Extremismus

Zahlreiche Kundgebungen gegen Heß-Erinnerung

Rechtsradikale verzichten in diesem Jahr auf Gedenk-Aufzug zum Todestag des einstigen Hitler-Stellvertreters.

„Schöner leben ohne Heß“ steht bei der Gegendemonstration zum Neonazi-Aufmarsch anlässlich des Todestages von Rudolf Heß auf einem Plakat.

„Schöner leben ohne Heß“ steht bei der Gegendemonstration zum Neonazi-Aufmarsch anlässlich des Todestages von Rudolf Heß auf einem Plakat.

Foto: dpa

Berlin. Hunderte Menschen sind am Sonnabend in Berlin gegen einen Erinnerungskult an den Todestag des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß auf die Straße gegangen . Bei einer Kundgebung am Alexanderplatz rief der evangelische Landesbischof Markus Dröge am Nachmittag laut Mitteilung dazu auf, Verantwortung für die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft des Landes zu übernehmen. Seit Jahren werde versucht, eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ durchzusetzen. „Und inzwischen wird sogar der Versuch gemacht, die Erinnerung an die friedliche Revolution vor 30 Jahren um 180 Grad zu drehen“, warnte er demnach.

Die Kundgebungen an den Bahnhöfen Lichtenberg und Spandau starteten nach Angaben der Berliner Bündnisses gegen Rechts mit jeweils rund 50 Menschen. Bereits am Freitagabend hatte das Bündnis am Bahnhof Spandau demonstriert.

Mehr als 20 Demonstrationen und Kundgebungen waren zuvor in verschiedenen Stadtteilen nach Angaben eines Polizeisprechers angemeldet worden, – vor allem, um bestimmte neuralgische Plätze und Strecken, auf denen in früheren Jahren Neonazi-Demonstrationen stattfanden, vorsorglich zu besetzen. Als sich abgezeichnet habe, dass es keine angemeldete Veranstaltung der rechtsextremen Szene geben werde, wurden die angemeldeten Veranstaltungen sukzessive abgesagt, teilte die Versammlungsbehörde mit.

In Spandau stand das frühere Gefängnis der alliierten Mächte im Zweiten Weltkrieg, in dem sich Rudolf Heß am 17. August 1987 selbst getötet hatte. Neonazis hatten rund um den 17. August immer wieder in Spandau demonstriert und den Tod des 93-Jährigen dabei mit Parolen und auf Transparenten als gezielten Mord an dem einstigen Hitler-Stellvertreter bezeichnet. Im vergangenen Jahr wichen etwa 600 Rechte unangekündigt von Spandau nach Friedrichshain aus, um dort zu demonstrieren.

Um so etwas in diesem Jahr auszuschließen, hatte die Polizei für den Fall eines spontanen rechten Aufmarsches eine größere Zahl von Einsatzkräften in Bereitschaft gehalten. Zudem hatten Staatsschützer des Landeskriminalamtes (LKA) und der Verfassungsschutz zuletzt die Aufklärung in der rechtsradikalen Szene intensiviert.