Wirtschaftsförderung

Berlin Partner: Werbung in eigener Sache sorgt für Kritik

Stefan Franzke, Chef von Berlin Partner, wirbt für seine private Firma. Aufsichtsräte befürchten Interessenkonflikte.

Berlin-Partner-Chef Stefan Franzke weist jegliche Interessenverquickung wegen seines Engagements für die Firma Findervest zurück.

Berlin-Partner-Chef Stefan Franzke weist jegliche Interessenverquickung wegen seines Engagements für die Firma Findervest zurück.

Foto: Massimo Rodari

Berlin. Viele Berliner Unternehmer fanden kürzlich eine E-Mail in ihrem Postfach. Das Schreiben hat das Zeug, bei Berlins Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berlin Partner für erheblichen Ärger zu sorgen. „Welcome to findervest – greetings from Stefan Franzke from Berlin“ heißt es darin. Franzke wirbt darin für eine Firma, die über eine App Start-ups und Kapitalgeber zusammenbringen möchte.

Den meisten Empfängern ist Stefan Franzke aus anderen Zusammenhängen bekannt. Der promovierte Maschinenbau-Ingenieur führt seit 2014 die Geschäfte von Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH.

„Ich habe mich geärgert“, berichtete eine Unternehmerin. Sie habe nie etwas mit der Firma zu tun gehabt. Findervest könne ihre Kontaktdaten eigentlich nur über Berlin Partner haben, sagte die Frau, die Franzke nur in seiner Rolle als obersten Wirtschaftsförderer kennt. Hinzu kam, dass sie Schwierigkeiten gehabt habe, aus dem digitalen Kettenbrief wieder herauszukommen. Als sie auf das „unsubscribe“-Feld zum Abmelden geklickt habe, habe das System nicht reagiert. „Das kommt mir schon komisch vor“, sagte die Unternehmerin.

Stefan Franzke verdient rund 200.000 Euro im Jahr

Tatsächlich hat Franzke gemeinsam mit Partnern 2018 Findervest mitgegründet. Die Firma bezeichnet sich als „Tinder for Start-ups and investors“. Tinder ist eine Internet-Plattform, über die sich Nutzer für alle möglichen Aktivitäten verabreden. Findervest preist sich also als eine Art digitale Kontaktbörse für junge Firmen und Geldgeber. Die Internet-Seite weist den im Wesentlichen mit öffentlichen Mitteln bezahlten Wirtschaftsförderer als Gründer und Investor und als Teil des Teams aus. Mit dem gleichen Status ist der Abteilungsleiter Start-ups bei Berlin Partner Christian Herzog bei Findervest dabei.

Nicht wenige in der Berliner Wirtschaft haben nun den Argwohn, Franzke würde seine dienstlichen Erkenntnisse und Kontakte für seine privaten Geschäfte nutzen. Immerhin ist es eine der wesentlichen Aufgaben der Wirtschaftsfördergesellschaft, Unternehmen und Kapitalgeber zusammenzubringen. Wieviel Geld Franzke bei Berlin Partner verdient, ist vertraulich. Nach Informationen der Berliner Morgenpost summieren sich fixe und variable Bezüge aber auf rund 200.000 Euro im Jahr.

Im Aufsichtsrat sind sie nicht glücklich mit dem Engagement des Berlin-Partner-Chefs. Zur Zeit des früheren Vorsitzenden, des Medizintechnik-Unternehmers Andreas Eckert, hatte Franzke sich 2017 Investitionen auch in Berliner Start-ups zwar genehmigen lassen. Seine Einlage bei dem Investoren-Finder ist nach Informationen der Morgenpost mit 7500 Euro eher klein. Unklar ist aber, ob diese Erlaubnis auch für eine persönliche Rolle bei der Kundengewinnung gilt.

„Detaillierte und lückenlose Aufklärung“

Eckerts Nachfolger an der Spitze des Aufsichtsrats hält wenig von Franzkes Unternehmertätigkeit. „Ich begrüße diese Aktivitäten nicht“, sagte Jürgen Allerkamp, Vorstandschef der landeseigenen Investitionsbank Berlin, der Morgenpost: „Als Vertreter der öffentlichen Hand muss man jeden Anschein von Interessenkonflikten vermeiden und unaufgefordert, auch schon über mögliche Interessenkonflikte, informieren“, so Allerkamp.

Auch seine Stellvertreterin, die Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), findet kritische Worte. „Herr Doktor Franzke hat Verpflichtungen gegenüber Berlin Partner und der Stadt Berlin, seinen Job als Geschäftsführer unserer Wirtschaftsförderung verantwortungsvoll auszuführen“, sagte Pop. „ Er ist verpflichtet, dem Aufsichtsrat potenzielle Interessenskonflikte anzuzeigen. Daher erwarte ich von Herrn Dr. Franzke detaillierte und lückenlose Aufklärung.“

Franzke sieht jedoch keinen weiteren Erklärungsbedarf. Er führt in einer schriftlichen Erklärung die positive Entwicklung der Arbeit von Berlin Partner an und weist jegliche Interessenverquickung zurück. Mit seinen privaten Investitionen wolle er seinen Teil zu wirtschaftlichem Wachstum und Unternehmenserfolg beitragen, schreibt Franzke. „Dabei ist selbstverständlich, dass keines dieser rein privaten Engagements mit meiner beruflichen Position in Zusammenhang steht.“ Seiner Verantwortung im Rahmen meiner Geschäftsführertätigkeit sei er sich „zu jeder Zeit bewusst“. Die Mitglieder des Aufsichtsrates seien über sein unternehmerisches Engagement informiert gewesen.

Senat zahlt den Löwenanteil des Berlin-Partner-Budgets

In Berlins Landespolitik sind die Geschäfte des Wirtschaftsförderers nicht bekannt, obwohl sie auch nicht geheimgehalten werden. „Das muss man sich genau anschauen“, sagt Christian Gräff, Wirtschaftsexperte der CDU: „Das wirtschaftliche Engagement muss strickt getrennt sein von dem Angestelltenverhältnis.“ In der Wirtschaftsverwaltung ist man schon länger unglücklich mit der Konstruktion von Berlin Partner als Kooperation zwischen Land und privaten Firmen. Mit 14,7 Millionen Euro im Jahr finanziert das Land den größten Anteil des Berlin-Partner-Budgets, verfüge aber nicht über entsprechenden Einfluss.

Die Konstruktion der zum Stadtmarketing gegründeten Berlin Partner ist komplex. In der Partner für Berlin Holding Gesellschaft für Hauptstadtmarketing mbH sind 49 private Unternehmen engagiert. Diese Holding ist mit 28 Prozent an der eigentlichen Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie beteiligt. Andere wesentliche Anteilseigner sind die Investitionsbank und die Technologiestiftung. Mit kleineren Anteilen sind Handelskammer, Handwerkskammer und die Unternehmensverbände Berlin Brandenburg dabei. Nach diversen Funktionen mit anderen Organisationen hat Berlin Partner allein die Aufgabe, Berlins Unternehmen zu fördern.

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