Raser-Prozess

13 rote Ampeln überfahren, Polizist verletzt: Bewährung

Ein 31-Jähriger entzog sich einer Polizeikontrolle, überfuhr mehrere rote Ampeln und verletzte einen Polizisten. Das Urteil: Bewährung.

Omar A. raste im November durch die Stadt. Nun wurde er verurteilt.

Omar A. raste im November durch die Stadt. Nun wurde er verurteilt.

Foto: Olaf Wagner

Berlin. Bei seiner waghalsigen Flucht vor der Polizei im November vergangenen Jahres verletzte Omar A. einen Beamten schwer, demolierte einen Streifenwagen, raste mit Höchstgeschwindigkeit teilweise durch enge Nebenstraßen, überfuhr 13 rote Ampeln und löste ganz nebenbei noch einen mittelgroßen Polizeieinsatz aus. Am Donnerstag musste sich der 31-Jährige deswegen vor dem Amtsgericht Tiergarten verantworten. Dort kam er mit einer vergleichsweise milden Strafe davon. Zwei Jahre auf Bewährung und darüber hinaus ein Jahr Führerscheinentzug lautete das Urteil des Schöffengerichts.

Zu seinen Gunsten wertete das Gericht unter anderem sein Geständnis. Das legte Omar A. zwar erst ab, nachdem zuvor vier Polizisten das damalige Geschehen schlüssig und glaubhaft beschrieben hatten und es nicht mehr viel zu bestreiten gab. Berücksichtigt wurde es beim Urteil dennoch. Strafmildernd wertete das Gericht zudem, dass der 31-Jährige während seiner Amokfahrt unter dem Einfluss von Kokain und Medikamenten stand.

Tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte, gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, gefährliche Körperverletzung und Sachbeschädigung, diese Vorwürfe enthielt die Anklage der Staatsanwaltschaft. Die offiziellen Bezeichnungen von Straftaten geben oft nur unzulänglich das ganze Ausmaß des Geschehens wieder, um das es geht. Wesentlich eindringlicher sind häufig die Schilderungen der Zeugen, dass war auch in diesem Fall nicht anders.

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Angeklagter gab bei Kontrolle plötzlich Gas und verletzte Polizisten

In der Nacht vom 29. auf den 30. November 2018 waren die Beamten B. (39) und H. (32) im Funkstreifenwagen unterwegs, als ihnen im Soldiner Kiez ein BMW verdächtig vorkam. Die Abfrage bei der Leitstelle bestätigte den Verdacht: Das Fahrzeug war zur Fahndung ausgeschrieben. Es soll an mehreren illegalen Autorennen beteiligt gewesen sein, der Fahrer hatte sich offenbar schon häufiger Polizeikontrollen entzogen. Die beiden Beamten forderten ein weiteres Fahrzeug zur Verstärkung an. Gegen 1.25 Uhr ergab sich vor einer roten Ampel auf der Osloer Straße die Gelegenheit zum Zugriff.

Ein Einsatzfahrzeug setzte sich vor den BMW, der zweite postierte sich seitlich dahinter. Daraufhin gab Omar A. Gas, rammte das vordere Fahrzeug, überfuhr den Mittelstreifen mitsamt eines kleines Zauns und raste davon. Bei dem Aufprall wurde der Polizist B. schwer verletzt. Noch heute leidet er unter den Folgen des attestierten Schleudertraumas. Ihn plagen Dauerschmerzen, seine Bewegungsfähigkeit ist eingeschränkt. Unter anderem kann er den Kopf kaum nach links drehen. Ob und wann es besser wird, ist unklar.

Die Besatzung des zweiten Einsatzfahrzeugs nahm sofort die Verfolgung auf. Es ging durch Gesundbrunnen Richtung Pankow und dann durch den Wedding wieder zurück. „Ich bin schon lange Polizist, habe viel erlebt, aber so etwas wie in der Nacht noch nie“, beschrieb der Polizist M. (36), Fahrer des zweiten Fahrzeugs, seine Eindrücke. Ohne Sinn und Verstand sei der Flüchtige unterwegs gewesen, habe nicht nur 13 rote Ampeln überfahren, sondern es auf Geschwindigkeiten von mehr als 100 Stundenkilometern („Teilweise näher an 150“) gebracht. „Dem war offenbar alles sch….egal“, sagte M. und bekannte, er habe mehrfach daran gedacht, die Verfolgung abzubrechen, zu gefährlich für Beteiligte und unbeteiligte Dritte sei die wilde Jagd gewesen.

Verfolgungsjagd durch Wedding und Gesundbrunnen, Flucht über Autobahn und S-Bahngleise

Nach etwa zehnminütiger Verfolgungsjagd durch Wedding und Gesundbrunnen fuhr A. an der Seestraße auf die Stadtautobahn. Inzwischen hatten mehrere Einsatzfahrzeuge die Verfolgung aufgenommen, ein Hubschrauber war angefordert. In Höhe des S-Bahnhofes Bundesplatz in Wilmersdorf hatte die Polizei inzwischen eine Sperre errichtet, hier endete die Fahrt für Omar A. Er sprang aus dem Wagen und flüchtete zu Fuß weiter, gefolgt vom Beamten W. und weiteren Einsatzkräften.

Es ging über die Begrenzungsmauer der Stadtautobahn, über die Gleise der parallel verlaufenden S-Bahn und einen Abhang hinunter. Nachdem A. noch einen Zaun überwunden hatte, versteckte er sich unter einem auf einer Seitenstraße abgestellten Anhänger. Dort entdeckten ihn die Beamten und nahmen ihn fest. Bei der Verfolgung verlor M. sein Reizstoffsprühgerät („Wahrscheinlich liegt es immer noch da“), und einem weiteren Beamten riss das Holster, er vermisste plötzlich seine Schusswaffe. Die konnte erst nach intensiver Suche gefunden werden.

Omar A. (seine Staatsangehörigkeit lautet „Ungeklärt“) wohnt mit Lebensgefährtin und zwei kleinen Kindern in Moabit, ohne Ausbildung und Arbeit. Das Jobcenter habe ihm jetzt eine Fortbildungsmaßnahme vermittelt, mit der er in der Security-Branche arbeiten könne, einen Job habe er bereits in Aussicht und Drogen nehme er auch nicht mehr, teilte der 31-Jährige dem Gericht mir.