Qualitätsprogramm

Tausend neue Türen für die Berliner S-Bahn

Mit 200 Maßnahmen kämpft die S-Bahn gegen Verspätungen. Nun helfen Teile aus dem 3D-Drucker – und dass der Zugschlüssel stecken bleibt.

Erstmals seit langem schaffte es die Berliner S-Bahn in den vergangenen Monaten fast durchgängig, das mit dem Senat vertraglich vereinbarte Pünktlichkeitsziel von mindestens 96 Prozent zu erreichen.

Erstmals seit langem schaffte es die Berliner S-Bahn in den vergangenen Monaten fast durchgängig, das mit dem Senat vertraglich vereinbarte Pünktlichkeitsziel von mindestens 96 Prozent zu erreichen.

Foto: Reto Klar

Berliner S-Bahn-Fahrgäste haben in diesem Jahr seltener Grund zum Ärgern. Die Züge der S-Bahn Berlin kommen wieder seltener mit Verspätungen als in den vergangenen Jahren. Bis Ende August erreichte das Unternehmen 2019 im Gesamtnetz eine Pünktlichkeitsrate von 96,26 Prozent – ein so hoher Wert wie nie in der jüngeren Vergangenheit.

Erstmals seit langem schaffte es die S-Bahn in den vergangenen Monaten fast durchgängig, das mit dem Senat vertraglich vereinbarte Pünktlichkeitsziel von mindestens 96 Prozent zu erreichen. In den beiden zurückliegenden Jahren riss der Betreiber diese Marke teils deutlich. Noch im zweiten Halbjahr 2017 kamen nur 93,6 Prozent der Bahnen rechtzeitig an – jedoch muss hier wie bei allen Werten berücksichtigt werden, dass ein Zug schon als pünktlich gilt, wenn er weniger als vier Minuten zu spät in den Bahnhof einfährt.

Berliner S-Bahn ist pünktlicher und zuverlässiger geworden

Nicht nur bei der Pünktlichkeit sieht die Lage besser aus als zuletzt, auch zuverlässiger sind die Wagen geworden. Bis Mitte August dieses Jahres ist die Summe der ausgefallenen Zugkilometer um ein Drittel niedriger als noch 2018. Die Fahrzeugstörungen gingen im selben Zeitraum um fast ein Viertel zurück. Auch Anzeigen hatten 12 Prozent seltener Probleme. Die Freude war Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für Berlin, bei der Präsentation der Zahlen im S-Bahnwerk Friedrichsfelde anzusehen. „Wir haben versprochen, und wir haben auch geliefert“, sagte er.

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Die Ergebnisse zeigten, dass die getroffenen Maßnahmen wirkten. Kaczmarek spielte damit auf das im Sommer 2018 gestartete Qualitätsprogramm „S-Bahn Plus“ an. Seither haben Teams der einzelnen Konzerngesellschaften die Betriebsabläufe unter die Lupe genommen und geschaut, wo es im Schienennetz, an den Bahnhöfen, dem Stromsystem und den Zügen selbst hakt. Herausgekommen ist ein Maßnahmenkatalog von mehr als 200 Punkten, den der Konzern seitdem abarbeitet.

Dazu zählen verschiedenste Maßnahmen. Unter anderem: mehr Personal. Über die schon 2016 gestartete Ausbildungsoffensive hätten mittlerweile 373 Lehrlinge die Eignung zum Triebwagenführer erreicht. Ziel sei, in jedem Jahr 100 neue Lokführer auszubilden, erklärte Dominik Schäfer, Leiter für Querschnittsfunktionen bei der Berliner S-Bahn. Der Abgang von 60 bis 80 Kollegen könne damit überkompensiert werden. In diesem Jahr hatten bisher 59 Mitarbeiter ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. „Wir sind auf einem guten Weg, aber ausruhen können wir uns nicht“, sagte Schäfer.

Die Basis für einen funktionierenden Betrieb seien ausreichendes Personal und genügend Züge, sagte S-Bahn-Geschäftsführer Peter Buchner. Das gelte auch in den S-Bahnwerken. Dort sei es nötig, auch bei unvorhergesehenen Ereignissen eine Reserve und zusätzliche Kapazitäten zu haben. „Im Prinzip können die drei großen Standorte alles machen und sich gegenseitig ersetzen.“

So wie beim großen Stromausfall in Köpenick Ende Februar, der das Werk in Grünau für zwei Tage komplett abgestellt hatte. Mitarbeiter und Ersatzteile hätten noch schnell in die anderen Hauptwerke in Erkner und Wannsee gebracht werden können, um dort zu arbeiten. Massive Betreibstörungen seien deshalb ausgeblieben.

Exotische Ersatzteile werden im 3D-Drucker selbst gebaut

Bei den teils 30 Jahre alten Zügen setzt die Bahn jedoch auch auf häufigere Kontrollen – mit einem neuen Fokus: Seit September 2018 legt ein Werktstattmeister „Krankenakten“ über besonders störanfällige Züge an. Diese werden dann in den Werkstätten gleich einem kompletten Check-up unterzogen, um nicht beim nächsten kleinen Problem wieder aus dem Betrieb gezogen werden zu müssen. Zudem hat die S-Bahn 1000 der sehr problemanfälligen Türrelais vorsorglich ausgetauscht. Auch dadurch sei schon 2018 die Zahl der Türstörungen um 15 Prozent gesunken. „Selbst aus diesen alten Möhren ist noch was herauszuholen“, sagte Kaczmarek zu den Resultaten.

Doch Berlins S-Bahnzüge sind nicht nur alt, sie sind auch sehr speziell und selten. „Wir haben ganz viele Exotenkomponenten in unseren Waggons“, erklärte S-Bahn-Chef Buchner. Um bei den speziellen Berliner S-Bahnen stets an Ersatzteile zu kommen, setzt die Bahn daher mittlerweile auf Marke Eigenbau. Hebel oder Funkrahmen, stellt das Unternehmen mittlerweile im 3D-Drucker selber her. Auch bei der Neuentwicklung von Teilen setzt die S-Bahn auf diese Methode. „Wir haben deshalb heute eine höhere Fahrzeugverfügbarkeit“, sagte Buchner.

S-Bahn-Fahrer lassen Schlüssel beim Schichtwechsel stecken

In einigen Fällen sind die Maßnahmen ungleich profaner – und erzielen dennoch durchschlagende Wirkung. Zur Reinigung müssen die Sitzpolster heute nicht mehr ausgebaut und in die Waschmaschine gesteckt werden. Ein neuer Dampfreiniger macht sie sauber und zugleich sofort wieder trocken. Die Züge können so viel schneller wieder in den Betrieb.

Noch simpler ist ein anderer Punkt: Früher zogen die Fahrer beim Schichtwechsel den Schlüssel. Dadurch kam es oft zu Problemen, entweder weil der nächste Fahrer seinen Schlüssel nicht parat hatte, oder weil der Zug beim Neustart zickte. Heute bleibt der Schlüssel stecken. Ergebnis: Die Zahl der diesbezüglichen Störungen ist um 30 Prozent gesunken.