich das Hinterteil des Lasters kurz anhebt.

In diesem Moment rollen die linken Hinterräder – es sind zwei – über Marina Fasser, sie zertrümmern ihr Becken, reißen die Oberschenkel auf.

Danziger Ecke Greifswalder Straße: Immer wieder kommt es an dieser Kreuzung zu Unfällen, seit Jahren versprechen Senat und Bezirk den Umbau. Bereits im Februar 2012 antwortet die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf eine Anfrage: Hauptunfallursache für Fahrräder an der Kreuzung „ist die Nichtbeachtung der geradeausfahrenden Radfahrer und Radfahrerinnen durch rechtsabbiegende Kraftfahrzeuge“. Die Radspur solle künftig links neben den rechtsabbiegenden Autos geführt werden. Damals heißt es: Baubeginn 2013, „nach derzeitigem Arbeitsstand“.

Bis heute wurde noch nicht einmal damit begonnen. Zwar sind auch solche sogenannten Fahrradweichen unter Experten umstritten, weil die Radspuren so die abbiegenden Autos kurz vor der Ampel kreuzen. Klassische Rechtsabbieger-Unfälle können sie aber verhindern.

Bauverzögerung an einer Todeskreuzung

Warum wurde nicht gebaut? Vollrad Kuhn (Grüne), Verkehrsstadtrat von Pankow, gibt sich verärgert über die Verzögerung. Aber ein Umbau einer so stark befahrenen Kreuzung sei komplex, erfordere „umfangreiche signaltechnische Berechnungen an allen Lichtsignalanlagen zwischen Landsberger Allee und Prenzlauer Allee“. Sprich: Man müsste die Ampeln neu schalten. Das zuständige Unternehmen, vom Senat beauftragt, sei aber chronisch überlastet.

Auch die zuständige Senatsverwaltung verweist auf komplexe Absprachen. Im Übrigen sei der Bezirk für den Bau zuständig, die Senatsverwaltung stelle das Geld. Man schiebt die Schuld zurück nach Pankow.

Von dort heißt es: Seit Februar diesen Jahres läge nun endlich die nötige verkehrsbehördliche Anordnung vor. Geplanter Baubeginn sei nächstes Jahr. Aber es fehle noch eine Anordnung. Diesmal eine „verkehrsrechtliche“.

Der Ersthelfer zögert für einen kurzen Moment

Auf Bürokratie und Politiker scheint Marinas tödlicher Unfall keinen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben.

Andrea Bringmann hingegen hat die Bilder noch heute vor Augen. Den Unfall selbst hat die gläubige Buddhistin nicht gesehen. Der Zufall oder sonst etwas will es, dass sie hier mit einem Freund aus New York vorbeiläuft. Bringmann erinnert sich an Menschen, Schreie, Panik. Sie sieht den Fahrer, der neben seinem Lastwagen auf und ab läuft, sagt: „Ich habe sie nicht gesehen.“ Immer wieder.

Bringmann sieht Marina am Boden, murmelt ein Mantra für sie, beobachtet, wie sich ein großer Mann in weißem T-Shirt über die Radfahrerin beugt. Sie denkt: Gut, dass sie nicht alleine ist. Dann wird es schwarz. Sie kippt einfach um.

Vielleicht zwei Minuten vorher läuft Christian H. mit den Kollegen vom Ordnungsamt über die Danziger Straße. „Das war so ein schwüler Tag, da haben alle ein Brett vorm Kopf“, sagt er heute. Und erzählt: Der Feierabend spült den Verkehr durch die Kreuzung. Auch H. bemerkt den Unfall nicht. Erst die Hektik. Er läuft zur Straße, sieht Marina, das viele Blut, klaffende Wunden. Für einen kurzen Moment überlegt er, ob er das kann. Dann geht er zu ihr zu Boden, der große Mann im weißen Shirt.

Ihr Gesicht hat er noch vor sich

Er streichelt über Marina Fassers Wangen. Er selbst könne sich nicht daran erinnern, aber später habe ihm das ein Kollege erzählt: Für einen Moment legt er sich neben Marina auf den Boden. Sie versucht zu sprechen. Er versteht nicht. Ihr Gesicht hat er noch heute vor sich. „Sie war sehr hübsch. Und ganz ruhig und gelassen“, sagt H. Als er aufblickt, sieht er, dass um ihn herum mehrere Passantinnen wie Andrea Bringmann in Ohnmacht fallen.

H. macht Mund-zu-Mund-Beatmung. Irgendwann spürt er keinen Puls mehr. Dann ist da ein Arzt, Herzmassage, Defibrillator. Etwa zehn Minuten nach dem Unfall wird Marina Fasser in den Rettungswagen verladen, reagiert noch. Kanülen, Schläuche, Beckengurt.

Um 18.05 Uhr stirbt sie im Schockraum des Vivantes Klinikums Friedrichshain. Todesursache laut Obduktionsbericht: Verbluten bei offenem Beckentrauma.

„Marina è morta“

Gegen 20.25 Uhr, so steht es im Polizeibericht, klingeln zwei Beamte an der Wohnung von Marina Fasser in der Sredzkistraße. Ihr Freund David öffnet.

Gegen 21 Uhr sieht Alicia Fasser, so erinnert sie sich, vier, fünf verpasste Anrufe von David auf ihrem Handy. Sie ist mit ihrem Freund und ihrer Tochter in Düsseldorf. Alicia ruft zurück, hört Stille, schweres Atmen, dann diesen Satz.

Alicia sagt, manchmal höre sie ihn noch in ihrem Kopf, wie ein Echo. Davids Stimme auf Italienisch, mit diesem leichten französischen Akzent.

Er sagt: „Marina è morta“.

Angst vor dem Alleinsein

Alicia Fasser hat mit ihren Eltern jedes Detail des Unfalls recherchiert. Sie haben mit Christian H. vom Ordnungsamt gesprochen, Marinas Engel, wie Alicia ihn nennt. Sie haben das Unfallgutachten studiert, den medizinischen Bericht mit dem Foto aus dem Krankenwagen gesehen, wo sich Schläuche aus Marinas Mund und Körper wanden und das Leben aus ihren Augen schwand. Sie haben ihre Sanitäterin ausfindig gemacht.

Es ist der Versuch, nachträglich an den letzten Minuten Marinas teilzuhaben, da zu sein. „Die Gewissheit, dass sie am Ende nicht allein war, hat uns sehr geholfen“, sagt Marinas Mutter Gloria.

Sie habe bis heute große Probleme mit dem Alleinsein. Eugenio Fasser sagt: „Eigentlich gibt es keinen Ausweg.“ Was helfe: In Marinas Namen sammeln sie Geld für eine Hilfsorganisation in Syrien, so als sei es Marina selbst, die dort helfe.

Bei Christian H., dem Ersthelfer vom Ordnungsamt, stellte eine Psychologin eine posttraumatische Belastungsstörung fest. Zweifel nagten an ihm: Habe ich genug getan? Könnte sie noch leben? Er, ein Engel? Ganz sicher nicht. Er sagt, er sei aggressiv geworden, auch gegenüber seiner Familie. Ein bisschen Dampf lasse er heute an Falschparkern ab. Wer auch nur kurz auf dem Radstreifen steht, hat sofort ein Knöllchen. „Da kenne ich nichts mehr“, sagt H.

Alicia Fasser hat ihr Trauma mit Gesprächstherapien bekämpft. Wenn sie Zustände beschreibt, die sie durchgemacht hat, dann hat sie immer ein Bild parat. Einen dunklen Schacht etwa, in dem sie über Monate steckte. Oder das Gefühl, alleine auf weiter See zu schwimmen, nichts zum Festhalten in Sicht.

Da war Wut auf den Fahrer, der Wunsch, er möge das Gleiche durchmachen wie sie. Das sei jetzt weg. Sie kann mit großer Inbrunst über ihre Schwester sprechen, wirkt fröhlich. Und dann sagt sie Sätze wie diesen: „Mit den Augen vermesse ich jeden Lkw, den ich sehe – vor allem die Reifen. Und dann stelle ich mir vor, wie ich unter diesen Reifen liege.“

Dem Großstadtverkehr einen Moment der Stille abtrotzen

An Marinas zweitem Todestag haben sich rund 40 Menschen am Unfallort versammelt, Angehörige, Freunde, Radaktivisten. Zwei Tage nach dem Unfall hat der ADFC dort ein weißes Fahrrad aufgestellt. Eine traurige Tradition. Eigentlich stehen die Räder bis zum ersten Todestag, dann kommen sie an neue Unfallorte. Familie Fasser hat darum gebeten, Marinas Geisterrad stehen zu lassen. Bis zum Urteil gegen den Fahrer.

Weiße Flaggen leuchten in der Abendsonne. Alicia steckt Sonnenblumen in die Geisterradspeichen. Auch Christian H. vom Ordnungsamt, Marinas Engel, der keiner sein will, ist gekommen. Er umarmt Alicia, lehnt sich mit roten Wangen an eine Hauswand.

Die anderen haben einen Plan: Sie wollen dem Großstadtverkehr einen Moment der Stille abtrotzen. Viele ringen dabei mit den Tränen.

Alicias Stimme ist fest. Es ist, als spreche sie gegen das Echo in ihrem Kopf an, gegen dieses „Marina è morta“. Auch diesen Kampf kämpfen die Fassers. Die Erinnerung an Marina soll nicht verblassen, ihr Tod nicht sinnlos sein.

„Was Marina passiert ist, hätte jedem von uns passieren können“, spricht Alicia ins Mikrofon. Der Verkehr dröhnt an der Kundgebung vorbei, ein Beifahrer schreit irgendetwas in die Menschentraube. Ein Notarztwagen heult über die Kreuzung. Marina hält inne, dann: „Wir fordern Gerechtigkeit für jene, die mit dem Leben zahlen musste. Und Sicherheit für alle Radfahrer.“

Die Gefahr kann zu 100 Prozent gebannt werden

Später fahren sie im Korso durch die Stadt bis vor das Bundesverkehrsministerium. Dort erinnert ein Radaktivist daran, dass tödliche Rechtsabbieger-Unfälle mit Lkw längst Geschichte sein könnten.

Seit über zehn Jahren fordern Unfallforscher und Verbände die Einführung von Abbiegeassistenten. Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer etwa. Er sagt: „Wenn der Assistent Alarm schlägt und der Fahrer sofort auf die Bremse tritt, dann ist die Gefahr zu 100 Prozent gebannt.“

Erst seit Kurzem gibt die Politik dem Druck nach. In Berlin rüsten landeseigene Unternehmen ihre Lkw mit dem Gerät nach, die Wirtschaftssenatorin hat ein Förderprogramm aufgelegt. So wie seit Anfang des Jahres auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU).

Realistische Schätzungen dazu, wie viele Lkw inzwischen den Abbiegeassistenten haben, gibt es nicht. Aber fast alle Experten sagen: Es sind viel zu wenige. Jetzt soll eine EU-weite Verpflichtung kommen. Aber die wird wohl nicht vor 2024 für neue Fahrzeuge gelten. Für alte auch danach nicht.

Ein Gutachten für die Grünenfraktion im Bundestag empfiehlt eine Reform der Straßenverkehrsordnung (StVo), die Verbotszonen in Städten für Lkw ohne Assistenten ermöglicht.

Jetzt hat das Verkehrsministerium einen Entwurf für eine neue StVo vorgelegt. Durchfahrverbote, wie sie etwa in London geplant sind, sind darin nicht vorgesehen. Sie seien „unverhältnismäßig“, heißt es auf Nachfrage.

Auf klapprigen Rädern zum Prozess gegen den Fahrer

An einem Montagmorgen im Juli steht Familie Fasser vor einem Gründerzeithaus in Friedrichshain. Vater Eugenio und Mutter Gloria sind am Vortag aus Italien angereist. Jetzt steigt sie auf ein altes Hollandrad mit schlechten Bremsen, er auf ein zu kleines Damenrad mit zu wenig Luft im Hinterrad.

Ihr Ziel: Das Amtsgericht Tiergarten. Sie werden heute zum ersten Mal jenen Mann sehen, der Marina überfahren hat. Die Anklage: fahrlässige Tötung. Alicia fährt voraus. Keiner trägt einen Helm. Schon nach wenigen Metern, zwischen Straßenbahnschienen und parkenden Autos, donnert ein Lkw an ihnen vorbei. Eugenio zuckt nach rechts.

Fast eine Stunde später erreichen sie den Gerichtssaal. Danjo F. kauert auf dem Boden, wartet auf Einlass.

Der Wunsch nach Genugtuung

Die Fassers sehen das so: Danjo F. wollte Marina Fasser nicht töten. Aber er hat sie getötet. Da seien keine Rachegedanken, sagt Gloria: „Aber er muss wissen, was er angerichtet hat.“ Eugenio sagt: „Die Schuld muss benannt werden.“ Alicia sagt: „Diese Person darf nicht mehr fahren.“ Sie hofft, dass er den Führerschein verliert. Was Familie Fasser will, nennt sich Genugtuung.

Vor Gericht weicht Danjo F. ihren Blicken aus. Dem Richter sagt er, seine Lehre als Gerüstbauer habe er nie abgeschlossen, in der Firma sei er das „Mädchen für alles“. Sein Chef habe nach dem Unfall seine zwei Lkw mit Abbiegeassistenten nachgerüstet.

Sechs Zeugen werden vor Gericht gehört. Über Stunden, immer und immer wieder, hört Familie Fasser, wie der Lkw ihre Tochter gerammt hat. Sie wirken konzentriert, so als wenden sie alle Kraft auf, die Fassung zu bewahren.

Der Unfallgutachter trägt vor, welche Spuren Marina auf dem Lkw hinterlassen hat: Kaum wahrnehmbare Wischspuren in Schlammspritzern am Unterboden, Kratzer, Gewebefetzen im Profil der Hinterreifen. In der 3D-Simulation des Unfalls, die an die Saalwand projiziert wird, verschwindet die Radfahrerin einfach, sobald sie in Berührung mit dem Lkw kommt.

F. fühlt sich schuldig und will doch den Freispruch

Es ist keine Aufarbeitung von Leid, keine Sühne, die Familie Fasser vor Gericht erlebt. Es ist der Versuch, das Unfassbare in justiziable Fakten zu pressen. Sie sehen einen gebrochenen Mann, Danjo F., der „es tut mir leid“ sagt, den die Schuld zerfrisst – und der dafür kämpft, nicht schuldig gesprochen zu werden.

Er sagt, er habe seinen Lkw ganz an den Bordstein gestellt, keinen Platz rechts gelassen. Der Verteidiger sagt, die Radfahrerin habe sich womöglich „durchgedrängelt“. Spätestens als er das Unfallgutachten auseinander nimmt, scheint alle Kraft aus den Angehörigen gewichen, die Blicke leer. „Können Sie ausschließen, dass die Spuren, sagen wir, von einem Kleintier stammen, das unter die Räder geraten ist?“, fragt der Verteidiger den Gutachter.

Die zwei Jahre nach dem Unfall haben Lücken in die Erinnerungen der Zeugen gerissen. Die Feuerwehr hat beim Reinigen Spuren von der Straße gespült. Der Verteidiger sät Zweifel an der Rekonstruktion. Der Gutachter kann sie nicht entkräften. Auch wenn keine Zeugenaussage in diese Richtung deutet, steht plötzlich eine zweite Version des Unfalls im Raum. Eine, bei der Marina Fasser auf dem Gehweg fuhr.

War am Ende alles anders?

Irgendwann fällt Danjo F. ein, dass er seinen Lkw nochmal bewegt habe, um Platz für einen Rettungswagen zu machen. Nachdem der Fahrtenschreiber entfernt wurde. Jetzt droht das ganze Unfallgutachten zu kippen. War am Ende alles anders?

Verhandlungspause. Nach kurzer Zeit stürmt Alicia aus dem Saal. Man habe ihnen eine Einigung angeboten, eine Abfindung. „Was sollen wir mit Geld?“

Zwei Monate später wird die Verhandlung fortgesetzt. Neue Zeugen und Fakten des Gutachters stützen die Anklage.

Endlich darf die Familie sprechen. Darum sind sie hier. Sie wollen Marina eine Stimme im Prozess geben. Neben Alicia liegt eine braune Ledertasche am Boden. Es ist jene, die ihre Schwester beim Unfall trug.

Der stolze Vater einer toten Tochter

Ein stolzer Vater berichtet das Leben seiner Tochter, Bachelor in Linguistischer Mediation in Turin, Master in Nahost-Studien in London. „Sie war eine junge Frau, immer offen für das Andere, immer am Neuen interessiert.“

Danjo F. gräbt seine Fingerkuppen ins Gesicht.

Er hat das letzte Wort: „Die Höchststrafe habe ich bereits.“ Er habe Marina viel zu verdanken, in seiner Freizeit lehre er jetzt Behinderten das Drachenboot-Fahren, „als Ausgleich.“

Der Verteidiger plädiert auf Freispruch. Der Staatsanwalt auf zwei Jahre Bewährung und drei Monate Fahrverbot.

Wieviel kostet ein Menschenleben?

Der Richter sagt, sein Urteil könne den Verlust der Familie niemals gutmachen. F. zeige Reue, ein Fahrverbot als „Denkzettel“ sei nicht nötig. Er glaubt dem ursprünglichen Gutachten, daran, dass Danjo F. jene zwölf Sekunden Zeit hatte, Marina Fasser im Spiegel zu sehen.

Er wird wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verurteilt, kann in Berufung gehen.

In diesem Moment bricht Alicia in Tränen aus. Es sind keine Tränen der Erleichterung.

Später wird Marinas Mutter fragen: „So wenig ist ein Menschenleben wert?“ Der Vater: „Welches Zeichen setzt das für andere Fahrer, für die Politik?“

Alicia hat sich ein Ende gewünscht. Stattdessen weiß sie jetzt, dass Recht etwas anderes als Gerechtigkeit ist.

Und dass der Satz nie aufhört, wahr zu sein: Marina è morta.