Heimathafen Neukölln

Distanzierter Ausdruckstanz mit Mitski

Sängerin Mitski liefert beim Konzert im Heimathafen Neukölln eine unkonventionelle Show.

Mitski spielt am 15. August ein Konzert in Berlin

Mitski spielt am 15. August ein Konzert in Berlin

Foto: Daniel DeSlover / picture alliance/ZUMA Press

Mit maskenhaft ausdrucksloser Miene zieht die Singer-Songwriterin sich ein Paar schwarzer Knieschoner über die Beine. Die Fans lachen, während Mitski die Schoner zurechtrückt, doch im Gesicht der Musikerin rührt sich nichts. „Was ist so lustig?“, fragt sie. Den Knieschutz wird sie im Laufe des Abends gut gebrauchen können. Denn als Requisiten für den Auftritt dienen ihr ein Stuhl und ein Tisch, an denen sie sich geradezu gymnastisch betätigt.

Bei ihrem Konzert am Donnerstagabend im Heimathafen Neukölln gibt sich die 28-Jährige durchgängig distanziert. Statt in ihrem Gesicht konzentrieren sich die Gefühle in ihrer Stimme, die so glashell und ordentlich artikuliert ist wie auf ihren Platten, da wirkt jede Silbe wie geschnitzt. Ihren Gesang untermalt sie dabei mit einer Art Ausdruckstanz.

Während hinter ihr eine vierköpfige Band spielt, behandelt Mitski in Songs wie „Your Best American Girl“ immer wieder Identitätsfragen. Sie selbst ist halb Japanerin, halb Amerikanerin, bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr waren sie und ihre Familie kaum sesshaft und lebten unter anderem in der Türkei, China und Malaysia. Ihre wortgewandten, oft szenischen Texte schreibt sie allerdings auf Englisch.

Bewegungen wie in Zeitlupe

Die Bühnenshow mit Tisch und Stuhl ist minimalistisch, ihre Bewegungen führt Mitski die meiste Zeit über wie in Zeitlupe aus. Doch gerade durch diese Reduktion und Entschleunigung wird jede Geste bedeutungsschwer. Zum Beispiel, wenn die Sängerin ihren Mikrofonständer wie ein Gewehr ansetzt und ins Publikum zielt, wenn sie auf Knien über die Tischplatte rutscht oder sich hinlegt und langsam mit den Beinen im Takt zur Musik strampelt.

Vor allem die Unnahbarkeit, die Mitski mit ihrer glatten Miene zu den Konzertbesuchern aufbaut, sorgt dafür, dass die Fans jede ausladende Bewegung umso lauter bejubeln. So etwa, als die Sängerin auf der Bühne rasende Pirouetten dreht und sich für einen Moment aus dem Schleichtempo ihrer restlichen Choreografie löst.

Getanzt wird im Publikum natürlich auch, doch nicht allzu wild. Obwohl sich das bei einigen der rockigen Indie-Songs durchaus anbieten würde. Allerdings sind die kleinen Szenen, die Mitski auf der Bühne vortanzt, so hypnotisch, dass man Angst haben müsste, etwas zu verpassen, wenn man sich zu sehr dem eigenen Hüftschwung hingäbe. Und was an Tanz gespart wird, machen die Fans durch ihre absolute Textsicherheit wieder wett. Zu Songs wie „Nobody“ und „Washing Machine Heart“ singt das Publikum beinahe einstimmig mit.

Mitski wirkt ernsthaft berührt

Auch wenn Mitskis durchdachte Tanzdarbietung absolut fesselnd ist, wirkt der durchchoreografierte Abend durch sie stellenweise ein wenig starr. Bis hin zu den spärlichen Ansagen scheint alles fein säuberlich einstudiert. Da bleibt wenig Platz für Spontaneität oder ausführliche Interaktion mit den Fans. Dennoch (oder vielleicht gerade deshalb) ist der Konzertabend von Anfang bis Ende ungewöhnlich und erinnerungswürdig.

Und ganz zum Schluss lässt Mitski ihre Maske doch noch für einen kurzen Moment fallen. Als sie sich bei ihren Fans bedankt, zeigt sich endlich ein Lächeln in ihrem Gesicht. Sie wirkt ernsthaft berührt, fasst sich mit einer letzten theatralischen Geste ans Herz und beendet so ihren unkonventionellen Auftritt, den sicher keiner der Anwesenden so schnell vergessen wird.