Altersbezüge

Berlin ist bei der Rente noch eine geteilte Stadt

Die Altersbezüge sollen bis 2024 angeglichen werden. Vor allem Empfänger im Ost-Teil könnten weniger Geld bekommen.

Die Höhe der Renten sorgen für Gesprächsstoff: Ralf Bolz, Guido Ditges, Charlotte Hartmann und Dieter Kloß (v.l.) diskutieren über die Altersbezüge

Die Höhe der Renten sorgen für Gesprächsstoff: Ralf Bolz, Guido Ditges, Charlotte Hartmann und Dieter Kloß (v.l.) diskutieren über die Altersbezüge

Foto: David Heerde

Berlin. Die beschlossene Angleichung der Rentenwerte zwischen Ost und West hat langfristig auch Folgen für die Höhe der ausbezahlten Altersbezüge in Berlin. Trotz der für 2020 prognostizierten Rentenerhöhung könnten langfristig vor allem im Ost-Teil der Stadt die Renten sinken, sagt der Renten-Experte Johannes Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung der Berliner Morgenpost. Geyer geht davon aus, dass besonders jüngere Berliner, die im Ost-Teil der Stadt arbeiten, im Alter mit geringeren Bezügen rechnen müssen. Jahrgänge, die in nächster Zeit in Rente gingen, würden die Änderungen kaum zu spüren bekommen, so Geyer. Derzeit ist die Rente in Ost-Berlin so hoch wie nirgendwo sonst im Bundesgebiet.

Hintergrund ist die von der Bundesregierung geplante Rentenangleichung im Osten an das höhere Westniveau. Bereits zum Juli dieses Jahres war der Rentenwert im Osten auf 96,5 Prozent des West-Werts gestiegen. In fünf weiteren Schritten ist eine jährliche Anhebung um 0,7 Prozentpunkte vorgesehen, sodass vom 1. Juli 2024 an in Ost und West derselbe Rentenwert gilt. Gleichzeitig wird der Hochwertungsfaktor abgesenkt, mit dem Ost-Gehälter bei der Rentenberechnung höher gewertet werden.

Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung erhielten Rentner im Ost-Teil der Stadt im vergangenen Jahr durchschnittlich 1160 Euro monatliche Altersrente, im West-Teil waren es 928 Euro. Die Gründe dafür liegen in der Vergangenheit: „Frauen in Ostdeutschland arbeiten durchschnittlich mehr als Frauen in Westdeutschland und unterbrechen aufgrund von Kindererziehung seltener und kürzer ihre Erwerbstätigkeit. Das schlägt sich auch in Berlin nieder“, so Experte Geyer. Zudem profitierten Bestandsrentner in Ost-Berlin noch von den Anrechnung der Beschäftigungszeiten aus der DDR.

Langfristig werden sich die Unterschiede bei der Rentenhöhe zwischen Ost- und West-Berlin aber abschwächen. Hohe Bestandsrentner würden mit der Zeit aussterben, Kohorten mit geringeren Renten rückten nach, so der DIW-Wissenschaftler. Insgesamt hänge die Entwicklung der Renten dann nur noch davon ab, wie unterschiedlich sich Arbeitsmarkt und Verdienst zwischen Ost und West veränderten.

Die Linkspartei im Bundestag hingegen hat mit Blick auf die geplante Angleichung bei der Berechnung der Altersbezüge erneut vor einer Benachteiligung von Rentnern in Ostdeutschland gewarnt. „Wenn die Umrechnung abgeschafft werden würde, würden viele Menschen im Osten trotz des vollständige angeglichenen Rentenwerts deutlich niedrigere Renten als heute erhalten“, sagte der rentenpolitische Sprecher der Partei, Matthias W. Birkwald.

Derzeit verdienen ostdeutsche Arbeitnehmer rund 21 Prozent weniger als Beschäftige im Westen der Republik. Bis sich die Löhne vollständig angeglichen haben, fordert die Linke deshalb, die Rentenberechnung wie bisher durch die Umrechnung abzufedern. Ohne weitere Umrechnung der Löhne würde die beschlossene Angleichung künftige Rentner im Osten weiter benachteiligen, erklärte Birkwald.

Die Sozialverbände in Deutschland begrüßen die beschlossene Angleichung der Renten, bezweifeln aber die Finanzierung. „Die Rentenanpassung wird insgesamt 15,7 Milliarden Euro kosten, davon werden aus Steuermitteln maximal zwei Milliarden finanziert“, sagte die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Verena Bentele. Den größten Teil müssten die Beitragszahler der Rentenversicherung aufbringen – also Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Rentner. Das schaffe neue Ungerechtigkeiten und Konfliktpotenziale. „Die Verwirklichung der Deutschen Einheit ist aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und muss deshalb komplett aus Steuermitteln finanziert werden“, forderte Bentele.

Auch die AfD im Bundestag zweifelt die Finanzierung an. Auf ostdeutsche Rentner sehe man aufgrund steigender Mieten zusätzliche Belastungen zukommen. „Viele der künftigen Rentner wohnen zur Miete und werden mit hohen Wohnkosten konfrontiert sein bei gleichzeitig nur relativ niedrigen Renten“, so die rentenpolitische Sprecherin der AfD, Ulrike Schielke-Ziesing.

Berlin bei der Rente noch geteilt

Wer einmal in Berlin lebt, will nicht mehr weg. Vier von fünf Berlinern wollen in der Hauptstadt alt werden, hatte im vergangenen Jahr eine Umfrage der Berliner Sparkasse ergeben. Mit gemischten Gefühlen betrachten die Bewohner allerdings die Veränderungen, die vor ihrer Haustür geschehen. Wenn der eigene Kiez zum schicken Szene-Viertel mit angesagten Cafés und Restaurants mutiert, macht das vielen Berlinern eher Sorgen. 61 Prozent sehen laut Umfrage des Geldinstituts durch die fortschreitende Gentrifizierung eher Risiken als Chancen. Vor allem ältere Berliner blicken skeptisch auf die Veränderungen. Denn was ist, wenn die eigenen Rente nicht ausreicht, um die Miete der so vertrauten Wohnung finanzieren zu können?

Berlin ist mit Blick auf die Versorgung im Alter weiter eine geteilte Stadt. Auch fast 30 Jahre nach dem Fall der Mauer bestehen noch immer große Unterschiede bei der Höhe der ausbezahlten Altersbezüge. Betrachtet man nur die Rentenzugänge im Jahr 2018, lag der durchschnittliche Rentenzahlbetrag laut Deutscher Rentenversicherung bei 1086 Euro für Männer in Ost-Berlin und 940 Euro für Männer im Westteil der Stadt. Bei Frauen fiel der Unterschied sogar noch deutlicher aus: Im Osten hatten die Frauen 1077 Euro Rente auf dem Konto, West-Berlinerinnen hingegen nur 793 Euro.

Seit der Wende werden Löhne im Osten hochgerechnet

Bei den Bestandsrenten sieht es ähnlich aus: Berlins Ost-Rentner erhielten im vergangenen Jahr durchschnittlich monatlich 1160 Euro, West-Rentner hingegen nur 928 Euro. Johannes Geyer, Renten-Experte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) erklärt, warum: „Die Löhne in Ost-Berlin werden wie überall in Ostdeutschland mit dem sogenannten Umrechnungsfaktor für die Rentenberechnung aufgewertet“, sagt Geyer. Damit solle kompensiert werden, dass die Durchschnitts-Löhne in Ost und West auch im 30. Jahr des Mauerfalls weiterhin unterschiedlich sind.

Die Methodik hat historische Gründe, erklärt Geyer. „Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung lag das Durchschnittsentgelt in Westdeutschland viel höher als in der ehemaligen DDR. Hätte man die Renten auf dieser Basis berechnet, wären sie sehr klein ausgefallen“, sagt der Wissenschaftler. Seitdem werden deswegen die Arbeitslöhne Ost auf Westniveau umgerechnet und hochgerechnet. Durch die von der Bundesregierung beschlossene Rentenangleichung werden langfristig die Unterschiede zwischen Ost und West sinken, sagt Geyer. Das könnte vor allem bei jüngeren Berlinern, die im Osten der Stadt arbeiten, zu geringeren Renten führen.

Charlotte Hartmann ist 23 Jahre alt. Nach ihrer Ausbildung als Erzieherin schlägt sich die Berlinerin mit Gelegenheitsjobs durch. Immer wieder ist die junge Frau auch ehrenamtlich tätig, zum Beispiel in Senioreneinrichtungen. An einem Sommerabend Anfang August sitzt Hartmann auf einem weißen Plastikstuhl im Garten der Volkssolidarität in Friedrichshain. Es gibt Bratwurst und Steak, dazu selbstgemachte Salate. In unregelmäßigen Abständen treffen sich Hartmann und andere Ehrenamtler. Geredet wird auch über die Arbeit. Aber nicht nur. Rente? Hartmann muss überlegen. Das sei ja noch so weit weg. „Ich mache mir darüber nicht viele Gedanken. Wenn, dann denke ich über das Rentensystem an sich nach, weil ich viele Menschen treffe, die von ihrer Rente nicht leben können“, sagt die Berlinerin.

Guido Ditges, 51 Jahre alt, hingegen habe „ganz schlechte Gefühle“ bei dem Gedanken an die Rente. „Altersarmut ist vorprogrammiert“, sagt Ditges, der als Telefonist in einem Callcenter arbeitet. Die angeschobene Rentenangleichung hält er aber für richtig. „30 Jahre nach der Einheit – und wir sind bei den Rentenwert-Punkten noch immer nicht auf West-Niveau. Das kann doch nicht sein,“ beschwert er sich. Ähnlich sieht es auch der 60 Jahre alte Ralf Bolz, der acht Jahre selbstständig war und währenddessen nicht in die Rentenkasse eingezahlt hatte. „Ich kann mir ausrechnen, wie viel Rente ich bekomme. Viel wird es nicht sein“, sagt Bolz trocken.

Lohnniveau in Berlin zuletzt rasant angestiegen

Der Vorsitzende der Seniorenvertretung Friedrichshain-Kreuzberg, Dieter Kloß, kennt Fälle wie Ralf Bolz. Kloß hat beobachtet, wie sich Menschen verhalten, steht im Alter nicht genügend Geld zur Verfügung. Das sehe man beim Seniorentreffen. „Die aktiven Teilnehmer sind oftmals diejenigen, die ganz gut dastehen. Viele, die weniger Einkommen haben, ziehen sich notgedrungen zurück“, sagt Kloß, der selbst Rentner ist. Die unterschiedliche Höhe der Renten zwischen dem ehemaligen Ost-Ortsteil Friedrichshain und dem früheren West-Ortsteil Kreuzberg spiele bei vielen Bewohnern im Bezirk hingegen nur eine untergeordnete Rolle, hat Kloß beobachtet. Die SPD im deutschen Bundestag empfindet die Unterschiede in der Rentenberechnung zwischen Ost und West hingegen noch immer als ungerecht.

„Die Lebensleistung in Ost und West ist gleich viel Wert“, sagt etwa die Abgeordnete Daniela Kolbe. Die Angleichung sei daher auch ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Vollendung der Deutschen Einheit. Die SPD habe die Rentenangleichung ursprünglich früher durchsetzen wollen, doch die CDU habe das blockiert. In den kommenden Jahren werde ihre Partei nun dafür sorgen, dass auch die Ost-Löhne das West-Niveau erreichen, verspricht Kolbe. Dabei soll unter anderem ein höherer Mindestlohn helfen.

Peter Weiß, der sozialpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, hält eine frühere Rentenanpassung für möglich. Dafür müsste allerdings die Lohnentwicklung besser ausfallen als erwartet. Dank der guten Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt sei das nicht unwahrscheinlich, sagt Weiß.

Wie schnell der Aufholprozess ablaufen kann, hat die deutsche Hauptstadt in den vergangenen Jahren untermauert: Ende 2018 lag der mittlere Wert der monatlichen Bruttoarbeitsentgelte von Vollzeitbeschäftigten in Berlin bei 3242 Euro – der Bundesdurchschnitt lag in dem Jahr bei 3304 Euro. Damit hatten Berlins Vollzeitarbeitnehmer 98,1 Prozent des gesamtdeutschen Lohnniveaus erreicht. Fünf Jahre zuvor lag dieser Wert erst bei 69,1 Prozent.