Verwaltungsgericht

Mädchen wollte in Knabenchor singen - Klage zurückgewiesen

Das Berliner Verwaltungsgericht hat eine Klage zurückgewiesen, mit der ein Mädchen in einen Knabenchor aufgenommen werden sollte.

Junge Sänger des Staats- und Domchors zu Berlin: Die Mutter eines neunjährigen Mädchens wollte sich in den Knabenchor einklagen.

Junge Sänger des Staats- und Domchors zu Berlin: Die Mutter eines neunjährigen Mädchens wollte sich in den Knabenchor einklagen.

Foto: gezett.de

Berlin. Seit 554 Jahren gibt es den Staats- und Domchor zu Berlin, er ist die älteste musikalische Einrichtung der Stadt. Und genauso lange singen in diesem Chor ausschließlich Jungen. Dabei wird es wohl auch in Zukunft bleiben. Am Freitag wies das Berliner Verwaltungsgericht die Klage einer Mutter aus Prenzlauer Berg ab, die den Knabenchor zur Aufnahme ihrer neunjährigen Tochter zwingen wollte.

Die Klägerin Susann Bräcklein, selbst Rechtsanwältin, bemühte das Grundgesetz und die Menschenrechte, auf Seiten der beklagten Universität der Künste (UdK), dem der Chor angegliedert ist, argumentierte Chorleiter Kai-Uwe Jirka dagegen mit der Kunstfreiheit und mit Details aus der komplizierten Welt der Musiktheorie. Das Recht auf Kunstfreiheit überwiege in diesem Fall, entschied die 3. Kammer des Verwaltungsgerichts nach dreieinhalb Stunden Verhandlung und zweistündiger Beratung.

Hintergrund: Neunjähriges Mädchen will sich in Knabenchor einklagen

Die promovierte Juristin, spezialisiert auf Fälle von Diskriminierungen, hatte im November vergangenen Jahres die Aufnahme ihrer Tochter in den Chor beantragt. Das Mädchen hatte zuvor bereits im Kinderchor der Komischen Oper und später in der Domsingschule in Frankfurt/M. mitgewirkt. Nach einem persönlichen Gespräch und einem Vorsingen entschieden die Verantwortlichen: Das Mädchen habe eine gute Stimme, sie reiche aber nicht für den Staats- und Domchor, der so etwas wie die Elite unter den Berliner Kinder- und Jugendchören darstellt. Zudem verlange die Mitgliedschaft in diesem Chor die völlig Hingabe der Sänger, die Begründung der Schülerin, sie wolle mal was anderes machen, reiche da nicht aus.

Leiter des Knabenchors: Ablehnung aus rein musikalischen Gründen

Gegen diese Entscheidung klagte die Mutter namens ihrer Tochter mit dem Argument, die fachlich-musikalischen Gründe der Ablehnung seien lediglich vorgeschoben. Tatsächlich sei ihre Tochter wegen ihres Geschlechts abgelehnt worden, das verletze ihr grundgesetzlich geschütztes Recht auf gleichberechtigte Teilhabe an staatlichen Leistungen und Förderungen. Sie wolle für ihre Tochter die bestmögliche musikalische Förderung und die biete nun einmal der Staats- und Domchor, betonte die Susann Bräcklein am Freitag. Ein Angebot der UdK, ihre Tochter könne jederzeit in einem dem Staats- und Domchor organisatorisch verbundenen Mädchenchor eintreten, lehnte sie ab.

Als Beleg dafür, dass ihre Tochter wegen ihres Geschlechts abgelehnt wurde, verwies die Anwältin auf ein Schreiben der UdK, in der es hieß, die Aussicht, dass ihre Tochter im Chor aufgenommen werde, sei so groß, wie etwa die eines Klarinettisten, in einem Streichquartett zu spielen – nämlich null.

Chorleiter Jirka erklärte in der Verhandlung, seine Entscheidungen über Aufnahme oder Ablehnung eines neuen Sängers beruhten stets ausschließlich auf musikalischen Gesichtspunkten, seine Entscheidungen seien damit Bestandteil der Kunstfreiheit. Ausschlaggebend sei für ihn, dass das einheitliche Klangbild, wie es nur ein reiner Knabenchor, aber auch ein Mädchenchor garantierte, gewahrt bleibe. Dieses Klangbild lasse sich aber bei einem gemischten Chor aufgrund anatomischer Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen nicht halten. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob es möglich sei, eine Mädchenstimme zu einer Knabenstimme umzuformen, sagte Jirka: „Ja, aber nur mit Gewalt.“

Mutter: Reine Knabenchöre verstoßen gegen das Grundgesetz

Der Fall hatte im Vorfeld bereits Diskussionen ausgelöst. Susann Bräcklein sprach im Prozess von teilweise aggressiven Reaktionen. So hatte die Anwältin bereits im vergangenen Jahr in mehreren Veröffentlichungen gefordert, dass Mädchen Zugang zu Knabenchören erhalten müssten. Dabei hatte sie vor allem berühmte Chöre wie den Leipziger Thomaner-Chor oder die Regensburger Domspatzen namentlich kritisiert. Reine Knabenchöre verstießen gegen das Grundgesetz, so die Anwältin. Das Berliner Verwaltungsgericht mochte ihr nicht folgen, Susann Bräcklein bleibt aber noch der Gang vor das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg. Wegen der grundlegenden Bedeutung des Falles könne die Klägerin in Berufung gehen, sagte Richter Jens Tegtmeier.