Personalnot

Mehr Rentner: Berlin braucht 21.000 Altenpfleger

Die Zahl der Rentner steigt bis zum Jahr 2030 deutlich. Die Hauptstadt muss ihr Angebot in der Geriatrie ausbauen.

Eine Fachkraft mit einer Pflegebedürftigen.

Eine Fachkraft mit einer Pflegebedürftigen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Christoph Schmidt / picture alliance/dpa

Berlin. Noch steht Berlin vergleichsweise gut da, wenn es um die Pflege und gesundheitliche Versorgung älterer Menschen geht. In den 288 Pflegeheimen gibt es noch mehr als 3000 freie Plätze. In den Krankenhäusern sind die 2082 Geriatrie-Betten zwar ständig fast komplett belegt. Von einem Notstand sprechen Ärzte jedoch nicht. „Alarm wäre falsch, aber perspektivisch haben wir ein Problem“, sagte Martina Kirdorf, leitende Oberärztin der Geriatrie im Sana Klinikum Lichtenberg.

Bereits heute fällt es Heimbetreibern, Pflegediensten oder Krankenhäusern schwer, Mitarbeiter zu finden, die sich um die betagten Menschen kümmern. „Die größten Herausforderungen sind Personal, Personal und Personal“, sagte Mario Czaja, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes Berlin und ehemaliger Gesundheits- und Sozialsenator. Der Senat beziffert den zusätzlichen Bedarf für 2030 allein in der ambulanten und stationären Altenpflege auf rund 21.000 Fachkräfte. Heute sind in diesem Bereich in Berlin knapp 44.000 Menschen tätig. 2900 Berliner lernten im Schuljahr 2018/19 Altenpflege, die Zahl stagniert seit 2015. Angehende Krankenpfleger gibt es fast ebenso viele, Tendenz leicht steigend. Aber die Aus- und Weiterbildungsanstrengungen werden nicht reichen, räumte der Senat kürzlich in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage ein.

Engpässe sind bereits spürbar, vor allem in der ambulanten Pflege in den Außenbezirken. „Je ländlicher es wird, desto schwerer fällt es den Diensten, eine Tour für ambulante Pflege aufzubauen“, sagte Oliver Zobel, Fachreferent Ältere Menschen bei der Parität.

2030 170.000 Pflegebedürftige erwartet

Sowohl für die Altenpflege als auch für die spezialisierte Altenmedizin gehen Experten auch in Berlin von einem deutlichen Anstieg der Nachfrage aus. 2030 werden nach Berechnungen des Senats 581.000 Berliner zwischen 65 und 80 Jahren, also im Rentenalter sein. Das ist ein Plus von zwölf Prozent zu 2016. Weitere 260.000 Berliner werden die 80 überschritten haben, das sind 60.000 mehr als heute (plus 62 Prozent). Mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, nicht mehr allein zurechtzukommen.

Der Senat rechnet für 2030 mit rund 170.000 Pflegebedürftigen in der Stadt und mit einem Bedarf von 42.000 stationären Plätzen, 9000 mehr als heute. Derzeit beziehen 135.000 Berliner Leistungen aus der Pflegeversicherung. Davon werden 106.000 zu Hause versorgt, die Hälfte von Angehörigen. Ohne sie wäre das System schon heute kollabiert.

Zu einem weiteren Flaschenhals neben dem fehlenden Personal könnte sich die Raumsituation entwickeln. In den vergangenen Jahren wurden in der Innenstadt zwölf Pflegeheime geschlossen, um die Gebäude anderweitig zu nutzen. Auch für Pflege-Wohngemeinschaften, die sich in den vergangenen Jahren stark ausgebreitet haben, finden die Träger kaum noch geeignete Wohnungen. Angesichts der unsicheren Perspektive fordern Experten sehr viel detailliertere Analysen, die auch die Lage in den einzelnen Stadtteilen in den Blick nehmen. „Wir wünschen uns seit Jahren eine echte Landespflegeplanung“, so der Parität-Experte Zobel.

Ringen um Betten für Geriatrie

Lewis Oskar urlaubt gerade mit seinem Herrchen in Norwegen. Aber sonst gehört der dreijährige Border Collie zum Therapieangebot in Berlins neuester Geriatrie-Station im Sana Klinikum Lichtenberg. Er hält die Patienten mobil. Lewis Oskar liegt vor der Zimmertür. Wer ihn streicheln möchte, muss aufstehen und den Weg machen.

Im lichtdurchfluteten Neubau mit den großen Gemeinschaftsflächen um den offenen Tresen der Pflegekräfte ist am Morgen des Besuchs von CDU-Landeschef Kai Wegner von den absehbaren Problemen bei der Versorgung älterer Menschen in Berlin nichts zu sehen. Auf der Station für Demente trainieren Patienten an Fitnessgeräten Kraft und Koordination. Die Menschen bleiben meist zwei bis drei Wochen. „Die meisten entlassen wir in die Häuslichkeit“, sagt die leitende Oberärztin Martina Kirdorf.

Bei Sana haben sie eine Warteliste für ihre 76 Geriatrie-Betten, aber noch gelingt es, die Menschen zu versorgen. „Auf Dauer werden wir mehr Kapazitäten brauchen“, sagt der Berliner Sana-Chef Christian von Klitzing. Vor allem im Osten der Stadt sei die demografische Entwicklung „atemberaubend“. 110 zusätzliche Betten in der Altenmedizin wurden zuletzt nachträglich in den von 2016 stammenden Berliner Krankenhausplan aufgenommen und stehen nun den Patienten zur Verfügung.

Ob damit der Bedarf wirklich gedeckt ist, bleibt in der Branche umstritten. Denn Geriatrie ist eine Spezialdisziplin. Viele ältere Menschen mit einer spezifischen Krankheit werden auch auf anderen Stationen betreut, könnten aber nach Meinung von Experten durchaus die besondere Unterstützung vor der Rückkehr nach Hause gebrauchen.

Auf die steigende Nachfrage setzt auch die Arona-Klinik, die Anfang des Jahres neben dem Unfallkrankenhaus Marzahn eröffnet hat. Betreiber ist die Holding des Unternehmers Nikolai Burkart, der bis 2017 unter anderem die Vitanas-Seniorenheime gehörten. Burkart möchte seine 65 Betten in Marzahn um 50 weitere aufstocken. Es habe sich gezeigt, dass man mit den bisherigen Kapazitäten nicht in der Lage sei, den örtlichen Versorgungsbedarf zu decken, so Burkart. Die Gesundheitsverwaltung hat den Antrag auf weitere Betten aber abgelehnt. Weitere Betten sollten eher in Krankenhäusern entstehen, die schon seit Jahren hoch ausgelastete geriatrische Abteilungen betreiben, argumentiert die Behörde. Viele Fachleute halten es zudem für besser, die Altenmedizin in allgemeinen Krankenhäusern anzusiedeln und nicht in reinen Geriatrie-Kliniken. Burkart versteht diese Entscheidung nicht. Im Senat solle man froh sein, dass die über kurz oder lang ohnehin benötigten Plätze geschaffen würden.

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