Vorschlag nach Kritik

E-Scooter-Anbieter sollen Beschwerdestellen schaffen

Bisher fallen elektrische Tretroller meist negativ auf. Neue Empfehlungen sollen helfen, sie sinnvoll in den Verkehr zu integrieren.

Verleihroller sollen zunächst nicht mehr an Orten wie dem Brandenburger Tor geparkt werden können.

Verleihroller sollen zunächst nicht mehr an Orten wie dem Brandenburger Tor geparkt werden können.

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin. Radfahrern sind sie zu langsam auf dem Radweg unterwegs, Fußgänger klagen, dass sie wild über die Gehwege brausen, und insbesondere Blinde und Sehbehinderte Menschen beschweren sich, dass sie umgeschmissen schnell für sie zu Stolperfallen werden: Die Rede ist von E-Scootern. Die elektrischen Tretroller sind erst seit rund zweieinhalb Monaten auf Deutschlands Straßen zu sehen, haben in dieser Zeit aber eine beträchtliche Zahl an Gegnern heraufbeschworen. „Bisher scheinen die E-Tretroller oft nur ein hippes Touristenspektakel zu sein, deren Schattenseiten für negative Schlagzeilen sorgen“, sagt Christian Hochfeld, Direktor des Thinktanks Agora Verkehrs­wende.

Sie könnten aber auch zu einem ernstzunehmenden Mobilitätsbaustein in Städten und Gemeinden entwickelt werden, denkt Hochfeld. Damit die elektrischen Tretroller diesem Anspruch bald tatsächlich gerecht werden, haben der Deutsche Städtetag und der Deutsche Städte- und Gemeindebund gemeinsam mit Agora Verkehrswende am Donnerstag Handlungsempfehlungen für alle Kommunen vorgestellt, wie die Gefährte sinnvoll eingesetzt werden und der Wildwuchs reguliert werden kann.

Laut Thinktank-Chef Hochfeld seien die E-Scooter gerade für kürzere Einwegfahrten und in Verbindung mit dem ÖPNV nützlich. Kommunen sollten deshalb versuchen, „die Leihangebote so zu regulieren, dass schwächere Verkehrsteilnehmer nicht beeinträchtigt werden und die E-Tretroller zu einer Facette der Mobilitätswende werden“, sagte Hochfeld. Die Handreichung hebt dabei unter anderem die im Vergleich verschiedener motorisierter Verkehrsmittel gute CO2-Bilanz der E-Scooter hervor.

Zweifel an positivem Effekt für das Klima

Ein durchschnittlicher Benziner könne demnach mit der Energiemenge von einer Kilowattstunde (kWh) eine Strecke von nur rund zwei Kilometern zurücklegen. Mit der gleichen Menge an Energie schafft ein leichter Elektrotretroller diese Kurzstrecke mehr als 40-mal. „Jede auf den Roller verlagerte Pkw-­Fahrt führt also zu erheblichen Energieeinsparungen“, schließt das Papier – jedoch mit einer massiven Einschränkung: Förderlich fürs Klima seien die Scooter nur, wenn sie auch tatsächlich Autofahrten ersetzen würden. Daran gibt es derzeit noch erhebliche Zweifel. Internationale Studien kämen demnach zu dem Schluss, dass die Gefährte bislang vor allem für Wege genutzt würden, die sonst zu Fuß erledigt worden wären. In Großstädten sei jedoch vorstellbar, dass Fahrten mit Carsharing-Wagen oder Taxis künftig mit den Leihtretrollern zurückgelegt werden, heißt es im Papier.

Ob tatsächlich ein signifikanter Anteil an Pkw-Fahrten ersetzt werde, hänge von den „verkehrspolitischen Rahmenbedingungen“ in den Städten ab, schreiben die Autoren. „Nur wenn das private Auto in den Städten seine wahren Kosten zu tragen hat, werden neue Mobilitätsdienstleistungen wie Elektroleihroller eine Chance haben, positive Wirkungen entfalten zu können“, sagte Hochfeld.

Die Kommunen sollten zudem gemeinsame Tarife für den ÖPNV und die Nutzung von E-Scootern anbieten, um für Nutzer so die Vorteile beider Systeme verbinden zu können, schlägt das Papier vor. Dazu sollten feste Stationen für elektronische Tretroller in Nähe von U- oder S-Bahnstationen errichtet werden. Am besten dort, wo der ÖPNV nicht gut ausgebaut ist. Ähnliches verfolgen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) bereits mit ihrem Mobilitäts-Hub Jelbi – wenn auch bisher nur an zwei Stellen in der Innenstadt, am S-Bahnhof Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg und an der Kreuzberger Prinzenstraße. Stationen außerhalb des S-Bahnrings sollen jedoch bald folgen, heißt es von der BVG.

Von Dassel bittet Bürger um Vorschläge für Abstellflächen

Wenn E-Scooter ihr mehr als schlechtes Image verlieren sollen, bedarf es jedoch ordnender Maßnahmen, schreiben die Kommunalverbände und der Thinktank. Städte sollten feste Abstellplätze für Tretroller festlegen. Genauso wie Orte, wo die Gefährte nicht mehr fahren dürfen und automatisch gedrosselt werden.

Um wild herumliegende oder beschädigte Roller melden zu können, schlagen die Verbände und die Verkehrswende-Institut vor, dass die Anbieter online sowie auf den E-Scootern direkt Kontaktmöglichkeiten anbieten, unter denen die internationalen Firmen schnell und auf Deutsch telefonisch zu erreichen sind. Berlin hatte sich mit den in der Hauptstadt tätigen E-Scooter-Anbietern bereits vor rund drei Wochen darauf verständigt, dass E-Tretroller künftig nicht mehr am Brandenburger Tor und am Holocaust-Mahnmal in Mitte abgestellt werden dürfen. Die Senatsverkehrsverwaltung und der Bezirk Mitte wollen stattdessen unter anderem bisherige Pkw-Parkplätze zu Abstellflächen für E-Scooter und Leihräder umwidmen.

Wie zusätzliche Parkflächen für die Tretroller gefunden werden sollen, hat am Donnerstag Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) mitgeteilt. „Ein erster Ansatz ist die Ausweitung der Stellflächen für Elek­trofahrzeuge zu Mobility-Hubs, an der auch Roller und Fahrräder abgestellt werden können“, erklärte er. Von Dassel for­derte auch alle Bürger auf, Flächen zu nennen, an denen solche Hubs eingerichtet werden könnten. Vorschläge mit Foto und genauer Adresse bittet der Grüne per E-Mail an Bezirksbuergermeister@ba- mitte.berlin.de zu senden