Ein Polizist berichtet

Rigaer Straße: „Am Ende geht es hier um Leib und Leben“

Philipp Jänicke führt eine Polizeihundertschaft. Die kommt immer dann zum Einsatz, wenn es gefährlich wird - wie an der Rigaer Straße.

Polizisten einer Einsatzhundertschaft treffen auf linksradikale Demonstranten.

Polizisten einer Einsatzhundertschaft treffen auf linksradikale Demonstranten.

Foto: Imago

Klack, klack, klack, klack. Das Aufprallen von Farbbeuteln auf seinem Funkwagen ist ein vertrautes Geräusch für Philipp Jänicke. Er ist Gruppenführer einer Polizeihundertschaft. Die kommt immer dann zum Einsatz, wenn es für die Kollegen vom Abschnitt zu gefährlich wird: Islamismus, Organisierte Kriminalität, Rockerbanden, Rigaer Straße.

„Kopfsteinpflaster ist auch ein Klassiker. Manchmal fliegen Gehwegplatten von den Dächern. Wir hatten auch schon Kühlschränke.“

Seit zehn Jahren fährt Jänicke zu Einsätzen rund um linksextremistische Szene im Friedrichshainer Nordkiez. Er ist Mitglied der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Und will offen sprechen. Seine Bedingung: falscher Name, keine Fotos.

„Wenn wir im Gruppenwagen an der Rigaer 94 vorbeifahren, müssen wir mit Krähenfüßen auf der Straße rechnen. Die Fenster sind immer oben, die hintere Tür verriegelt, damit keiner was Brennbares reinschmeißen kann. Wenn wir raus müssen, bieten wir eine offene Angriffsfläche. Darum haben wir auch im Wagen die Helme auf.“

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Jänicke ist 32, hat zwei Kinder und kommt hörbar aus Berlin. Wenn er von der linken Szene spricht, sagt er „linke Zene“. Wie oft er in die Rigaer gerufen wird? Einmal die Woche. Letztens erst, typischer Abend.

„Das war eine Streifenfahrt der Polizei. Die Kollegen vom Abschnitt fahren da nicht alleine durch. Dann prasseln die Farbbeutel aufs Dach, auf die Fensterscheiben. Klingt wie Wasserbomben. Wir fahren raus Richtung Frankfurter Allee, schauen uns das Auto an und stellen fest, dass wir andere Farben haben als vorher.

Oder es gibt Fake-Anrufe: Schlägerei in der Rigaer Ecke Samariterstraße. In der Regel haben wir keine Feststellung. Aber die linke Szene hat ihre Späher. Um frühzeitig zu sehen, wie viel Polizei kommt, wie viele Wannen in der Nähe sind. Um vielleicht erstmal abzuchecken, was am Abend so möglich ist.

Oder die Straße wird blockiert, mit brennenden Barrikaden. So, dass die Feuerwehr rein muss. Dann kommen wir dazu, zum Schutz der Feuerwehr. Steine fliegen, Feuerwehr zieht sich zurück. Und so entsteht eine Nacht.“

Jänicke rattert die Einsätzabläufe herunter. Mit der Zeit stumpfe man ab. Genervt sei das falsche Wort, es sei ja seine Arbeit. Aber besonders motiviert fahre keiner der Kollegen in die Rigaer Straße.

„Stellen Sie sich vor, wir hätten so ein Objekt im rechten Spektrum. Da würden ganz andere Maßnahmen gefahren. Schauen Sie, was bei organisierter Kriminalität gemacht wird, in Neukölln, die Kontrollen in den Shisha-Bars. Da wird Druck ausgeübt. Bei der linken Szene nicht. Und wenn, dann nur oberflächlich, indem wir jeden kontrollieren, der die Straße entlang läuft. Was soll das bringen? Außer Wut auf uns?“

Die Vergleiche hinken, das gibt Jänicke selbst zu. Bei Einsätzen gegen kriminelle Großfamilien, gegen Islamisten sei er angespannter. „Ich glaube nicht, dass mir in der Rigaer Straße jemand das Leben nehmen möchte“, sagt er.

„Es geht denen ja vor allem darum, Bilder zu produzieren. Beispiel: Ein Anwohner ruft nachts die Polizei, weil es laut ist auf dem Dorfplatz. Da müssen wir etwas machen. Dann schieben die einen Rollstuhlfahrer auf die Straße, blockieren uns. Wir sprechen ihn an. Der freut sich, ist nett, bleibt aber stehen. Das kann keine schönen Bilder geben. Wir schieben ihn runter, die schieben zurück, wir auch. Dass sind Situationen, die provoziert werden, die wir aber selber nicht haben wollen.“

„Mir selber ist in der Auseinandersetzung mit Linksextremisten nie etwas passiert. Ein Pflasterstein im Schritt. Schmerzhaft. Berufsrisiko. Aber klar: Erstmal hat man als Polizist einen klaren Instinkt: Wenn ich attackiert werde, will ich den Steinewerfer fassen. Dann gibt es zwei Optionen. Angriff oder Rückzug. Meistens ist der Rückzug die klügere Entscheidung.“

Im Jahr 2016 standen die Zeichen bei der Polizei auf Angriff. Zumindest war das der Eindruck, der unter dem Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) erweckt werden sollte. Jänicke erinnert sich an die Einsatzbesprechung, nachdem im Januar ein Polizeibeamter angegriffen wurde: „Irgendwas müssen wir ja machen“, habe es von der Polizeiführung geheißen. 300 Polizisten in der Umgebung 200 gehen ins Haus, Jänicke ist in der ersten Reihe hinter dem SEK.

„Die erste Tür ging schnell auf. Dann stehen wir im Hof, der Hubschrauber leuchtet aus. Dann stehen wir vor dieser 300 Kilo schweren Tür. Die musste aufgesägt werden, das dauert bestimmt eine Viertelstunde. Oben stehen Vermummte. Die Kreissäge läuft. Ab und zu brüllt jemand was runter. Ein Molli und es gibt Schwerverletzte. Es schwappen immer mehr Kollegen nach. Ein Zurück gibt es nicht. Als wir endlich drin sind, sitzen die Leute oben am Küchentisch, beugen sich den Maßnahmen. Die Szene war nicht vorbereitet. Bei Räumungen ist das anders. In der Liebigstraße war das Treppenhaus angesägt, brennbare Flüssigkeiten auf dem Boden, eine volle Badewanne unter Strom.“

Gebracht hat das alles nichts – auch aus Sicht von Jänicke nicht. Klar, man habe reagieren müssen. Aber: „Henkel hat uns damals für seinen Wahlkampf missbraucht“, sagt Jänicke. Es fehle ein nachhaltiger Plan – auch heute noch. Wie der aussähe?

„Entweder wir lassen es oder wir unternehmen nachhaltig etwas. Sobald Straftaten aus dem Haus begangen werden, Steine auf Kollegen fliegen, dann muss ein Hubschrauber her, wir müssen die Leute von den Dächern holen, Personalien aufnehmen, DNA sammeln, die Beweisketten schließen. Das klingt vielleicht übertrieben, aber hier geht es um Leib und Leben. Wir fahren ja nicht immer in Sonderausrüstung durch Friedrichshain-Kreuzberg. Bis jetzt ist immer alles gut gegangen. Aber wenn so ein Pflasterschein eine Oberschenkelarterie trifft, dann verblutet mir der Kollege innerlich vor Ort.“

„Je länger man dabei ist, desto klarer wird einem, wie entscheidend Politik ist, von wie vielen Faktoren man doch abhängig ist. Die politische Lage, die Interessen des Innensenators, welche Parteien noch so mitregieren.“