Betriebspanel

Berliner Unternehmen finden immer weniger Fachkräfte

Unternehmen in Berlin können offene Stellen kaum noch besetzen. Der Anteil der befristeten Arbeitsverträge nimmt weiter zu.

13 Prozent aller Beschäftigten in Berlin sind befristet angestellt, deutlich mehr als im Bundesschnitt.

13 Prozent aller Beschäftigten in Berlin sind befristet angestellt, deutlich mehr als im Bundesschnitt.

Foto: Jan-Philipp Strobel / dpa

Berlin. Unternehmen in der deutschen Hauptstadt fällt es zunehmend schwer, offenen Stellen zu besetzen. Das geht aus dem repräsentativen Betriebspanel 2018 vor, das am Montag von Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) vorgestellt wurde. Demnach ist der Fachkräftebedarf der Firmen in Berlin zwischen 2017 und 2018 um mehr als 20 Prozent auf 185.000 Stellen angestiegen. Gleichzeitig blieben jedoch auch mehr Arbeitsplätze vakant. Die Zahl der unbesetzten Fachkräftestellen wuchs von 55.000 auf 70.000.

„Der Berliner Arbeitsmarkt entwickelt sich immer mehr in Richtung Fachkräfte-Arbeitsmarkt und die Probleme bei der Besetzung offener Stellen wachsen. Darauf müssen die Betriebe reagieren und endlich mehr ausbilden. Nur mit eigenem Fachkräftenachwuchs können sie im Wettbewerb bestehen“, sagte Breitenbach. Die Arbeitssenatorin kritisierte das aus ihrer Sicht nachlassende Ausbildungsengagement der Berliner Unternehmen. Laut der Studie, die vom Institut für sozialökonomische Strukturanalysen Berlin (Söstra) erstellt worden ist, bildeten im Jahr 2018 nur noch 20 Prozent der Betriebe in der deutschen Hauptstadt selbst aus. Das sei ein Rückgang um zwei Prozent im Vergleich zur Vorjahreserhebung. Die Wirtschaft hielt am Montag dagegen.

Wirtschaftsverbände weisen Kritik ans Ausbildungsengagement der Unternehmen zurück

Die Kritik am Engagement der Berliner Wirtschaft für die Duale Berufsausbildung entbehre jeder Grundlage, entgegnete die Präsidentin der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK), Beatrice Kramm. „Das Angebot an betrieblichen Ausbildungsstellen hat sich seit 2009 um 60 Prozent erhöht und die Anzahl der unbesetzten Ausbildungsplätze ist seitdem von Jahr zu Jahr gestiegen. Im letzten Jahr blieben 1.700 Stellen unbesetzt“, sagte Kramm. Auch Ende Juli diesen Jahres, also nur wenige Wochen vor dem Start in das neue Ausbildungsjahr, waren nach IHK-Angaben noch rund 6900 Ausbildungsplätze in Berlin unbesetzt. „Wir haben also keine Lehrstellenlücke sondern eine Azubi-Lücke“, erklärte Kramm.

Auch die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) wiesen die Kritik der Arbeitssenatorin zurück. „Nirgends in der Bundesrepublik entstehen seit Jahren so viele Arbeitsplätze, nirgends steigen die Löhne so schnell wie in der Hauptstadt. Diese Leistung der Betriebe gilt es stärker zu würdigen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Christian Amsinck. Die Besetzungsprobleme der Unternehmen nähmen aber auch zu, da die Anforderungen an Fachkräfte steigen würden. Darauf müsse sich die Bildungspolitik in Berlin dringend einstellen, forderte er. „Viel zu viele Jungen und Mädchen verlassen die Schule ohne die nötigen Qualifikationen oder gar ohne Abschluss. Von dieser Verantwortung kann sich die Politik nicht freimachen“, sagte Amsinck. Auch die Fraktion der FDP im Berliner Abgeordnetenhaus forderte am Montag, die „Bildungssituation in Berlin mit Tempo zu verbessern“. „Ein Anteil von elf Prozent Schulabgängern ohne Abschluss ist völlig inakzeptabel“, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP, Florian Swyter.

13 Prozent der Berliner Arbeitnehmer sind befristet beschäftigt

Mit Blick auf den Fachkräftemangel nannte es Breitenbach zudem „bedenklich“, dass in Berlin die Zahl der befristeten Arbeitsverhältnisse weiter zugenommen haben. Auf einer befristeten Stelle arbeiten laut Betriebspanel 13 Prozent aller Beschäftigten in Berlin. Bundesweit liegt der Anteil hingegen nur bei acht Prozent. Sachliche Gründe, wie zum Beispiel eine Elternzeitvertretung liegen demnach nur 49 Prozent der Befristungen vor. Der überwiegende Teil war ohne Sachgrund befristet. 2012 lag der Anteil sachgrundloser Befristungen in Berlin noch bei nur 43 Prozent. Breitenbach sagte, die Bundesregierung sei am Zug, die sachgrundlose Befristung zu beenden.

Söstra hatte die Firmen in der Hauptstadt auch nach den Motiven gefragt, Mitarbeiter zunächst befristet einzustellen. 35 Prozent der Firmen nannte die Befristung eine gute Möglichkeit, die Eignung der Mitarbeiter auch nach der Probezeit beurteilen zu können. Auch nach dem Verbleib der befristen Arbeitskräfte wurde gefragt: 44 Prozent der zeitlich begrenz angestellten Arbeitnehmer wurden danach unbefristet übernommen. 32 Prozent wurde allerdings auch erneut befristet angestellt, 25 Prozent mussten das jeweilige Unternehmen verlassen.

Breitenbach warnt vor Gefahren von Home Office

In Berlin hat zudem die Tarifbindung von Unternehmen weiter nachgelassen. Nur noch 18 Prozent der Firmen sind laut Betriebspanel tarifvertraglich gebunden, neun Prozent weniger als im Bundesschnitt. Demnach waren 2018 nur noch 46 Prozent der Berliner Beschäftigten von einem Tarifvertrag umfasst. Zu wenige, findet Senatorin Breitenbach. Eine Erklärung dafür sein, dass es in Berlin weniger produzierendes Gewerbe und weniger Industrie gebe, sagte Söstra-Forscher Marek Frei. In den Branchen sei aber die Tarifbindung für gewöhnlich höher.

Erstmals hatte die Studie auch nach der Möglichkeit für Mitarbeiter gefragt, im Home-Office zu arbeiten. 38 Prozent der Berliner Unternehmen machen ihrer Belegschaft entsprechende Angebote. Bundesweit seien es nur 26 Prozent der Unternehmen. Berlin sei so gesehen Vorreiter beim mobilen Arbeiten, sagte Breitenbach. Allerdings habe nur ein Fünftel der Betriebe mit mobilem Arbeiten Regeln zum Umgang erlassen. Bei einem Großteil der Firmen gebe es keine Maßnahmen zum Schutz der Beschäftigten. Gefahren seien unter anderem ständige Erreichbarkeit und sich verlängernde Arbeitszeiten. Breitenbach warnte vor einer Zunahme von psychischen Erkrankungen und Fehltagen und kündigte an, das Gespräch mit den Sozialpartnern suchen zu wollen.