Neue Attraktion

Virtuelle Zeitreise in das geteilte Berlin

Mauer, Grenzübergang, Palast der Republik: Nahe dem Checkpoint Charlie nimmt eine neue Attraktion Touristen mit in die 80er-Jahre.

Virtuelle Busfahrt bis zum Palast der Republik: Etwa 15 Minuten dauert die Tour, die am damaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie beginnt.

Virtuelle Busfahrt bis zum Palast der Republik: Etwa 15 Minuten dauert die Tour, die am damaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie beginnt.

Foto: TimeRide

Berlin. Am Ende der virtuellen Tour in das Ost-Berlin der 80er-Jahre nehmen es die Gestalter der 3D-Landschaft nicht mehr allzu genau mit der historischen Authentizität: Auf dem Parkplatz vor dem Palast der Republik steht doch tatsächlich ein Bus mit der Aufschrift „VEB Zeitreisen“.

Einige Besucher, die an diesem Morgen die neue virtuelle Zeitreise in Berlin unternehmen, können sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Erstmals können Besucher an diesem Sonnabend Platz nehmen

„TimeRide“ – so heißt die Touristenattraktion nahe dem Checkpoint Charlie, die Passagiere mit auf eine virtuelle Busfahrt in das Berlin der 80er-Jahre nimmt.

Mit der Virtual-Reality-Brille auf dem Kopf geht es vom Checkpoint Charlie aus in das damalige Ost-Berlin. Erstmals können Besucher am Sonnabend Platz nehmen. Der Eintritt für einen Erwachsenen kostet 14,50 Euro.

Geboten bekommen Gäste dafür aber nicht nur die virtuelle Busfahrt: Los geht es direkt am heutigen Checkpoint Charlie. Begleitet von einem Guide der Attraktion erleben die Gäste – ebenfalls mithilfe einer Virtual-Reality-Brille –, wie sich der berühmteste Grenzübergang der deutsch-deutschen Geschichte im Laufe der Zeit verändert hat.

Anschließend können sie im „Time­Ride“-Gebäude einen Blick durch die Mauer wagen. Auf Bildschirmen werden Einblicke in das Alltagsleben der Berliner in Ost und West gezeigt. Danach nehmen drei Zeitzeugen die „TimeRide“- Besucher in Empfang.

Drei virtuelle Protagonisten spielen Reiseführer

Die drei fiktiven Protagonisten, die den Besuchern zunächst auf einer Kino­leinwand gezeigt werden, verdeutlichen auch, wie viele unterschiedliche Schicksale es im geteilten Berlin gab.

Da ist Harry Liedecke, der aufmüpfige Fliesenleger aus Ost-Berlin. Immerhin habe er durch seine Arbeit Dinge zum Tauschen gehabt, berlinert er. Später erzählt er, wie er vor einem der Grenzübergänge protestiert habe. „Und dann haben sie irgendwann tatsächlich aufgemacht“, sagt Liedecke.

Elke Makowski lernte als Erwachsene die „Schattenseiten“ des Systems kennen

Auch Elke Makowski begrüßt die Besucher. 1961 geboren, durfte die Ost-Berlinerin zunächst Architektur studieren. „Meine Eltern waren linientreu“, berichtet sie. Dann habe Makowski aber auch die „Schattenseiten“ des Systems kennengelernt.

Die DDR habe ihren Mann „auf dem Kieker“ gehabt. „Spätestens da habe ich erkannt, dass sich etwas ändern muss“, sagt die Frau auf der Leinwand.

Ein West-Berliner ging im Osten auf die Straße – aus Liebe

Auch ein West-Berliner kommt zu Wort: Michael Hartmann, Fotograf und Kurator, stammt eigentlich aus Recklinghausen. Im West-Teil der Stadt besetzte er Wohnungen und schlug sich mit der Polizei. „Wir haben alles bis zum Exzess getrieben“, verrät er.

Als er im Osten seine große Liebe – Julia – kennenlernt, geht er in der DDR auf die Straße. „Ich zeige Ihnen das geteilte Berlin aus der Sicht eines unangepassten Grenzgängers“, sagt Hartmann.

Die drei Protagonisten fungieren gewissermaßen als persönlicher Reiseführer während der virtuellen Bustour. Die Geschichten, eingesprochen und dargestellt von Schauspielern, seien nach zahlreichen Gesprächen mit echten Zeit­zeugen konstruiert worden, sagt „TimeRide“-Standortleiterin Cordula Torner.

Während bei dem Ausflug mit der Vir­tual-Reality-Brille über unterschiedliche Erlebnisse berichtet wird, sind die ausgespielten Bilder bei jedem Gast gleich.

Vom mürrischen Grenzer bis zu „Erichs Lampenladen“ ist alles dabei

Die Tour beginnt am Checkpoint Charlie: Ein mürrischer DDR-Grenzer will die Papiere sehen. Dann geht es über den ruckeligen Asphalt im Wettrennen mit Trabis zum Gendarmenmarkt.

Später biegt der Bus auf die Leipziger Straße ein, fährt vorbei am „Ahornblatt“, der längst abgerissenen sozialistischen Gaststätte an der Fischerinsel, bis hin zu „Erichs Lampenladen“ – dem ehemaligen Palast der Republik.

Geschichtswissen wird auf emotionale Weise vermittelt

Zeitreisen seien für ihn schon ein Kindheitstraum gewesen, sagte Gründer und Geschäftsführer Jonas Rothe (32) am Donnerstag. Mithilfe moderner Virtual-Reality-Technik komme er diesem Traum ein ganzes Stück näher. Ziel sei es, geschichtliches Wissen auf emotio­nale Art und Weise zu vermitteln.

Berlin ist nach Köln und Dresden der dritte „Time­Ride“-Standort. Im ersten Jahr in der Hauptstadt erwartet er rund 250.000 Besucher. Berlin, sagte Rothe im Gespräch mit der Morgenpost, habe aber durchaus Potenzial für einen zweiten „TimeRide“. Vorstellbar sei zum Beispiel auch ein virtueller Ausflug in das Berlin der goldenen 20er-Jahre.

Hinter „TimeRide“ steht auch eine Berliner Firma: Der Entertainment-Konzern Deag hält eine Minderheitsbeteiligung. Die Eröffnung der Attraktion am Sonnabend sei ein besonderer Tag für ihn, erklärte Deag-Chef Peter Schwen­kow.

„Ich bin 1976 in die geteilte Stadt gezogen und habe mit André Hellers Feuertheater 1984 und den Konzerten vor dem Reichstag mit David Bowie, Michael Jackson, Pink Floyd, Genesis und anderen immer und immer wieder auf die Mauer als Schandfleck der Deutschen Geschichte aufmerksam gemacht“, sagte Schwenkow.

Einer ganzen Generation nun, 30 Jahre nach dem Fall der Mauer, mit neuester Technologie und atemberaubender Virtual Reality dieses Kapitel Berlins hautnah und eindringlich zeigen zu können, erfülle ihn mit Stolz und Demut, so der Konzertveranstalter.