Verkehr

Radwege in Berlin: Verkehrswende mit Hindernissen

Bauarbeiten an frisch gestrichenen Radwegen, zu wenig Parkplätze für Räder: Berlin macht es Radfahrern schwer.

Erst verwaschen, nun bis September gesperrt: Der grün markierte Radstreifen auf der Greifswalder Straße.

Erst verwaschen, nun bis September gesperrt: Der grün markierte Radstreifen auf der Greifswalder Straße.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Es wirkte wie ein Sinnbild für die Wirren der Verkehrswende. Wie ein missglückter Versuch, den Radverkehr so zu fördern, dass die Mühen des Senats ins Bewusstsein der Berliner dringen: Als ein Regenschauer Anfang August die frische Farbe des grün kolorierten Radwegs auf der Greifswalder Straße über mehrere Spuren der Magistrale spülte, lieferte das Malheur Stoff für Spott und Häme.

Es handle sich nur um überschüssigen Staub – ein Schaden für die Umwelt sei nicht zu befürchten, eine Ausbesserung des leuchtend grünen Belags nicht nötig, stellte die Senatsverwaltung für Verkehr daraufhin klar.

Radweg an der Greifswalder Straße ist bis September gesperrt

Aber kaum ist die Stelle mit dem verlaufenen Farbsand in Höhe des Volksparks Friedrichshain wieder bereinigt, ist der Vorzeigeradweg auf der Greifswalder Straße stadteinwärts plötzlich hinter Absperrungen verschwunden – mindestens bis September.

Der Grund: Bauarbeiten an den Trinkwasserleitungen am Straßenrand, ausgeführt von den Berliner Wasserbetrieben. „Der grüne Radweg bleibt erhalten und wird nicht abgefräst“, betont Jan Thomsen von der Senatsverkehrsverwaltung.

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Auch das Abstellen der Räder bereitet Probleme

Betroffen sind vielmehr die Parkplätze rechts neben dem Radstreifen. Der wird allerdings mitsamt der rechten Fahrspur als Stellenfläche für Baufahrzeuge benötigt, sagt Thomsen. „Grundsätzlich verhindern Grünmarkierungen selbstverständlich nicht, dass andere wichtige Straßenbauarbeiten stattfinden können.“

Neben dem Bewegen des Fahrrads bereitet derzeit auch das Abstellen Probleme. Seit dem Ende der Sommerferien sind die Bügel an Bahnhöfen schon in den frühen Morgenstunden voll belegt.

Der offensichtliche Mangel ist aber nicht jeder Verwaltung bekannt – das zeigt ein Blick in die Antwort auf eine parlamentarische Anfrage des SPD-Abgeordneten Sven Kohlmeier, der den Senat um eine Auflistung der Abstellanlagen in allen Bezirken gebeten hatte.

Verwaltungen fehlt Überblick zu Fahrradbügeln

Bei der Zählung von vorhandenen und den Prognosen für den Bedarf von neue Fahrradbügeln wird deutlich, dass längst nicht alle Bezirke die Situation überblicken. „Im Bezirk Pankow existiert eine hohe Anzahl an Fahrradabstellanlagen. Eine Statistik wurde nicht geführt“, heißt es zum Beispiel aus dem einwohnerstärksten Bezirk.

Tempelhof-Schöneberg gibt an, zu wenig Personal für die Erfassung zu haben. In Steglitz-Zehlendorf kapituliert der zuständige Fachbereich vor der Frage nach zusätzlichen Bügeln. „Dem Bezirksamt ist nicht bekannt, wie es möglich sein soll, einen Bedarf an Abstellanlagen für Fahrräder zu ermitteln“, lautet die Auskunft.

„Berlin tut sich bei der Verkehrswende sehr schwer“

Ein Satz, der Sven Kohlmeier mit Verwunderung aufnimmt. „Wenn man sieht, dass ein bestimmter Abstellplatz an einem Bahnhof überfüllt ist und eine bestimmte Zahl von Rädern ungeordnet herumsteht, kann man doch eine Vorstellung davon haben, wie viele Bügel man braucht“, erklärt Kohlmeier. Trotzdem hätten drei Bezirke gar keine Angaben gemacht.

Am besten gesichert ist der Überblick zu vorhandene Stellflächen in Charlottenburg-Wilmersdorf, wo der Bezirk 17.900 Bügel zählt. In Mitte sind es 6.784, in Neukölln 3550, in Spandau 669. Insgesamt sei die Antwort auf seine Anfrage sehr ernüchternd, meint Sven Kohlmeier – „Berlin tut sich bei der Verkehrswende sehr schwer.“

Auch der Radwege-Ausbau kommt nur langsam voran

Das konkrete Beispiel der Auflistung von Fahrradbügel zeigt für ihn: Entweder fehle es in den Bezirken am nötigen Willen oder es gebe eine Gleichgültigkeit im Hinblick auf das veränderte Mobilitätsverhalten der Berliner.

Auch der Ausbau der Radwege in Berlin kommt nur langsam voran, wie Kohlmeier in der Antwort auf eine weitere Anfrage an die Senatsverkehrsverwaltung erfuhr. Das Landesunternehmen Infravelo plant demnach, in diesem Jahr nur 73.000 Euro für den Bau von zwei Radwegen auszugeben.

Mehr Geld steht für Studien zur Verfügung

Für Machbarkeitsstudien und Planungsarbeiten sollen hingegen 6,5 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Die Infravelo GmbH ist insbesondere für den Bau von Radschnellverbindungen sowie die Wegweisung der Radfernwege und des Fahrradroutenhauptnetzes zuständig.

„Ich hoffe, dass der Fokus der Verkehrsverwaltung sich nicht nur in Studien für den Radverkehr erschöpft, sondern tatsächlich auch Radwege und Radverkehrsanlagen gebaut werden“, sagt Sven Kohlmeier.

„Bündnis für den Radverkehr“ sollte Ausbau beschleunigen

Machbarkeitsstudien seien wichtige Vorhaben, auch das Aufbringen der grünen Farbe. „Aber neue Radwege zur Erhöhung der Fahrradsicherheit oder Radwege in den Außenbezirken wären nach meiner Auffassung dringlicher gewesen.“

Eigentlich wollte die Senatsverkehrsverwaltung mit einem neuen „Bündnis für den Radverkehr“ den schleppend laufenden Ausbau des Radwegnetzes in Berlin beschleunigen. Im Mai fand das Auftakttreffen des Bündnisses und die erste Sitzung des Lenkungskreises statt.

Zu dem Bündnis gehören Vertreter aller zwölf Berliner Bezirke, denn in den meisten Fällen sind sie es, die den Bau von neuen Radwege in der Hauptstadt beauftragen und umsetzen müssen. „Das Bündnis für den Radverkehr wird dazu beitragen, den komplexen Infrastrukturausbau mit seinen langen Planungsvorläufen zu beschleunigen“, hatte Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) beim Auftakttreffen erklärt.